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Zwei Vagabunden: Hund Seppi und Herrchen Tim Wilhelm sind meist im Kleinbus unterwegs. Foto: Moritz
Zwei Vagabunden: Hund Seppi und Herrchen Tim Wilhelm sind meist im Kleinbus unterwegs. Foto: Moritz
Rund 1500 Besucher jubelten vergangenen Sommer der Münchener Freiheit beim Open Air zu. Foto: PZ-Archiv/Ketterl
Rund 1500 Besucher jubelten vergangenen Sommer der Münchener Freiheit beim Open Air zu. Foto: PZ-Archiv/Ketterl
Sebastian Haase (links) und Tim Wilhelm sind auch privat befreundet. Foto: Moritz
Sebastian Haase (links) und Tim Wilhelm sind auch privat befreundet. Foto: Moritz
12.07.2019

Tim Wilhelm, Sänger der „Münchener Freiheit“: „Wir wissen das sehr zu schätzen“

Es ist heiß an diesem Vormittag vor dem Möbelzentrum Pforzheim. Ein schwarzer Kleinbus parkt im Schatten – abseits der regulären Parkplätze. Auf dessen Beifahrersitz hat es sich ein Hund gemütlich gemacht, der sein Herrchen und dessen Bekannten genau im Auge behält. Der Hundebesitzer ist Tim Wilhelm, Sänger der Münchener Freiheit, der vor dem Bus mit seinem Kumpel und Möbelzentrum-Chef Sebastian Haase auf einem Plastik-Pelikan lümmelt und das kommende Konzert der Band am Samstag, 3. August, bespricht. Vorab hat der Sänger mit der PZ über seinen Bezug zu Pforzheim, politische Botschaften und sein Verhältnis zur Familie Haase gesprochen.

PZ: Du hast hier ja einen besonderen Parkplatz ergattert ...

Tim Wilhelm: Ja, wegen meines Hundes Seppi. Sebastian weiß, dass ich ein „Vagabund mit Hund“ und folglich fast immer im Doppelpack auf Achse bin – überwiegend mit diesem Bus, aber auch auf zwei Rädern, mit einer speziell für den Hund gefertigten Motorradbox. Das zeigt, dass ich vielleicht verrückt, aber total loyal bin, halt nicht alle Tassen im Schrank habe (lacht). Die Box habe ich aber nicht selbst gebaut, mein handwerkliches Talent hält sich in überschaubaren Grenzen. Wie sagt man so schön: Schuster, bleib bei deinen Leisten. „Mein Ding“ ist schon immer die Musik.

PZ: Ist dann die ganze Band in diesem Bus unterwegs?

Tim Wilhelm: Eher selten. Mir ist generell wichtig, Teamplayer zu sein und Rücksicht zu nehmen. Deshalb würde ich meinen Kameraden z.B. Hundehaare im offiziellen Tourbus nie zumuten. Sich ein Tier ins Leben zu holen, ist meiner Meinung nach aber eine „Ganz oder gar nicht“-Entscheidung. Folglich fahre ich viel privat, was zum einen mit meinem Hund, zum anderen aber auch mit diesem Freiheitsgedanken zu tun hat, der mir wirklich im Blut liegt – durch die Gegend zu fahren, mir anzusehen, was sich auf dem Weg so bietet. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich immer alleine unterwegs bin. „Meine Jungs“ fahren oft mit, etwa bei Nachtfahrten. Neulich sind unser Gründungsvater Aron Strobel und Schlagzeuger Rennie Hatzke erst wieder nachts mit mir Hunderte Kilometer durch unsere bunte Republik getuckert – vom einen Auftritt zum nächsten. Der offizielle Tour-Bus ist aber ein Mietwagen.

PZ: Bleibt da denn Zeit für Boxenstopps?

Tim Wilhelm: Der Tourplan unserer Agentur sieht meist pauschal vor, morgens gegen 10 Uhr abzureisen. Doch ich liebe es, sofern’s die Zeit erlaubt, mir die Gegenden, in denen wir spielen, auch anzusehen. Denn ich finde, es ist ein Geschenk, diese Möglichkeit überhaupt zu haben: Klar, das Reisen mag mal anstrengend sein, für mich überwiegen aber die vielen positiven Aspekte. So weiß ich, um ehrlich zu sein, zum Beispiel nicht, ob ich privat so oft nach Pforzheim gefahren wäre – wenn ich es nicht durch unsere hiesigen Auftritte vor dem Möbelzentrum immer besser kennengelernt hätte. Wobei ich schon vor unserem ersten Gastspiel hier war, weil Professor Thomas Pekny – ein guter Freund, mit dem ich an verschiedenen Theatern zusammenarbeite – hier an der Hochschule gelehrt hat.

PZ: Ihr seid jetzt zum fünften Mal in Pforzheim. Gibt es irgendeine Stadt, in der ihr so regelmäßig spielt?

Tim Wilhelm: Wir spielen schon an vielen Orten immer wieder, speziell im Großraum Berlin – wahrscheinlich ähnlich oft, würde man alles addieren. Aber das Besondere hier in „Pforza“ ist ja, neben der Verbundenheit zu Familie Haase und ihrem tollen Team, dass wir zum 5. Mal in unmittelbarer Folge am identischen Ort gastieren - direkt vor dem Möbelzentrum. Das fast familiäre Grundgefühl genieße ich, was sich nicht zuletzt auch daran zeigt, dass ich heute extra angereist und nicht nur telefonisch zugeschaltet bin. Die Verbindung zu Familie Haase geht ganz eindeutig über eine rein geschäftliche Zusammenarbeit hinaus, und sie hat sich im Laufe der Jahre auf die ganze Band übertragen. Wer hätte 2015 gedacht, dass wir von jährlich wieder engagiert werden?! Dennoch ist es keine Vetternwirtschaft: Niemand wäre gut beraten und daran interessiert, etwas zu wiederholen, wenn es beim Publikum nicht ankommen würde. Aber alle hinter den Kulissen und auf der Bühne Beteiligten durften sich im vergangenen Jahr über den bisherigen Besucherrekord freuen. Gemeinsam hoffen wir natürlich darauf, das zum aktuell anstehenden Jubiläum noch zu toppen (grinst).

PZ: Also ist Pforzheim noch nicht langweilig?

Tim Wilhelm: Ganz im Gegenteil – es ist toll: und vom Möbelzentrum wie auch von uns ein Bekenntnis. Würde man im fünften Jahr in Folge dieselbe Band holen oder am identischen Ort auftreten, wenn’s nicht einfach prima passen würde? Wohl kaum. Wir wissen die Treue von Familie Haase und natürlich der Fans sehr zu schätzen. Langweilig finden wir’s überhaupt nicht. Dem FC Bayern wird sicherlich sogar die siebte Meisterschaft in Folge nicht langweilig geworden sein – und die Basis ist immer Leistung. Wir sind jedenfalls froh, dieses kleine Jubiläum, den fünften Auftritt in Folge gemeinsam feiern zu können. Daher machen wir uns aktuell auch Gedanken darüber, wie wir unsere Dankbarkeit untermauern können. Familie Haase und wir wollen dem Publikum natürlich Besonderes bieten.

PZ: Besonders klingt auch die Version eures Hits „Ohne Dich“, die Giovanni Zarrella und Pietro Lombardi gerade veröffentlicht haben. Gefällt sie Dir?

Tim Wilhelm: Giovanni und ich kennen uns schon ziemlich lange, so habe ich ihn gleich angerufen und ihm gratuliert, nachdem ich darauf auf „Senza te“ aufmerksam gemacht worden war, übrigens von Aron auf die musikalischen Details! Das war sehr lustig – unser großer Gitarrero rief mich zu fortgeschrittener Stunde an, erreichte mich in einem griechischen Restaurant und fragte, ob ich die Version schon gehört hätte. Dann bestand er darauf, dass ich jetzt sofort im Lokal den in der Cover-Version eingesetzten Latino-Gitarren lausche, die ihm gut gefallen, mir übrigens auch. Generell ist fast alles im Leben Geschmackssache. Was irgendeine Relevanz hat und nicht belanglos ist, kann spalten. Auf meiner Facebookseite (freiheitstim - Anm. d. Red.) gibt es auch Diskussionen zu diesem Cover. Manche Menschen meinen, dieses Lied sei ein Sakrileg, quasi unantastbar. Das kann ich aus deren Sicht nachvollziehen, oft sind entscheidende Erinnerungen mit unserem Lied verbunden. Persönlich finde ich aber spannend, wenn Songs auf andere Art interpretiert werden. Zudem freue ich mich für Giovanni, der ohne Frage mit Herzblut Musiker ist, auch für Pietro Lombardi und den Produzenten Christian Geller, mit dem wir auch schon gearbeitet haben. Cover sind zudem doch ein Indiz dafür, dass das ursprüngliche Lied nicht so schlecht sein kann, vorsichtig formuliert. Außerdem erreicht ein Song somit zugleich ein neues Publikum. Für mich ist es eine klassische Win-win-Situation. Musik verbindet – und das ist doch schön!

PZ: Ist das auch das jahrzehntelange Erfolgskonzept der Münchener Freiheit – die Liebe zur Musik?

Tim Wilhelm: Das kann ich mit einem ganz einfachen ,Ja‘ beantworten – auch für meine Bandkollegen. Wir lieben, was wir tun. Wenn man sich unseren Aron ansieht, die Galionsfigur der Münchener Freiheit, der schon so viele Jahrzehnte auf der Bühne steht, sich dennoch nicht nehmen ließ, die 2014er Frühjahrstour trotz einer Art Gehgips zu spielen – dann sagt das alles, denke ich.

PZ: Habt ihr noch andere Botschaften für die Fans?

Tim Wilhelm: Die Münchener Freiheit ist keine politische Band. Aber wir sind auch fünf Individuen, und ich bin jemand, der seine Haltung artikuliert – allerdings nahezu nie in bestimmten politischen Botschaften. Ein Anliegen ist mir eher, darauf hinzuweisen, dass wir hier im Herzen Europas, bei all den alltäglichen Problemen, die jeder von uns kennt, letztlich auf einer Insel der Glückseligen leben. Damit verschließe ich die Augen natürlich nicht vor ebenfalls existierenden Nöten. Doch ich versuche, eine gewisse Demut und Dankbarkeit zu bewahren – und zu erinnern, dass das, was in Deutschland oft für ganz selbstverständlich erachtet wird, ein großes Glück ist, dass wir es hierzulande so schlecht nicht haben und in einer zuvor nie gekannten Friedensperiode leben, für die es sich zu kämpfen lohnt – gerade hier in Pforzheim, einer Stadt, die so dermaßen vom Krieg gezeichnet wurde. Und das soll auch die Kernbotschaft des Abends hier im Möbelzentrum werden: Lasst uns dankbar dafür sein, dass wir hier zwei Stunden gemeinsam und in Frieden feiern können. Mein generelles Motto habe ich im Kontext mit Giovanni schon angedeutet: Musik verbindet. Generationen, sogar ganze Völker. Wo gibt es ein so schönes Zusammensein wie bei Konzerten – unabhängig von Sprach- oder anderen Barrieren.

PZ: Zusammensein in Pforzheim hat ja jetzt auch schon Tradition – hast du denn Routinen, wenn du hier bist?

Tim Wilhelm: Wir sind ja netterweise stets sehr zentral untergebracht. Da bietet es sich an, vor allem wenn man mit Hund unterwegs ist, entlang der Enz zu lustwandeln. Das mache ich sehr gerne. Da ich schon zu den unterschiedlichsten Jahreszeiten in Pforzheim war, habe ich auch unterschiedliche saisonale Veranstaltungen wahrnehmen können. Da lasse ich mich gerne treiben, besuche nicht immer den Gasometer oder den Wildpark. Die einzige Fixpunkt ist das Möbelzentrum – da geht’s immer los. Und wenn ich an einer der vier Autobahnausfahrten vorbeikomme, denke ich gerne an die Zeiten, die wir hier erlebt haben – und freue mich auf die, die da hoffentlich noch kommen werden.