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Beim Twitter-Gewitter wollen die Feuerwehren und Rettungsdienste 12 Stunden lang über alle Einsätze bundesweit informieren.
Beim Twitter-Gewitter wollen die Feuerwehren und Rettungsdienste 12 Stunden lang über alle Einsätze bundesweit informieren. © Symbolbild dpa
11.02.2019

12 Stunden Blaulicht live bei Twitter: Fehlalarm, Schulsportunfall, Kaffeedurst

Pforzheim/Enzkreis. Der Europäische Tag des Notrufs ist der 11. Februar. Denn die Ziffern dieses Datums ergeben die 112 - die Nummer, die in Notlagen gratis gewählt werden kann. Hunderte Notrufe und Rettungseinsätze hautnah: Am Montag haben bundesweit 41 Berufsfeuerwehren per Twitter über ihre Arbeit informiert – auch die Feuerwehr Pforzheim und die Integrierte Leitstelle, die auch für den gesamten Enzkreis zuständig ist.

Von 8 Uhr bis 20 Uhr wurde öffentlich gemacht, was gerade passiert und mit welchen Problemen die Einsatzkräfte konfrontiert sind. Von vielen Einsätzen wurde live getwittert. Und wie war die Zwölf-Stunden-Twitterschicht? "Wie immer", sagte Christopher Horst. Und: "Eher ein bisschen unterdurchschnittlich." Der Schichtführer Fachbereich Feuerwehr in der Integrierten Leitstelle im Stadtwerke-Gebäude am Mühlkanal im Brötzinger Tal in Pforzheim habe schon hektischere Tage mit spektakuläreren Einsätzen erlebt, aber man habe trotzdem laufend etwas zu tun gehabt. Selten einmal, dass längere Zeit die Telefone nicht klingeln. So habe es auch ständig Meldungen auf dem Twitter-Account gegeben Diese gibt es im Artikel unten zum Nachlesen.

In Pforzheim wurden Bürger zudem bei einem gemeinsamen Stand von Feuerwehr, ASB und DRK am Leopoldplatz informiert. Eindrücke von dort - mit Fotos und Videos - gibt es auf dem Instagram- und dem Snapchatkanal der "Pforzheimer Zeitung". Nutzername: pznews

Tweets aus Pforzheim und der Region:

An der Aktion «Twittergewitter» beteiligten sich auch Feuerwehren in München, Hamburg, Düsseldorf, Bremen und Frankfurt am Main. Twitter-Aktionen von Einsatzkräften in Deutschland gab es schon öfter. Zum ersten Mal werden nun aber Feuerwehren parallel Tweets absetzen.

Tweets aus dem gesamten Bundesgebiet:

Aus Berlin:

Aus München:

Sie sind für alle und für alles da: Feuerwehrleute. Für den Ohnmachtsanfall beim Friseur ebenso wie für den Wohnungsbrand mit vielen Verletzten. Doch die Arbeit der Rettungskräfte ist schwieriger geworden. Feuerwehrleute werden immer wieder von Gaffern behindert, Sanitäter werden angepöbelt oder bespuckt.

Deutlich wird der Alltags-Wahnsinn. Da stellt sich in Düsseldorf Brandgeruch als Kurzschluss in einer Kaffeemaschine heraus. Da wird in Hamburg ein Löschzug gerufen, weil eine besorgte Anruferin Schreie von Kindern gehört hat - sie hatten übrigens Feuerwehr gespielt.

Die Feuerwehren wollen transparent machen, welche Masse an Notrufen zu bewältigen ist - nicht nur in Notlagen, bei denen es um Leben oder Tod geht. Ein kleiner Ausschnitt aus den Tweets der Berliner Feuerwehr: Verletzung nach Stromschlag, bewusstlose Person auf einem U-Bahnhof, Reanimation nach einem Kreislaufstillstand, Fruchtblase geplatzt - bevorstehende Geburt in einer Wohnung.

Informationen per Twitter zu verbreiten, ist zwar längst nicht mehr neu. Doch nonstop zwölf Stunden live zu informieren, das schaffen die Feuerwehren sonst nicht. Allein bei der Berliner Feuerwehr gehen auf 60 Leitungen im Schnitt mehr als 2000 Notrufe täglich ein.

Viele hätten Fragen zur Arbeit der Feuerwehr gestellt, berichtet Finner erfreut. Ein Anliegen des virtuellen Blicks hinter die Kulissen ist auch, für Berufe bei der Feuerwehr zu interessieren. In Düsseldorf wird ein Reptilienexperte vorgestellt, in Essen sind es die Höhenretter der Feuerwehr. Denn Nachwuchs wird überall gebraucht, jedoch dürfte so mancher bislang von dem harten Alltag abgeschreckt sein.

Nicht nur der körperliche Einsatz ist fordernd - auch die Begegungen mit Mitmenschen können es sein. «Respektlosigkeit erleben wir jeden Tag, aber wir genießen auch jeden Tag Respekt und Ansehen», sagt Finner. Ein krasser Fall hatte Anfang Februar Entsetzen ausgelöst. Ein Notarzt und zwei Feuerwehr-Sanitäter konnten einen Patienten in Berlin-Kreuzberg nur unter Polizeischutz versorgen. Sie waren angegriffen worden und mussten sich zunächst in ihren Rettungswagen flüchten.

Trotzdem: «Unsere Strategie ist Deeskalation», so der Sprecher. Einsatzkräfte würden mittlerweile auch zum Verhalten in «Übergriffssituationen» geschult. Deeskalationstraining sei fester Bestandteil der Ausbildung. Doch: «Anspucken überschreitet jede Toleranzgrenze.» Der Sprecher appellierte an seine Kollegen, solche Vorfälle zu melden.

Und immer wieder ärgern sich Einsatzkräfte, dass sie zu Notfällen gerufen werden, die keine sind. Mancher Anrufer versucht auch, mit dem Rettungswagen schneller beim Arzt dran zu kommen.

In Berlin rückte die Feuerwehr 2017 zu mehr als 458.000 Einsätzen aus, es waren fast 4000 mehr als ein Jahr zuvor. Seit 2009 sei die Zahl immer weiter gestiegen, hatte Landesbranddirektor Karsten Homrighausen mitgeteilt. Auch die Zahl der Fehlalarme nehme zu.

Außerdem gibt es in der deutschen Hauptstadt etliche veraltete Löschfahrzeuge und Rettungswagen. Viele sind 20 Jahre und älter. Bei den Löschzügen betrug die Ausfallquote 2018 gut 17 Prozent. Ein Fünftel der rund 190 Löschfahrzeuge stand jeweils nicht zur Verfügung - vor allem wegen altersbedingt langer Werkstattaufenthalte.

PZ-Serie "Mehr Respekt, bitte"

In der Serie "Mehr Respekt, bitte" haben die Redakteure der PZ unter anderem einen Feuerwehrmann, einen Arzt und einen Mitarbeiter des Rettungsdienstes porträtiert. Hier geht es zu den spannenden Geschichten über die Helden des Alltags:

Feuerwehrmann Thomas Häffelin: "Man kriegt im Laufe der Zeit ein dickes Fell"

Chefarzt Dr. Felix Schumacher: "Das ist der Gipfel der Respektlosigkeit"

Rettungsdienstleiter Herbert Mann: "Wir können unsere Arbeit nicht machen!"