nach oben
Frei von Zensur: Der Leipziger Künstler Norbert Bisky schuf das diesjährige Motiv zum Internationalen Tag der Pressefreiheit. Foto: Michaela Kühn
Frei von Zensur: Der Leipziger Künstler Norbert Bisky schuf das diesjährige Motiv zum Internationalen Tag der Pressefreiheit. Foto: Michaela Kühn
03.05.2019

PZ feiert den Tag der Pressefreiheit mit Sonder-Titelseite von Künstler Norbert Bisky

Berlin-Friedrichshain, ein denkmalgeschütztes Backsteingebäude im Hinterhof. Hier hat Norbert Bisky im Heuspeicher eines ehemaligen Pferdestalls sein Atelier. Wer den Künstler, der zu den wichtigsten zeitgenössischen Malern der jüngeren Generation zählt, besuchen möchte, muss erst eine steile, dunkle Treppe überwinden. Oben angekommen aber öffnet sich hinter einer feuerfesten Eingangstür der Blick ins lichterfüllte Studio. Ganz hinten, an der Stirnwand, trocknet noch das Gemälde, das Norbert Bisky zum 3. Mai geschaffen hat. Im PZ-Interview spricht Bisky über sein Kunstwerk „Rauschen“ und seine Erfahrungen ohne Pressefreiheit in der DDR.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) hat den international gefeierten Maler dafür gewonnen, zum Tag der Pressefreiheit ein Kunstwerk zu schaffen, das allen Mitgliedsverlagen als Titelseite/Motiv zur Verfügung gestellt wird.

>>> Hier können Sie die Front-Sonderseite der Pforzheimer Zeitung zum Tag der Pressefreiheit herunterladen. <<<

>>> Hier können Sie die zweite Sonderseite der Pforzheimer Zeitung zum Tag der Pressefreiheit herunterladen. <<<

Über das Thema Pressefreiheit werde derzeit weltweit so intensiv diskutiert wie schon lange nicht, erklärte dazu BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff. „Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit nicht nur im Grundgesetz verankert ist, sondern täglich gelebt wird.“ Doch auch hierzulande müsse dieses wichtige Grundrecht immer wieder verteidigt werden. Besorgt stimmten vor allem die zunehmenden Angriffe auf Journalisten. Vor diesem Hintergrund sei die Aktion des BDZV mit dem Künstler ein „Ereignis, das durch seinen Ausnahmecharakter ein weithin sichtbares Zeichen für Pressefreiheit setzen“ solle.

PZ: Herr Bisky, Pressefreiheit ist ein großes Wort. Was bedeutet Meinungs- und Pressefreiheit für Sie persönlich?

Norbert Bisky: Mir persönlich bedeutet es sehr viel, weil ich in einem Land groß geworden bin, in dem es nichts Langweiligeres gab als die Presse. Weil sie völlig gleichgeschaltet schwarz-weiß langweilig war und immer nur das verkündet hat, was vorher die Mächtigen schon abgesegnet haben

PZ: Wir sprechen über die DDR?

Norbert Bisky: Wir sprechen über die DDR, genau. Ist lange her, dieses Jahr 30 Jahre. Damals war ich Teenager und kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie blöd und langweilig das ist. Im Moment gibt’s ja wieder Leute, die gern ein paar Pressefreiheiten abschaffen würden, wenn sie könnten – oder einfach Journalisten, die ihnen nicht passen, zum Schweigen bringen oder entlassen würden. Oder die gerne dafür sorgen würden, dass nicht genehme Meinungen nicht veröffentlicht werden. Und das ist schon eine komische Entwicklung.

PZ: Viele Künstler in Deutschland beschäftigen sich – anders als zum Beispiel in Frankreich – nicht großartig, geschweige denn öffentlich mit dem Thema Presse- oder auch Kunstfreiheit. Gibt es Situationen, in denen Sie sagen: Hier ist Schluss, dazu muss ich mich äußern?

Norbert Bisky: Das ist eine ganz komplexe, schwierige Frage, denn Kunst ist Kunst und keine Politik und keine Propaganda und keine Illustration. Das ist ganz, ganz wichtig. In meinen Jugendjahren habe ich erlebt, wie versucht wurde, Kunst zu instrumentalisieren. Wenn aber die allgemeine Freiheit eingeschränkt werden soll oder die Informationsfreiheit, dann betrifft das als erstes immer die Künstler. Denn die Künstler sind ja diese unzuverlässigen, nicht zu beherrschenden Spinner, die irgendwas Komisches machen, was man nicht gut kontrollieren kann. Und insofern gibt’s schon Situationen, wo auch die Künstler dann reagieren: So, das interessiert mich jetzt, das interessiert mich auch politisch, und dazu möchte ich was sagen.

PZ: Als der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger Sie fragte, ob Sie wohl bereit wären, ein Motiv für uns zum heutigen 3. Mai – also zum internationalen Tag der Pressefreiheit – zu machen, haben Sie sofort Ihre Zusage gegeben. Was hat Sie dazu bewogen?

Norbert Bisky: Zum einen meine persönliche Erfahrung, dass ich einfach weiß, was Pressefreiheit tatsächlich bedeutet. Weil ich es auch anders kenne. Ich bin, glaube ich, einer der wenigen, die es noch anders kennen. Zeit vergeht ja sehr schnell. Und ich habe dann gedacht: Ja, das ist eine Herausforderung. Und jetzt muss ich schauen, dass ich was mache, was dem Thema angemessen ist. Was sehr schwierig ist, weil es natürlich ein sehr hartes und ein sehr ernstes Thema ist, weil viele Leute ja tatsächlich ihr Leben lassen – nur dafür, dass sie einen kritischen Artikel geschrieben haben.

PZ: Ihr Gemälde heißt „Rauschen“. Was verbinden Sie mit diesem Titel?

Norbert Bisky: Der Titel lässt, denke ich, eine Menge Assoziationen offen. Zum Beispiel, dass wir alle von einem irrsinnigen Medienrauschen umgeben sind. Noch nie gab es so viele elektronische Bilder wie heute. Noch nie haben so viele Leute Fotos gemacht. Vielleicht haben sogar noch nie so viele Leute irgendwas getippt, was andere lesen können. Und es führt dennoch nicht automatisch dazu, dass alles besser wird, sondern teilweise ins genaue Gegenteil. In der Fotografie kann man zum Beispiel ganz gut sehen, dass sie gerade nicht unbedingt ihren Höhepunkt hat, obwohl so viele Leute Fotos machen. Die Bilder werden immer schneller, immer achtloser. Vielleicht betrifft das auch Texte? Keine Ahnung. Ich wollte die Situation zeigen, dass wir ein digitales Rauschen haben, ein elektronisches Rauschen; dass uns aber auch der Kopf ganz schön schwirrt von dem Zeug.

Zur Person Norbert Bisky

Norbert Bisky (geboren 1970 in Leipzig) gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Maler in Deutschland. Er ist bekannt für seine meist großformatigen, farbsprühenden Darstellungen drastisch-realistischer Inhalte. Für den Abdruck in den deutschen Zeitungen hat der Künstler mit dem Bild „Rauschen“ (2019, Öl auf Leinwand, 50 x 40 Zentimeter) ein geradezu intimes und ambivalentes Motiv geschaffen.

Nach Ai Weiwei (2016), Yoko Ono (2017) und Georg Baselitz (2018) ist Norbert Bisky der vierte namhafte Künstler, der den Tageszeitungen in Deutschland zum Internationalen Tag der Pressefreiheit ein besonderes Werk für die Titelseite zur Verfügung stellt.  

Mehr zum Thema Pressefreit:

Pressefreiheit weltweit in Gefahr - 81 % sehen Demokratie durch Desinformation bedroht