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Konnte Osama Bin Laden tatsächlich jahrelang unbehelligt in Pakistan leben? Den Islamisten ist das egal, sie feiern den erschossenen Terroristen schon jetzt als Märtyrer.
Konnte Osama Bin Laden tatsächlich jahrelang unbehelligt in Pakistan leben? Den Islamisten ist das egal, sie feiern den erschossenen Terroristen schon jetzt als Märtyrer. © dpa
07.05.2011

Vorwürfe gegen Pakistan: Bin Laden jahrelang unbehelligt

Der Geheimdienst Pakistans gerät schwer unter Druck: Vor seinem Tod hat Topterrorist Osama bin Laden knapp siebeneinhalb Jahre unbehelligt und unerkannt in Pakistan gelebt. Das berichteten am Samstag übereinstimmend die «New York Times» und die pakistanische «Dawn» über die Ergebnisse der ersten Verhöre von Bin Ladens Witwe Amal al-Sadah. Jetzt will Washington eine Erklärung aus Islamabad, da man eine Verstrickung des pakistanischen Geheimdienstes vermutet.

«Man stelle sich vor, dieser Typ hat fast siebeneinhalb Jahre in Haripur und Abbottabad gelebt, und wir alle - Amerikaner und Pakistaner - haben ihn an der falschen Stelle gesucht», zitierte die «Dawn» am Samstag einen namentlich nicht genannten Vertreter der pakistanischen Sicherheitskräfte, der am Verhör der Witwe Bin Ladens beteiligt war.

Bin Laden war vor wenigen Tagen von US-Spezialeinheiten in Pakistan aufgespürt und erschossen worden. US-Präsident Barack Obama gratulierte am Freitagabend den am Einsatz beteiligten Elitekämpfern der Navy-SEALs persönlich. «Ihr habt einen tollen Job gemacht», sagte Obama auf dem Militärstützpunkt Fort Campbell (US-Staat Kentucky). Zusammen mit Vizepräsident Joe Biden ließ er sich von den Soldaten über die riskante Aktion unterrichten.

Unterdessen forderte die US-Regierung die pakistanischen Behörden auf, Namen von Topagenten ihres Geheimdienstes ISI preiszugeben. Die US-Ermittler argwöhnen, dass pakistanische Agenten lange vom Aufenthalt Bin Ladens in Abbottabad wussten oder ihn gar gedeckt haben. Die pakistanische Regierung und die Armee wehren sich bislang gegen derartige Verdächtigungen. Ein US-Regierungssprecher erklärte dagegen der «New York Times», es gebe deutliche Hinweise.

Der pakistanische Geheimdienst sei «im besten Fall bewusst blind» gewesen, wurde der ehemalige CIA-Agent Art Keller zitiert, der vor Jahren an der Jagd nach dem Topterroristen beteiligt war. «Bewusste Blindheit ist in Pakistan ein Überlebensmechanismus.»

Nach der Aussage der Bin-Laden-Witwe hatte der Chef des Terrornetzwerks Al-Kaida bei der US-Invasion Afghanistans im Oktober 2001 das Höhlensystem in den Tora Bora-Bergen verlassen und sich bis 2003 im Gebirge im Grenzgebiet zu Pakistan versteckt. Danach sei er in das pakistanische Dorf Chak Shah Mohammad im Bezirk Haripur «umgezogen», ehe er mit seiner Familie im Jahr 2005 in das etwa 40 Kilometer entfernte Haus in Abbottabad umzog, in dem er vor wenigen Tagen von einem US-Kommandotrupp getötet wurde.

Wie Witwe Al-Sadah weiter erklärte, hatte sie sich in der Nacht zum Montag gerade mit Bin Laden ins Schlafzimmer zurückgezogen und das Licht gelöscht, als sie die ersten Schüsse hörten. Der Terrorchef habe noch nach seiner Kalaschnikow greifen wollen, als die US-Kommandos in das Zimmer stürmten und ihren Mann erschossen. Sie selbst sei von einer Kugel ins Bein getroffen worden.

Ein privates Telefonat hat die Fahnder anscheinend auf die Spur Bin Ladens geführt. Wie die «Washington Post» berichtete, erregte ein Handy-Gespräch von Bin Ladens Kurier mit einem alten Freund die Aufmerksamkeit der US-Ermittler. Demnach habe der Freund den Kurier, Abu Ahmed al-Kuwaiti, gefragt, wo er denn so lange gesteckt habe. Daraufhin habe der geantwortet: «Ich bin wieder bei den Leuten, bei denen ich früher war.» Als die US-Ermittler dieses hörten, sei ihnen klar gewesen, dass sie auf eine heiße Spur geführt worden seien, so die «Washington Post».

«Eine kleine Armee» von Spezialisten der CIA und der Bundespolizei FBI wertet derzeit die in Abbottabad sichergestellten Unterlagen und technischen Geräte aus. Neben Festplatten von Computern, Disketten, DVDs und Mobiltelefonen seien aus Bin Ladens Unterschlupf auch unzählige Dokumente geborgen worden. «Alle Mann sind am Deck», beschrieb ein Ermittler die hektische Arbeit der Spezialisten an der «Informations-Fundgrube». Dabei habe es bereits «erste Spuren» gegeben.

Inzwischen haben die USA nach Medienberichten versucht, ein weiteres führendes Al-Kaida-Mitglied zu töten. Demnach wurden im Jemen von einer Drohne Raketen auf den gesuchten Hassprediger Anwar al-Awlaki abgefeuert. Der Jemenit, der auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, scheine die Attacke aber überlebt zu haben.

Nach der von Al-Kaida bereits angekündigten Vergeltung für den Tod Bin Ladens drohten am Samstag auch die Taliban mit neuen Attacken. In einer Erklärung betonte die Taliban-Führung in Afghanistan, der Tod Bin Ladens werde keinesfalls zu einer Schwächung der Moral der islamistischen Kämpfer führen. Im Gegenteil: «Hunderte weitere Kämpfer werden auf das Feld des Martyriums und der Opfer ziehen.»

Bundesaußenminister Guido Westerwelle wies unterdessen Kritik an Kanzlerin Angela Merkel zurück, die Freude über den Tod Bin Ladens geäußert hatte. «Diese Debatte in Deutschland irritiert mich», sagte Westerwelle der «Bild am Sonntag». «Da kann einer der brutalsten Mörder sein Handwerk nicht fortsetzen, und wir unterhalten uns darüber, mit welchen Worten man diesen Vorgang kommentieren darf.» Er selbst habe bei der Nachricht vom Tod Bin Ladens «ein Gefühl der Erleichterung» verspürt, auch wenn er grundsätzlich ein Gerichtsverfahren vorgezogen hätte. dpa