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Schöne Aussichten: Die Kosovaren freuen sich auf das Leben in Unabhängigkeit. Die Freude wird aber nicht von allen geteilt – schon gar nicht von den Serben. Foto: Xhemaj, dpa
Schöne Aussichten: Die Kosovaren freuen sich auf das Leben in Unabhängigkeit. Die Freude wird aber nicht von allen geteilt – schon gar nicht von den Serben. Foto: Xhemaj, dpa
18.02.2008

„Eine Region am Tropf der EU“

Pforzheimer Zeitung: Herr Krichbaum, war der Sonntag ein guter Tag für Europa? Gunther Krichbaum: Für die Kosovo-Albaner hat sich sicherlich ein lang gehegter Traum erfüllt. Wir müssen aber in Europa natürlich auch aufpassen, dass wir nicht Strukturen verselbstständigen, die nicht überlebensfähig sind. Außerdem wird es anderen Regionen, die ihrerseits nach Unabhängigkeit streben, wie dem Baskenland, nur schwer begreiflich zu machen sein, dass ihnen genau dieser Schritt nicht möglich sein wird. Hinzu kommt, dass wir noch weitere Konflikte haben, wo ebenfalls Abspaltungen drohen, beispielsweise in Transnistrien und Teilen Georgiens. Hier spielt jeweils Russland eine schwierige Rolle.

PZ: Der UN-Unterhändler Albert Rohan, glaubt nicht, dass der Kosovo automatisch zum Vorbild für andere nach Unabhängigkeit strebende Minderheiten wird. Der Kosovo sei ein Sonderfall, argumentiert er. Würden Sie dem widersprechen?
Krichbaum:  Auch das Auswärtige Amt spricht da von einem Fall „eigener Art“, also, dass das Kosovo für sich alleine sei. Ich habe auch schon zu Frank-Walter Steinmeier gesagt: Alles schön und gut, aber wer definiert bitte „eigener Art“? Da beanspruchen womöglich plötzlich ganz viele Regionen für sich, ebenfalls ein Sonderfall zu sein. Die Gefahr ist, dass hier ein Domino-Effekt entsteht.

PZ: Welche Probleme warten auf die Europäische Union im Kosovo?
Krichbaum: Die Europäische Union wird hier über Jahrzehnte in der Pflicht sein. Das ist eine Region, die am Tropf der EU hängen wird, weil es dort eine Arbeitslosigkeit von über 40 Prozent gibt. Eben weil dort die wirtschaftliche Perspektive gegenwärtig einfach fehlt, ist die Kriminalitätsrate sehr hoch. Das muss man einfach so nüchtern aussprechen. Deswegen: Momentan überwiegt die Euphorie, aber auf der anderen Seite ist klar, dass es irgendwann zu einer Katerstimmung kommen kann, nämlich dann, wenn sich die Erwartungen der Menschen nicht erfüllen. Deswegen ist jetzt wichtig, dass zügig wirtschaftliche Perspektiven entstehen.

PZ: Sie haben es gerade angesprochen: Mit dem Kosovo verbinden viele vor allem Kriminalität und Bandentum. Wie nahe ist dieses Bild an der Wirklichkeit?
Krichbaum: Das Bild ist nicht falsch. Man muss bedenken, dass die Menschen oft verzweifelt sind. Wenn nicht die Möglichkeit besteht, durch eine legale berufliche Tätigkeit Einkommen zu erzielen, dann gewinnen eben solche Erscheinungen viel stärker an Bedeutung.

PZ: Was kann Deutschland dafür tun, dass es auf dem Balkan künftig friedlich zugeht?
Krichbaum: Nicht Deutschland alleine, aber die Europäische Union ist hier gefordert. Die EU muss dafür sorgen, dass diese Regionen eine Perspektive für die europäische Zusammenarbeit bekommen. Insbesondere Serbien. Es gibt das so genannte Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen, das ist sozusagen der Vorhof für eine Mitgliedschaft in der EU. Ich hielte es für wichtig, dass dieses Abkommen mit Serbien alsbald unterzeichnet wird. Gleichzeitig müssen wir schauen, dass der Kontakt unter den Bürgern verstärkt wird. Es gibt bundesweit gerade mal drei Städtepartnerschaften zwischen deutschen und serbischen Gemeinden. Drei! Daran kann man schon vieles ablesen. Dazu kommt: Im Zeitalter des Kalten Krieges konnten die Bürger des damaligen Jugoslawien frei reisen – heute, im Zeitalter der Europäischen Union, können es die Serben nicht mehr. Da müssen Visa-Erleichterungen her.

PZ: Ist die Staatengemeinschaft gerüstet für den Fall, dass es wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Serben und Kosovo-Albanern kommt?
Krichbaum: Die mancherorts geäußerte Befürchtung, dass Serbien militärisch reagieren könnte, halte ich für absurd. Die Menschen dort, auch die Serben, haben vom Krieg die Nase voll. Die wollen das nicht. Und ich gehe auch davon aus, dass sich Unruhen, wie wir sie gestern Nacht hatten, schnell wieder legen werden. Die Regierung in Serbien hat für sich aber auch die Aufgabe und die Verantwortung, den Blick nach vorne zu richten, und zwar in Richtung Europa. Das Kosovo wurde aus serbischer Sicht nicht im Jahre 2008 verloren, sondern im Jahre 1999 – durch den Balkankrieg, und daran war Serbien nun mal nicht ganz unbeteiligt.

PZ: Die EU will dem neuen unabhängigen Staat Kosovo so schnell wie möglich eine europäische Perspektive geben. Wie schnell ist mit einem EU-Beitritt zu rechnen?
Krichbaum: Ein EU-Beitritt für das Kosovo steht für mich im Augenblick überhaupt nicht zur Debatte. er erste Schritt muss sein, dass wir in dieser Region staatliche Strukturen schaffen, damit die Menschen überleben können. An einen EU-Beitritt ist nicht zu denken – und zwar in einem Zeitraum von wenigstens 20 Jahren.