nach oben
Lore Perls. Foto: Seibel
Lore Perls. Foto: Seibel
09.02.2018

Zwei Abende widmen sich der Psychotherapeutin Lore Perls

Pforzheim. Doppelte Würdigung: Mit zwei Abendveranstaltungen gedachte Pforzheim der Psychoanalytikerin Lore Perls – der aus der Goldstadt stammenden Mitbegründerin der Gestalttherapie. Der Förderverein des „Hauses der seelischen Gesundheit – Lore Perls“ und die „Löblichen Singer“ luden am Mittwoch ins Kulturhaus Osterfeld ein. Die jüdische Gemeinde öffnete ihre Tore am Donnerstag für eine literarische Begegnung mit Perls. Beide Veranstaltungen prägte die mit Perls und ihrer Familie befreundete Autorin, Herausgeberin und Psychologin Nancy Amendt-Lyon, mit Texten aus eigenen Büchern, mit Zitaten aus Perls’ Notizen, mit Familienfotos, mit denkwürdigen Begebenheiten und aufschlussreichen Anekdoten.

Wer waren die Perls?

An anderen Orten, ganz besonders in der Welt der Psychotherapeuten, sei Lore Perls (1905–1990), in Nordamerika „Laura“ genannt, heute viel bekannter als in ihrer Heimatstadt, erläuterte Nancy Amendt-Lyon ihre eigene Motivation, genau hier zur Steigerung Perls Bekanntheit beizutragen. „Lore Perls hieß mit Mädchennamen Posner und stammte aus einer Familie der deutsch-jüdischen Bourgeoisie“, erzählte Nancy Amendt-Lyon. Ihr Vater war Schmuckfabrikant, sie besuchte das Reuchlin-Gymnasium und studierte an der Universität Frankfurt. „Sie war politisch sehr wach und im Widerstand aktiv“, so Amendt-Lyon weiter. Sie und ihr Mann, Fritz Perls (1893-1970), konnten rechtzeitig vor den Pogromen der Nationalsozialisten fliehen. Zunächst nach Amsterdam. Später nach Südafrika und weiter in die Vereinigten Staaten. Gemeinsam mit dem amerikanischen Autor, Sozialkritiker und Psychotherapeuten Paul Goodman (1911–1972) begründeten sie die Gestalttherapie.

Was kennzeichnet die Gestalttherapie?

Weite Teile der Gestalttherapie haben sich aus der Psychoanalyse, ihrer wissenschaftlichen Kritik und aus der Abgrenzung zu ihr entwickelt. Die Gestalttherapie ist ein erlebnisaktivierendes Therapieverfahren. Sie zielt auf das persönliche Wachstum und auf die Entfaltung der Persönlichkeit ab und strebt die Verfeinerung der Wahrnehmung aller Gefühle, Gedanken, Empfindungen und Verhaltensweisen an, um unbewusste Verhaltensmuster dem Bewusstsein und damit der Entscheidungsmöglichkeit zugänglich zu machen. Die vier zentralen Methoden der Gestalttherapie arbeiten dialogisch, feldtherapeutisch, phänomenologisch und existenzialistisch. Viele Behandlungsergebnisse, so betonte Nancy Amendt-Lyon, überträfen heute die der Psychoanalyse, beispielsweise bei der Therapie von Angst oder Hysterie. Ans Publikum gewandt, beschrieb sie Perls stets den Patienten zugewandtes therapeutisches Vorgehen mit dem Hinweis: „Ich glaube, Lore Perls war der erste weibliche Psychoanalytiker, bei dem die Patienten sitzen durften.“

Wie verbunden war Lore Perls mit Pforzheim?

Fritz und Lore Perls sind auf dem Pforzheimer Hauptfriedhof beerdigt. Als Lore aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückkam, sie starb im Siloah Krankenhaus, brachte sie die Urne ihres Mannes mit. Andrew Hilkowitz von der jüdischen Gemeinde betonte den selbstbewussten Willen Lore Perls mit der Feststellung: „Eine Kremierung, die in der jüdischen Glaubenslehre so gar nicht vorgesehen ist.“

Warum sind die aktuellen Publikationen so wichtig?

Lore Perls Einfluss auf Theorie und Praxis der Gestalttherapie ist unbestritten und kann nicht hoch genug geschätzt werden. Sie selbst veröffentlichte zu Lebzeiten allerdings wenig. Ihr Mitwirken am 1951 erschienenen Grundlagenbuch „Gestalttherapie“ von Fritz Perls, Paul Goodman und Ralph F. Hefferline blieb stets unerwähnt. Nancy Amendt-Lyon hat Lore Perls 1976 in Ney York kennengelernt. Ihre Tochter, die inzwischen 87-jährige Renate Perls, hat der Wahl-Wienerin im Frühjahr 2013 wichtige Aufzeichnungen und persönliche Notizbücher anvertraut. Sie flossen in Amendt-Lyons, auch von PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer geförderten Publikation zu Lore Perls „Zeitlose Erfahrung“. Renate habe sehr begrüßt, dass so endlich ihre Mutter in den Mittelpunkt gerückt wurde.