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Oberbürgermeister Gert Hager (links) beim Überreichen der Plaketten als äußeres Zeichen des Reuchlinpreises der Stadt Pforzheim an Wolfgang Huber (rechts) und Karl Kardinal Lehmann. Foto: Ketterl
27.10.2013

Zum 27. Mal den Reuchlinpreis der Stadt Pforzheim verliehen

Pforzheim. Es war eine Premiere, als am Samstag in Erinnerung an Pforzheims großen Sohn, den Humanisten Johannes Reuchlin (1455 bis 1622), die nach ihm benannte Auszeichnung verliehen wurde: der Reuchlinpreis der Stadt Pforzheim 2013. Erstmals erhielten ihn mit Karl Kardinal Lehmann und Bischof a.D. Wolfgang Huber zwei Persönlichkeiten gemeinsam.

Bildergalerie: Reuchlinpreis geht an Kardinal Lehmann und Bischof Huber

Es sind die derzeit wohl prominentesten Kirchenvertreter Deutschlands, die in besonderer Weise für kirchliche Reformen und für den Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft stehen.

Wie Oberbürgermeister Gert Hager beim Festakt im Stadttheater – dieser wurde wegen der großen Resonanz aus der Bevölkerung per Video auch ins „Podium“ und ins Foyer übertragen – erinnerte, hatte der Gemeinderat 1955 zum 500. Geburtstag von Johannes Reuchlin den Preis zur Förderung der Geisteswissenschaften gestiftet. Es habe sich dabei um den ersten Preis dieser Art gehandelt, der im Deutschland der Nachkriegszeit vergeben wurde. „Gerade die so sehr von der Zerstörung gekennzeichnete Stadt zeigte damit Größe und blickte mit diesem Preis visionär in die Zukunft“, sagte er.

Neue Borschaft vermittelt

Ganz im Sinne Reuchlins, der als Inbegriff des Universalgelehrten galt, sei der Preis seither an Geisteswissenschaftler verliehen worden, deren Lebenswerk über die Grenzen ihres Fachgebiets hinaus von großer Bedeutung war. Nun soll er aber noch mehr mit Reuchlins Wirken und dessen Botschaft für uns heute Lebende in Verbindung gebracht werden.

Die Themen „kulturelle Vielfalt“ und „multireligiöse Gesellschaft“, so der OB, seien für Reuchlin schon vor fünf Jahrhunderten von Bedeutung gewesen. Mit seinem Plädoyer „Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt“ habe er als Gutachter klar Stellung gegen die Beschlagnahmung und Verbrennung jüdischer Literatur bezogen. Nur Reuchlin habe in seiner aufrechten und unbeugsamen Haltung Standhaftigkeit gezeigt und diejenigen verteidigt, die zu den Ausgegrenzten der damaligen Gesellschaft gehörten. Diese Strahlkraft seiner Botschaft sei keineswegs verblasst. Im Gegenteil. Sie sei heute in unserer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft sogar wieder besonders aktuell. „Verachtet nichts, nur weil es fremd und anders ist, und weil sich unsere Ansichten und Gewohnheiten vielleicht daran reiben“, zitierte Hager den Humanisten. Dies habe Reuchlin zu einem „herausragenden Vater des Toleranzgedankens“ gemacht.

Das Stadtoberhaupt verwies darauf, dass in Pforzheim Mitbürger aus 143 Nationen eine neue Heimat gefunden haben. Damit trotz vorhandener Unterschiede eine gute und lebendige Stadtgemeinschaft zusammenwachse, seien Gespräche, Dialoge, Achtung voreinander und gemeinsames Handeln wichtig. Die Grundlagen dafür seien Offenheit, Aufgeschlossenheit und Toleranz. „Nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leben wollen wir. Das ist eine große Herausforderung“, bekundete der Oberbürgermeister.

In bewährter Zusammenarbeit mit der Heidelberger Akademie der Wissenschaften wurden mit Wolfgang Huber und Karl Kardinal Lehmann ein herausragender evangelischer und katholischer Theologe für den Reuchlinpreis 2013 ausgewählt – insbesondere für ihren ökumenischen Dialog des Respekts, für ihren offenen, auch kritischen christlich-muslimischen Dialog und für ihren Einsatz für innerkirchliche Reformen. „Ihr Handeln steht damit in guter Tradition der Träger des Reuchlinpreises der Stadt Pforzheim – vor allem aber im Sinne der moralisch-ethischen Werte eines Johannes Reuchlin“, sagte Hager.

Reuchlin und sein Einstehen für das jüdische Schrifttum zog sich wie ein roter Faden durch die Reden. Staatssekretär Jürgen Walter vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg sprach an, dass sich Reuchlin wie auch sein Humanismus-Kollege Erasmus von Rotterdam gegen den anti-jüdischen Grundton ihrer Zeit gewandt haben. Dass die Stadt diesen Preis vergebe hob er ebenso anerkennend hervor wie die Einrichtung des Museums Johannes Reuchlin. Professor Bernhard Zimmermann, Sekretar der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, ging auf den Philosophen der römischen Antike, Marcus Tullius Cicero, und dessen Gedanken ein, wie man mit angeblichen Feinden (Griechen) umzugehen habe sowie auf die von ihm beschriebene Humanitas – Menschenfreundlichkeit und Bildung.

Laudatio einmal anders

Einen besonderen Reiz bildete die jeweilige Laudatio, die für Karl Kardinal Lehmann und Wolfgang Huber gehalten wurde – für den Katholiken war es mit Professor Gerd Theißen (früher Neutestamentliche Theologie an der Uni Heidelberg) ein Vertreter der evangelischen Kirche, und für den Protestanten Wolfgang Huber der Priester und Professor für Moraltheologie in Freiburg, Professor Eberhard Schockenhoff. Sie würdigten das Lebenswerk der beiden Preisträger und verwiesen vor allem darauf, dass diese ihre Kirche glaubwürdig vertreten und sie daher auch von Andersgläubigen geschätzt werden. Im Dialog, als Moderator bei Konflikten, im Einsatz für Frieden und Menschenrechte, im Dienst am Nächsten, im rechten Verständnis der christlichen Freiheit seien Lehmann und Huber Vorbilder, die oftmals auch in den eigenen Reihen anecken.

Große Bedeutung erworben

In seinen Dankesworten ging Karl Kardinal Lehmann weitgehend auf Johannes Reuchlin ein, auf dessen Mut und Gerechtigkeitssinn. Reuchlin habe sich eine große Bedeutung in der Geschichte der Toleranz erworben, sagte er. Auch Huber betonte, dass man Menschen brauche mit einer klaren Haltung wie Johannes Reuchlin. Die Freiheit des Gewissens, des Glaubens, der Religion sei ein hohes Gut. Man müsse seine Feinde achten, auch wenn man mit ihren Überzeugungen nicht übereinsimme, betonte Huber. Johannes Reuchlin sei ein bleibendes Beispiel für Toleranz geworden.

Die zweistündige Feier wurde musikalisch vom Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim umrahmt. Dessen Leiter Tomi Handschuh hatte dazu Kompositionen von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Luigi Boccherine ausgewählt. Solist bei dessen Konzert für Violoncello Nr. 3 war Professor Julius Berger (Augsburg).

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