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13.10.2017

Der Knigge – ein Missverständnis

Es gibt Knigge-Kurse für Flüchtlinge, Knigge-Regeln für Jugendliche und Knigge-Tests für Firmenchefs. Das Thema ist immer ähnlich: gutes Benehmen. Dabei wollte Freiherr Adolph Knigge, der vor 265 Jahren geboren wurde, gar keine Benimmregeln aufstellen. Erst durch das Eingreifen des Verlags wurde sein Werk zum Welterfolg.

Nein. Adolf Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge dachte gar nicht daran, mit seinem Buch „Über den Umgang mit Menschen“ festzulegen, ob man Kartoffeln mit dem Messer schneiden darf oder wer wem die Tür aufhalten muss. Ihm ging es in erster Linie darum, den Menschen besser zu machen.

Erst der Verlag fügte den menschenfreundlichen Ausführungen des am 16. Oktober 1752 auf dem Rittergut seiner Eltern in Bredenbeck bei Hannover geborenen Freiherrn einige Benimmregeln hinzu. Und erst dadurch wurde aus dem Knigge der Knigge, wie er noch heute in aller Munde ist.

Es war mutig von dem ehemaligen weimarischen Kammerherrn mit seinem 1788 erschienen Buch seinen Mitmenschen die Leviten zu lesen – zumal er sich als junger Mann durch „amtliche und gesellige Misshelligkeiten unmöglich“ gemacht hatte und eher als Spaßvogel aufgefallen war. Er hatte allerdings durch sein Engagement im neu gegründeten Orden der Illuminati bewiesen, dass ihm die Verbesserung der Welt am Herzen lag. Sein Versuch, an die Spitze des Geheimbundes zu gelangen, scheiterte allerdings kläglich, so dass er sich kurz nach seinem Austritt in die Freimaurerei zurückzog und mit dem Schreiben seines Buches begann.

Und dieses Buch ist kein Benimmbuch und enthält auch keine Ratschläge für das korrekte Servieren von Speisen und Getränken. Darf man Hülsenfrüchte mit der Gabel essen? Eine Frage, die Adolph Knigge nicht die Bohne interessiert hat. Zwar steht sein Name heute für genau diese Unwägbarkeiten des Stils und der Etikette, doch das war vom Freiherrn selbst nie beabsichtigt. Die Geschichte seines Hauptwerkes „Über den Umgang mit Menschen“, ist dann eine Geschichte voller Missverständnisse. Es ist vielmehr eine Sammlung von Umgangsregeln, die von den Idealen der Aufklärung geprägt ist. Das „höfische Gehabe“ lag ihm als aufgeklärten Geist nicht nur fern, er machte sich sogar darüber in seinen Schriften lustig. Vor diesem Hintergrund sind all seine Aussagen „Über den Um- gang mit Menschen“ zu verstehen. Adolph Freiherr Knigge ging es dabei immer um ein im wahrsten Sinne des Wortes „vernünftiges“ Miteinander der Menschen und Umgangsformen, die genau das ermöglichen sollten. Es ging dem Freiherrn also um Aufklärung im besten Sinne und eben gerade nicht um starre Benimmregeln der Etikette, etwa wie man sich etwa bei Tisch am besten zu verhalten habe. Erst nach seinem Tode verkürzten die Herausgeber seiner Werke den Inhalt immer mehr zu bloßen Benimmregeln und erweiterten genau diese dann unablässig bis zum heutigen Tage. Kein Wunder also, dass sich heute sogar Anstandsregeln zum Handygebrauch bei Tisch unter dem Namen „Knigge“ subsummieren lassen.

Was aber stand dann im Werk des Freiherrn, dessen Familie diesen Titel ohne das sonst übliche „von“ trägt? Er gibt beispielsweise wertvolle Tipps, wie man sich im Umgang mit Trunkenbolden, Schurken, Schmarotzern, Schmeichlern, Windbeuteln, Schurken und Lügnern verhalten sollte. Knigge lässt nichts aus und jeder Drehbuchautor, der für seine Telenovela Personen mit miesem oder edelmütigem Charakter ausstatten muss, findet bei ihm reichlich Stoff. „Über den Umgang mit Menschen“ beschreibt die ganze menschliche Komödie und Tragödie und an vielen Stellen wird deutlich, dass sich gar nicht einmal so viel geändert hat in den vergangenen 229 Jahren.

So mahnt er dringend, dem Alter gegenüber ehrerbietig zu sein. „Unsre Jünglinge werden früher reif, früher klug, früher gelehrt“, schreibt er, wodurch jene „edle Selbstigkeit und Zuversicht“ entstehe, die „schwächre Köpfe für Unverschämtheit“ halten, jene „Überzeugung des eignen Werts, mit welcher unbärtige Knaben heutzutage auf alte Männer herabsehen, und alles mündlich und schriftlich überschreien, was ihnen in den Weg kommt.“

„Das Höchste“, so fährt Knigge mit feiner Ironie fort, „worauf ein Mann von ältern Jahren Anspruch machen darf, ist gnädige Nachsicht, züchtigende Kritik, Zurechtweisung von seinen unmündigen Kindern und Enkeln, und Mitleiden mit ihm, der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen Tagen, in welchen die Weisheit ungesät und ungepflegt wie Manna vom Himmel regnet, geboren worden zu sein.“

Auch dem Ehealltag hält Knigge einen Spiegel vor, der auch heute noch in großen Teilen seine Gültigkeit hat, so dass man es mit Vergnügen liest. „Ich kenne einen Mann“, so schreibt er, „der eine Anzahl Anekdötchen und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, dass man dem guten Weibe jedes Mal Ekel und Überdruss ansieht, so oft er mit einem dergleichen Stückchen angezogen kommt“. Und auch über die seiner Meinung nach angemessene Rollenverteilung von Frau und Mann im Leben lässt sich der Freiherr aus: „Sogar in der Höflichkeit gegen der Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht verleugnen. Verächtlich ist selbst den Weibern ein Mann, der, bevor er sich zu etwas entschließt, erst jedes Mal sagt: ,Ich will es mit meiner Frau überlegen‘, der ihr immer das Mäntelchen nachträgt, sich nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu geh’n, wo sie nicht ist, oder der seine treuesten Bedienten abschaffen muss, wenn Madame ihre Gesichtsbildung nicht vertragen kann.“ Knigge als Gentleman des 18. Jahrhunderts? Wer diese Zeilen liest, weiß: Von wegen! Knigge, der am 6. Mai 1796 in Bremen starb, war eben kein Freund von aufgesetzter Höflichkeit und kein Fan von Anstandsregeln.