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Im Büro von Bürgermeister Karlheinz Oehler sieht man auf einer alten Katasterkarte die Wiernsheimer Grundstücke.  Foto: Prokoph 
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Das Gebäude in der Wiernsheimer Kronengasse 8 (rechts) stammt aus dem Jahr 1698/99 und die Scheune links aus dem Jahr 1579. 

Altes Haus mit großer Bedeutung: Wiernsheim plant historische Waldenser-Stätte

Wiernsheim. Eigentlich war von der Gemeinde geplant, in der Wiernsheimer Kronengasse ein Seniorenheim zu erstellen – und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zu den aktuell auf den Weg gebrachten zwei Neubauten mit seniorengerechten und betreuten Wohnungen.

Das Seniorenheim an diesem Platz scheiterte allerdings daran, dass das alte Gebäude in der Kronengasse Nummer 8 aus dem Jahr 1698/99 stammt und die nebenan liegende Scheune aus dem Jahr 1579 (PZ berichtete). Zwischenzeitlich sei man nun einen Schritt weiter. „In dem Wohnhaus könnte der damalige Amtsschultheiß Sebastian Hübsch residiert haben“, so Wiernsheims Bürgermeister Karlheinz Oehler zu den aktuellen Erkenntnissen zu den Gebäuden.

Denn von 1648 bis 1716 war Sebastian Hübsch „amtspflegerischer Schultheiß“ und somit stellvertretender Vogt des damaligen Vogtes Martin Greber aus dem Oberamt Maulbronn. Und in dem Gebäude der Kronengasse 8 war seine Amtsschultheißerei untergebracht.

Amtschultheißereien fassten einst Gruppen von Dörfern zusammen und waren einem Amt unterstellt. Das haben mittlerweile die Recherchen des Bauhistoriker Gerd Schäfer und des Historikers Ralf Fetzer ergeben. Darin liegt nun sogar eine Sensation. Denn: „Unsere Waldenser, die sich 1699 in Serres und Pinache niedergelassen haben, könnten sich alle vor und in dem Haus in der Kronengasse 8 versammelt haben, um dort registriert zu werden“, vermutet Oehler. Um diese These zu untermauern, müssten noch weitere Quellen im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv geprüft werden, was die Corona-Pandemie in den vergangenen Wochen allerdings verhinderte. Anhand der verbauten Balken in der Scheune und im Haus ließen sich die Gebäude zeitlich bereits einordnen, weiß Oehler.

„Wir gehen sogar davon aus, dass es sich bei dem Ensemble um einen Pfleghof eines weiteren Klosters handeln könnte“, sagt Oehler. Denn das Wiernsheimer Klosterareal mit „Löwenscheuer“, das um 1230 erbaut wurde, gehörte einst zum Kloster Maulbronn.

Nun will der Gemeindechef die weiteren Untersuchungen dazu aber erst noch abwarten, bevor er mit dem Gemeinderat darüber spricht. Der bauliche Zustand des Hauses sei ebenfalls noch unklar und müsse geprüft werden, führt Oehler aus. Aber: „Wenn man sich vorstellt, dass die Waldenser im Jahr 1699 dicht an dicht in der Kronengasse im Hof vor der Amtsschultheißerei standen, um in Serres und Pinache eine neue Heimat zu finden, hat dieser Bereich eine ganz besondere historische Bedeutung“, sagt Oehler. Und dann könnte man längerfristig auf dem Areal eine historische Stätte schaffen mit Konferenzen, internationalen Treffen und Dokumentationen über die Geschichte der Waldenser. Denn dieser Ort gebe überregional Zeugnis der politischen Integration über Jahrhunderte, freut sich Oehler. „Ich wünsche mir eine sinnvolle Lösung für die Gebäude der Kronengasse 8“, sagt der Gemeindechef.