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Mirzeta Haug kam als Flüchtlin nach Pforzheim – und bringt jetzt Flüchtlinge (unter anderem im Koki) zusammen. Foto: Seibel
Mirzeta Haug kam als Flüchtlin nach Pforzheim – und bringt jetzt Flüchtlinge (unter anderem im Koki) zusammen. Foto: Seibel
Die PZ berichtete regelmäßig über das Schicksal der drei Frauen.
Die PZ berichtete regelmäßig über das Schicksal der drei Frauen.
31.03.2017

Als Flüchtling gekommen, als Kulturschaffende integriert

Pforzheim. Es ist ein sonniger Morgen – Mirzeta Haug (34) könnte jetzt schlendern. Nicht in der Fußgängerzone, die gerade ums Eck liegt. Sondern an der Enz entlang, Richtung Westen. Nach einer Viertelstunde käme sie an den Containern an der KF vorbei, kurz vor der Tankstelle, farbenfroh gestrichen – ganz anders 1993: „Wir waren die ersten, die dort in den damaligen Sammelunterkünften untergebracht wurden“, sagt Mirzeta Haug, damals noch Mirzeta Sabanovic, zwölf Jahre alt, mit ihrer Mutter und Schwester (14) aus dem Sandschak durch halb Europa nach Deutschland geflohen, Muslimas, die wegen ihrer Religion ungeliebten Serben im Südwesten des Landes. „Wenn ich an die Bilder von Flüchtlingsströmen und das Schicksal der Menschen denke, kommt alles wieder hoch“, sagt sie. Denn das ist in den Grundzügen auch ihre Geschichte.

Kein Wort Deutsch gesprochen

Es beginnt, als die alleinerziehende Hata Sabanovic mit ihren beiden Töchtern nach Pforzheim kommt – geografisch in der Mitte zwischen Stuttgart, wo ein Onkel der Mutter wohnt, und Karlsruhe, wo eine Cousine der Mutter lebt. Nach Stationen in der Zentralen Erstaufnahmestelle in Karlsruhe, Offenburg und Ubstadt-Weiher werden sie der Goldstadt zugewiesen. Langsam leben sich die Sabanovics – so gut es geht – ein: Die Mutter übt an der Waldorfschule eine gemeinnützige Tätigkeit auf Zwei-Mark-Basis aus, die Töchter gehen in die Arlingerschule. „Keiner von uns hat auch nur ein Wort Deutsch gesprochen“, sagt Mirzeta, doch das Mädchen ist begabt: Nach zwei Monaten Förderklasse wechselt sie in die reguläre sechste Klasse – und fällt ihrer damaligen Deutsch-Lehrerin auf, die alles in die Wege leitet, damit Mirzeta an die Fritz-Erler-Schule wechseln kann. Doch über allem schwebt das Damoklesschwert der Ausweisung. „Natürlich ist das extrem belastend“, sagt Mirzeta, „man hat uns der Kindheit beraubt.“ Es kommt noch schlimmer: Obwohl sie einer unterdrückten religiösen und ethnischen Minderheit angehören, werden ihre Anträge abgewiesen, es droht die Abschiebung. Die evangelische Kirche reagiert – und nimmt im Hohenwart-Forum die drei Frauen in Obhut.

Nach Belgrad eskortiert

Das „Kirchenasyl“ schlägt Wellen, einer der damaligen Republikaner-Landtagsabgeordneten stellt Strafanzeige gegen den seinerzeitigen Schuldekan Gerhard Heinzmann. Der hat die drohende Ausweisung als Akt der „Barbarei“ bezeichnet. Doch das Verwaltungsgericht Karlsruhe bestätigt die Entscheidung des Regierungspräsidiums: Familie Sabanovic muss Deutschland verlassen. Die Kirche weiß: Sie kann das Problem nicht ewig vor sich herschieben. Um jemals wieder – wer weiß, wann – einreisen zu können, muss die Familie „freiwillig“ ausreisen. Als Mutter und Töchter am Flughafen eintreffen, warten bereits drei serbische Polizisten und eskortieren sie in der Maschine nach Belgrad. Dort werden sie einen Tag lang verhört – wegen ihres Asylantrags gelten sie als „Landesverräter“. Dann lässt man sie ziehen – in den Sandschak von Novi Pazar im Vierländereck Serbien, Montenegro, Bosnien und Kosovo. Die Frauen kommen zunächst bei einer Tante unter, weil das frühere Eigenheim für serbische Flüchtlinge aus Bosnien beschlagnahmt wurde, dann bei einer Familie, die auf finanzielle Zuwendung durch Vermietung angewiesen ist. Das Geld hierfür stammt aus Pforzheim – vom Freundeskreis, der die Sabanovics unterstützt, allen voran Hans und Christa Mann, einer spätereren Trägerin der Bürgermedaille. Es ist die Zeit, als sich die Lage im Kosovo zuspitzt. Die Sprache wird martialischer, das Säbelrasseln lauter.

Abitur und Studium

„Wir bleiben nicht länger“, entscheidet Mirzetas Schwester. Erneut fliehen sie, diesmal nach Bosnien, zu entfernten Verwandten des verstorbenen Vaters. Nach wenigen Wochen beschließen Muter und Töchter, es erneut in Pforzheim zu versuchen. Es sind beschwerliche Etappen – aber sie erreichen die Goldstadt. Diesmal werden sie geduldet, Mirzeta besucht wieder das Gymnasium, erhält für die letzten beiden Schuljahre sowie das darauf folgende Studium der Fächer Politik und Religionswissenschaft ein Stipendium der Markel-Stiftung, finanziert von der Robert-Bosch-Stiftung, zur Förderung von Migrantenkindern. Mirzeta macht ihren Magister, zieht mit ihrem Mann nach Meßkirch, wo er eine Stelle antritt, engagiert sich ehrenamtlich im Bildungswerk, arbeitet bei einem Unternehmen im Marketingsektor. Das Job-Angebot für ihren Mann in Durlach kommt wie gerufen – sie ziehen wieder nach Pforzheim, das mittlerweile auch für Mirzeta und ihre Mutter (die Schwester lebt in Holzgerlingen) zur zweiten Heimat geworden ist.

„Die Mischung macht’s“

Mirzeta will etwas zurückgeben von dem, wie sie aufgenommen wurde, und engagiert sich im „Weltcafé“ des Forums Asyl, im Koki, bringt Flüchtlinge zusammen, um durch das Kennenlernen Vorurteile aufzubrechen. Natürlich macht sie – es ist das Jahr 2010 – beim Koki-Projekt „Die Mischung macht’s“ mit, ist eine von porträtierten Flüchtlingen aus aller Welt und überzeugt von der Notwendigkeit einer Integration, die gelingen muss, wenn es die Gesellschaft nicht zerreißen soll.