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12.03.2009

Amokläufer Tim K. trainierte in Ispringen

ISPRINGEN/WAIBLINGEN. Ernst, in sich gekehrt, frustriert: So beschreibt Lothar H. Tim K., den 17-jährigen Amokläufer. H. trainierte den Amokläufer von Winnenden seit Herbst 2007 in Ispringen im Armdrücken.

„Ich war total fertig“, erinnert sich der Kraftsportler an seine Reaktion auf einen Telefonanruf seines Sohnes Eric, der ihm die schlimme Nachricht überbrachte. Vater und Sohn haben die „Armwrestling“-Abteilung unter dem Dach des KSV Ispringen gegründet.

Jeden zweiten Montag sei Tim K. zum Training gekommen, erinnert sich H. Der Vater habe den Jungen aus Winnenden nach Ispringen gefahren. Der 17-Jährige sei über das Internet auf den Verein aufmerksam geworden, habe einen Sport gesucht, in dem man seine Kräfte direkt Mann gegen Mann messen konnte. „Tischtennis hat ihn da nicht mehr so befriedigt“, sagt H. Tim K., der auch Kraftsport betrieb, hatte bald Erfolge. In der Junioren-Klasse bis 90 Kilo belegte er bei den deutschen Meisterschaften 2008 den vierten Platz.

Allerdings bemerkte H., dass sich der junge Mann mit dem Verlieren schwer tat: „Wenn wir ihn nach einer Niederlage trösten und wieder aufbauen wollten, reagierte er aggressiv.“ Auch sonst lernten die H.'s Tim K. als sehr ernsten, zurückhaltenden Menschen kennen, dem anzumerken war, dass ihn irgendetwas im Leben sehr frustrierte. „Bei uns wird immer viel gelacht“, beschreibt H. die Situation im Verein, „aber Tim hat nie mitgelacht.“ H. bemerkte wohl, dass auch die Chemie mit den Sportkameraden nicht so richtig stimmte. Dennoch: „Man hatte den Eindruck, er ist der harmloseste Mensch der Welt.“ K.'s Vater empfand H. dagegen als sehr dominante Persönlichkeit.

Wie gestern bekannt wurde, hatte Tim K. das Blutbad in der Nacht zuvor im Internet angekündigt. Der Hinweis sei aber nicht ernst genommen worden, gab Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) gestern bekannt. „Ich meine es ernst, Bernd – ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen“: Diese Worte habe der 17-jährige Schüler am Mittwoch gegen 2.45 Uhr in einem Internetportal geschrieben, sagte Rech. Auf den Eintrag hatte ein Jugendlicher in Bayern seinen Vater hingewiesen, den Text aber nicht ernst genommen.Rech sagte bei einer Pressekonferenz, Tim K. sei seit 2008 wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung gewesen. Die Therapie sollte in einer Klinik in Winnenden fortgesetzt werden, wurde vom Täter aber abgebrochen.

Der Täter hatte mehr als 200 Schuss Munition bei sich. Als Gastschütze im Schützenverein seines Vaters sei er im Umgang mit Schusswaffen sehr geübt gewesen, sagte Rech. Der Vater des Jungen muss sich möglicherweise wegen fahrlässiger Tötung verantworten, weil die vom Sohn verwendete Tatwaffe vorschriftswidrig im Elternschlafzimmer lag. In seinem Waffenschrank hatte der Vater 4600 Schuss Munition verwahrt. Die Eltern haben ihren Wohnort Leutenbach verlassen. Sie wollten in Ruhe gelassen werden und „werden nicht von der Polizei geschützt“, sagte ein Polizeisprecher.Nach dem Amoklauf haben mehrere Trittbrettfahrer die Polizei in Atem gehalten. Seit der Tat gab es allein in Baden-Württemberg sechs Amokdrohungen, unter anderem in Pforzheim. Die Schulen wurden verstärkt von der Polizei beobachtet.Das im vergangenen Herbst vorgestellte neue Amoktraining der baden-württembergischen Polizei wurde in Winnenden erstmals angewendet. Dies habe ein größeres Blutbad an der Realschule verhindert, sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger. 14 500 Polizeibeamte seien geschult, um zur „Erstbekämpfung des Täters“ ohne zu zögern in ein Gebäude zu gehen. Früher hatte die Polizei bei solchen Einsätzen erst die Lage analysiert und dadurch wertvolle Zeit verloren.

Als Konsequenz aus dem Massaker forderte die Gewerkschaft der Polizei technische Zugangskontrollen an Schulen. Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU) hielt dagegen, die Schulen sollten nicht zu Festungen ausgebaut werden. Innenminister Rech wandte sich gegen ein schärferes Waffenrecht: Dies nütze nichts, wenn wie im aktuellen Fall die Vorschriften nicht eingehalten würden.