760_0900_105154_Rad_1_bis_1000_01.jpg
Marion Göhler (links) und Heike Nabinger vom Bürgerbüro Wilferdingen organisieren den Verkauf der herrenlosen Fundräder. 
760_0900_105156_Rad_1_bis_1000_06.jpg
Christiane Münzinger hat ein Rad für ihren Sohn gefunden. 
760_0900_105155_Rad_1_bis_1000_05.jpg
Thomas Ohl kann ein platter Reifen nicht abschrecken. 
760_0900_105158_Rad_1_bis_1000_08.jpg
Till Landgrafe und seine Schwester Amy freuen sich über den Traktor. Jetzt muss der Vierjährige nur noch kräftig in die Pedale treten. 
760_0900_105157_Rad_1_bis_1000_11.jpg
Ein Zettel mit den wichtigsten Daten hängt an jedem Rahmen. 

Alles andere als radlos: Einmal im Jahr verkauft die Gemeinde Remchingen herrenlose Fundstücke

Remchingen-Wilferdingen. Da stehen sie, die Objekte der Begierde. Hinter rot-weiß-gestreiftem Absperrband sind knapp 25 Fahrräder hinterm Wilferdinger Rathaus aufgereiht: Fundräder, die bei der Verwaltung abgegeben wurden und nun für 10 bis 20 Euro – je nach Zustand – auf einen neuen Besitzer warten. Einmal im Jahr bietet die Gemeinde die Fahrräder an, die nicht abgeholt wurden.

„Wir müssen die Räder zuerst ein halbes Jahr lang aufbewahren“, erzählen Marion Göhler und Heike Nabinger vom Bürgerbüro in Wilferdingen. Meist werden sie von der Polizei, manchmal auch von Privatleuten irgendwo entdeckt und ins Rathaus gebracht – das ist auch ganz genau auf den Zetteln vermerkt, die am Rahmen angebracht sind.

Sind die Reifen platt?

Dafür haben die Menschen, die sich hinter dem Wilferdinger Rathaus versammelt haben, aber kein Auge. Sie interessiert vielmehr: Steht hier irgendwo ein Modell, das mir gefallen könnte? Ist die Technik noch einigermaßen in Schuss? Was ist mit den Bremsen und der Schaltung? Sind die Reifen platt? „Wir schauen nach zwei Rädern für die Kinder“, meint Silke Jonsson und lässt ihre Blicke über das Angebot schweifen. Als dann die Absperrbänder fallen, läuft jeder so schnell wie möglich zu seinem Lieblingsmodell und unterzieht es einer genauen Prüfung. Christiane Münzinger sucht nach einem Rad für ihren Sohn, der derzeit studiert – und ist bei einem sportlichen Modell fündig geworden. „Wenn ich jetzt nur wüsste, welche Größe er braucht“, meint sie und sieht das Gestell mit den 26-Zoll-Reifen prüfend an. Immerhin: Die Bremsen funktionieren und das Gewicht ist auch in Ordnung – das Rad ist gekauft. „Licht, Schutzblech und Gepäckträger müssen nachgerüstet werden“, meint sie, aber das sei kein Beinbruch.

Auch Thomas Ohl aus Wilferdingen entscheidet sich schnell. Er sucht ein Rad für seine Frau, mit dem sie im Ort unterwegs sein will. Das robuste Modell, das er ausgesucht hat, scheint für diesen Zweck bestens geeignet zu sein. „Es hat zwar einen Platten, aber sonst ist alles in Ordnung“, meint er – und bezahlt den Drahtesel auch gleich. Ein Fahrrad sollte eigentlich auch der vierjährige Till Landgrafe bekommen – aber dann hat er einen grünen Tret-Traktor entdeckt und war sofort begeistert. Dieses Gefährt wollte er unbedingt haben, auch wenn das Lenkrad nicht mehr im allerbesten Zustand ist. Seine Mutter hat zugestimmt und so fährt er nun glücklich mit dem Traktor herum. „Aber ich darf auch damit fahren“, meint seine siebenjährige Schwester Amy und freut sich schon auf ihre Runde. Nach knapp zehn Minuten haben acht Räder einen neuen Besitzer gefunden.

Kein Rad für den Enkel

Natürlich sind vergleichsweise intakte Modelle am begehrtesten, wissen Heike Nabinger und Marion Göhler. Aber Top-Räder landen selten bei ihnen. Wenn beispielsweise Räder geklaut werden, sortieren die Diebe nur die defekten Modelle aus und lassen sie einfach irgendwo zurück – alles andere wird zu Geld gemacht. Und so muss man eben einigen Aufwand betreiben, um manche Exemplare wieder in Schuss zu bringen. Das bemerkt auch ein Ehepaar, das nach einem Kinderrad sucht. „Wir wollten es für unseren Enkel Emil, damit er hier bei uns auch ein Rad hat“, erzählt Annelie Thomas. Aber ihrem Mann ist die Mängelliste zu lang: Vorderbremse defekt, Schaltung ebenfalls, Griff abgebrochen – Reparatur zu langwierig. Das Kinderrad bleibt also bei den Ladenhütern und kommt zurück in den Keller des Rathauses. Vielleicht findet sich ja im nächsten Jahr ein Bastler, der es wieder instand setzen möchte.

Sabine Mayer-Reichard

Sabine Mayer-Reichard

Zur Autorenseite