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Vier Menschen starben bei dem Brand in einem Obdachlosenheim.
Vier Menschen starben bei dem Brand in einem Obdachlosenheim. © dpa
09.06.2010

23-Jähriger gesteht Brandstiftung mit vier Toten in Calw

TÜBINGEN/CALW. Es sollte wohl der Schlussstrich unter eine verpfuschte Lebensphase sein. Doch das Feuer, das ein 23-Jähriger im Obdachlosenheim „Erlacher Höhe“ in Calw im August 2009 legte, kostete vier andere Menschen das Leben. Zum Prozessauftakt legte der Angeklagte gestern vor dem Tübinger Landgericht ein Geständnis ab.

Das war auch alles, was die Richter aus ihm herausbekamen. Zusammengekauert antwortete der Angeklagte leise und einsilbig auf die Fragen des Vorsitzenden Richters. D: Wie genau er das Feuer gelegt habe? „Keine Ahnung.“ Was er sich dabei gedacht habe? „Weiß ich nicht mehr.“ Ob ihm denn wirklich gar nichts durch den Kopf gegangen sei? „Irgendwas bestimmt.“ So ging dasreieinhalb Stunden lang. Dem Gericht steht eine aufwendige Suche nach Beweisen bevor. Angeklagt ist der 23-Jährige wegen vierfachen Mordes und versuchten Mordes an den sieben anderen Bewohnern des Heims, die die Katastrophe überlebt haben. 20 Zeugen sind geladen, hinzu kommen die Ermittlungsergebnisse vom Tatort. Die Tat lässt sich relativ präzise rekonstruieren. Aber die Richter suchen vor allem nach dem Warum.

Vieles deutet darauf hin, dass der 23-Jährige einen Schlussstrich unter eine ziemlich verpfuschte Lebensphase ziehen wollte. Von klein auf war bei ihm fast alles schief gelaufen: Eine Sonderschule reichte ihn zur nächsten weiter, Arbeitgeber warfen ihn schnell wieder raus. Als er seinen Eltern Geld klaute, verlor er auch bei ihnen jeden Rückhalt. Über Umwege landete er in der diakonischen Einrichtung Erlacher Höhe in Calw. Aber er blockte alle Hilfsangebote ab, trank immer mehr Alkohol und nahm Drogen. Schließlich setzten ihm die Betreuer eine Frist: In vier Monaten sollte er ausziehen.
Nach einer durchzechten Nacht habe er sich von seinem bisherigen Leben trennen wollen, ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Auf der Toilette holte er sich Klopapier, zündete es in seinem Zimmer an und warf es in seinen Kleiderschrank. Dann verließ er das Haus, blieb aber noch rund zwei Stunden in der Nähe. Von dem Großeinsatz der Feuerwehr und dem hellen Schein der Flammen will er nichts mitbekommen haben.

Der Bruder des 23-Jährigen brachte die Ermittler auf die richtige Spur. In früheren Aussagen hatte der Angeklagte behauptet, er habe aus Frust selbst in den Flammen sterben wollen. Die Ermittler schließen einen Selbstmordversuch nun weitgehend aus. Der psychiatrische Gutachter machte zum Prozessauftakt klar, dass er dem Angeklagten seine Erinnerungslücken nicht abnimmt: „Die Vermutung liegt nicht ganz fern, dass Sie uns einiges einfach nicht mitteilen wollen.“ Das Urteil soll am 8. Juli gesprochen werden. dpa