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Er kann es noch: Für die PZ-Redakteure Simon Walter (Mitte) und Dominik Türschmann stellt Woltersdorf den Jubel an gleicher Stelle im Brötzinger Tal nach. Foto: Ketterl
Er kann es noch: Für die PZ-Redakteure Simon Walter (Mitte) und Dominik Türschmann stellt Woltersdorf den Jubel an gleicher Stelle im Brötzinger Tal nach. Foto: Ketterl © Ketterl
Mit einem Sprung nach oben feierte Woltersdorf das 1:1 gegen Bremen. Foto: Ketterl
Mit einem Sprung nach oben feierte Woltersdorf das 1:1 gegen Bremen. Foto: Ketterl © Ketterl
Mit großem Einsatz ging „Keule“ Woltersdorf (links) beim 4:1 gegen den Zweitligisten Bayreuth zur Sache. Foto: Ketterl
Mit großem Einsatz ging „Keule“ Woltersdorf (links) beim 4:1 gegen den Zweitligisten Bayreuth zur Sache. Foto: Ketterl
10.08.2018

Gerhard „Keule“ Woltersdorf und der DFB-Pokal: „Da hat die Erde gebebt“

Pforzheim. Stille herrscht im Stadion Brötzinger Tal, als die PZ Gerhard „Keule“ Woltersdorf zum Interview trifft. Ein paar Autos rauschen vorbei, etwas Wind kommt auf. Aber sonst: Ruhe. Es ist das akustische Gegenteil zu jener Atmosphäre vor drei Jahrzehnten, als der 1. FC Pforzheim hier seine Pokalschlachten schlug. „Keule“ lächelt und lacht viel im Gespräch, gerne denkt er an jene Zeit zurück, als der „Club“ Erst- und Zweitligisten das Fürchten lehrte.

Dem Berichterstatter bietet er das „Du“ an. „Unter Fußballern“, sagt der 55-Jährige. Auch wenn der größte Erfolg des einen nur der Bezirksligatitel mit den C-Junioren des FV Ottersdorf war – und dem anderen gegen Saarbrücken und Bremen (1987/88) sowie gegen Bayreuth und Bochum (1989) das gelang, wovon der 1. CfR Pforzheim in einer Woche gegen Leverkusen träumt: die Sensation im DFB-Pokal.

PZ: Am Donnerstag wurde Otto Rehhagel 80. Glaubst du, dass er sich noch an dich und deine FCP-Kollegen erinnert?

Gerhard Woltersdorf: Da bin ich mir fast sicher. Es war für Bremen zwar kein sportliches Highlight, aber eine große Überraschung – und so wie Otto getobt und sich aufgeregt hat, erinnert er sich bestimmt noch an uns.

PZ: An welche Szenen erinnerst du dich da?

Gerhard Woltersdorf: Trotz des 1:1 war im ersten Spiel noch nicht so viel – außer einer riesen Atmosphäre im Brötzinger Tal. Aber im zweiten Spiel, als wir in Bremen gespielt und 1:3 verloren haben, da ist er in der Halbzeit zu Harry Waldhaus und hat gesagt: „Ich wechsle jetzt den Kalle Riedle aus, denn den lasse ich mir von dir nicht kaputtdappen.“ Was aber völlig unbegründet war, wenn man Waldhaus kennt: Der geht natürlich hart hin, aber bleibt dabei immer fair. Aber da hatte Otto Angst und ihn tatsächlich ausgewechselt.

PZ: Hatten Sie selbst Kontakt zu Rehhagel?

Gerhard Woltersdorf: Nein, zu ihm oder der Bremer Mannschaft außerhalb des Spielfelds gar nicht. Auch an Trikottausch hat damals keiner von uns gedacht. Aber was in Bremen herrlich war, war: Wir haben den Flug gesponsert bekommen, dann hat uns der damalige Werder-Manager Willi Lemke abgeholt, dann folgte ein Empfang im Rathaus. Da gab es leider nur Orangensaft (lacht), aber der hat sich wirklich toll um uns gekümmert. Das war genial.

PZ: Das Defensivduo damals: Libero Woltersdorf, Vorstopper Waldhaus. Wäre das auch eine taktische Variante für den CfR gegen Leverkusen?

Gerhard Woltersdorf: Ich glaube, sie würden ausgelacht werden, wenn sie mit Libero und Vorstopper spielen. Aber ich finde das gar nicht so verkehrt, dass sich einer ein bisschen nach hinten absetzt und man in einer Art Pseudo-Viererkette spielt.

PZ: Was kann eine Amateurmannschaft im Pokal heute vom FCP damals lernen?

Gerhard Woltersdorf: Die Kameradschaft war das A und O bei uns. Dreimal die Woche hast du dich sowieso gesehen, aber wir haben auch nach den Spielen immer noch was zusammen gemacht. Da ist jeder ins Clubhaus gekommen, hat noch ein Wasser oder ein Bier getrunken. Die Einstellung, das Kämpferische, dass einer für den anderen rennt, das war schon toll – aber das gibt es ja auch heute noch.

PZ: Bremen war Tabellenführer. Hattest du vorher trotzdem an eine Sensation geglaubt?

Gerhard Woltersdorf: Nein. Wenn da einer sagt, er glaubt dran, dann lügt er. Wir wollten ein gutes Ergebnis. Aber ich persönlich dachte: Mal vor 12.000 Zuschauern spielen, da hast du eine Gänsehaut bekommen und machst ein gutes Spiel, das war’s. Aber dass du da noch mal nach Bremen fährst, damit habe ich nicht gerechnet.

PZ: Wie sah eure Taktik aus?

Gerhard Woltersdorf: Die hatten wir schon dem Gegner angepasst. Wir haben defensiver gespielt als sonst, gerade im Mittelfeld. Hinten haben wir aber sowieso zwei Manndecker, Vorstopper und Libero gehabt. Vorne haben wir nur mit einer Spitze gespielt – und Jürgen Pfirrmann ist immer mal vorne reingestoßen.

PZ: Mit einem direkt verwandelten Eckball traf er zum 1:1. Hast du damit gerechnet, dass er es direkt versucht?

Gerhard Woltersdorf: Von der linken Seite mit seinem rechten Fuß – ja. Das war kein Zufall. Von der anderen Seite nicht, da hat er ihn immer mit Vollspann geschlagen. Aber Bremen hat wohl nicht damit gerechnet – die kannten Pfirrmann wohl nicht.

PZ: Wie hat Bremens Torwart Olli Reck auf das Gegentor reagiert?

Gerhard Woltersdorf: Sauer. Sauer auf seinen eigenen Fehler. So wie er es nach dem Spiel gesagt hat, wurde er von der Sonne geblendet. Aber das war weder die Sonne noch sonst was – das war ein Torwartfehler. Das Tor darf er nicht kriegen und dazu kann man eigentlich auch stehen.

PZ: Wie hast du die Atmosphäre im Brötzinger Tal wahrgenommen?

Gerhard Woltersdorf: Da hat die Erde gebebt. Die Zuschauer, die knallevolle Zusatztribüne, das war schon ein Erlebnis, als du da zum Warmmachen raus bist. Da hast du schon Gänsehaut bekommen. Und unsere Fans haben uns damals sowieso in jedem Spiel richtig unterstützt.

PZ: Im Wiederholungsspiel in Bremen war die Stimmung eine ganz andere...

Gerhard Woltersdorf: Richtig, da habe ich eigentlich gar keine Zuschauer gesehen, es war ja ein Flutlichtspiel und die Ränge entsprechen dunkel. Damals passten knapp 50 000 Zuschauer ins Weserstadion und nur 3000 bis 4000 waren da. Viele davon aus Pforzheim.

PZ: Und weshalb hat es dort im Wiederholungsspiel nicht zur erneuten Sensation gereicht?

Gerhard Woltersdorf: Waldhaus und ich bekamen damals so gut wie keine Kopfballtore – und in Bremen dann drei Stück. Aber die Flanken vom Norbert Meier und Jonny Otten kamen so scharf, da hattest du keine Chance. Die sind knapp über dich drüber geflogen, hinter dir stand einer – und zack, drin war er. Das waren wir nicht gewohnt. Das war schon phänomenal.

PZ: Mein PZ-Kollege Udo Koller hat dich und Waldhaus mit Franz Beckenbauer und „Katsche“ Schwarzenbeck verglichen – auch was die Technik angeht...

Gerhard Woltersdorf: ... das hört der Harry wahrscheinlich nicht so gerne (lacht). Aber der Libero ist immer nur so gut wie sein Vorstopper. Der hat eigentlich alles vor mir abgeräumt. Einen Besseren gab es zu der Zeit nicht. Er hatte auch genug Angebote, ist aber nie weg.

PZ: Hattest du auch Angebote?

Gerhard Woltersdorf: Ich habe mich mal mit Klaus Schnapper getroffen, als er Carl-Zeiss Jena in der 2. Liga trainierte. Autobahnraststätte Bruchsal, das werde ich nie vergessen. Aber ich habe dann gedacht: Soll ich hier meine Zelte abbrechen? Nach Jena ziehen? Und was, wenn du das nachher nicht packst? Letztlich habe ich mir gesagt: Das machst du lieber nicht. Und nach Bad Homburg hätte ich mit Pfirrmann zusammen gekonnt. Aber da sind wir dann gar nicht zum Probetraining…

PZ: War diese Verbundenheit zur Region ein Erfolgsgeheimnis des Clubs im DFB-Pokal?

Gerhard Woltersdorf: Gegen Bremen war das schon nicht mehr ganz so arg. Aber drei Jahre zuvor, im Aufstiegsjahr in die Oberliga, kam fast das komplette Team aus der Region. Zum Beispiel Frank Bott aus Calmbach, Horst Reiser aus Feldrennach, Roger Essig und ich aus Pforzheim, Harry Waldhaus aus Mühlacker, Jo Giek aus Ersingen, auch Reiner Ackermann – alle aus der Region...

PZ: 1989 habt ihr das 87/88 Erreichte wiederholt, seid wieder bis ins Viertelfinale gekommen...

Gerhard Woltersdorf: Ja, erst das 4:1 gegen Bayreuth, dann das 1:0 gegen Bochum. Die waren zwar nicht so groß wie Bremen, aber für uns waren das natürlich trotzdem wieder tolle Erlebnis. Einer der Bochumer Spieler war Uwe Leifeld, der hat damals einen Haufen Tore gemacht. Bei uns hat Manu Günther gegen ihn gespielt – und da hat er keinen Stich gemacht. Das entscheidende Tor machte dann wieder Pfirrmann – und da war dann richtig was los. Da kamen die Fans auf den Platz, das war der Wahnsinn.

PZ: Das Aus folgte dann mit einem 1:3 gegen Düsseldorf. Pfirrmanns zwischenzeitliches 1:2 ist bis heute das letzte Pforzheimer Tor im DFB-Pokal. Fällt am Samstag endlich das nächste?

Gerhard Woltersdorf: Ich hoffe sehr, dass sie ein Tor machen. Eine Überraschung wäre hervorragend, ich würde mich riesig freuen. Dann wäre Pforzheim und der CfR deutschlandweit im Gespräch. Aber ich tippe 4:1 für Leverkusen.

Zur Person:

Wegen seines strammen linken Schusses trägt Gerhard Woltersdorf den Spitznamen „Keule“. Der 55-jährige Werkzeugschleifer ist gebürtiger Pforzheimer und spielte rund 15 Jahre für den 1. FC Pforzheim. Seit 30 Jahren lebt der Libero bereits in Dietlingen. Woltersdorf ist verheiratet, hat einen Sohn, eine Tochter und einen Stiefsohn.

Mehr zum Thema und Videointerviews mit Gerhard Woltersdorf:

https://multimedia.pz-news.de/dfbpokal#171172