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„Mulmiges Gefühl“: Bruno Bitz mit seiner ukrainischen Bekannten Maria Andritschuk am Grab von deren Vater in der radioaktiv stark belasteten 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl. 
„Mulmiges Gefühl“: Bruno Bitz mit seiner ukrainischen Bekannten Maria Andritschuk am Grab von deren Vater in der radioaktiv stark belasteten 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl.  © privat
22.04.2011

Besuche in der Sperrzone: Ittersbacher hilft Strahlenopfern von Tschernobyl vor Ort

Bruno Bitz kann sich noch gut erinnern wie Ende April 1986 die ersten Nachrichten aus Tschernobyl hierzulande die Runde machten. „Wir waren Abends im Garten und haben die Meldungen von der Wolke gehört. Dann haben wir gesagt, wir gehen lieber mal rein“, erzählt der 84-jährige Ittersbacher.

Da verteilte der Wind die radioaktiven Teilchen aus der Reaktorexplosion schon über ganz Europa. Bitz musste seinen Salat wegwerfen, der gerade im Beet wuchs – viel mehr verband den ehemaligen Bürgermeister von Weiler aber nicht mit dem Unglück in der Ukraine.

Das änderte sich erst vier Jahre später durch Zufall bei einem Urlaub auf der Krim-Halbinsel. Über die Reiseleiterin kam er in Kontakt zu einer Journalistin aus Kiew und über diese zu Opfern der Reaktorkatastrophe. Was er von ihnen aus erster Hand erfuhr, weckte seine Hilfsbereitschaft. Achtmal war er seither in Kiew, mit Spenden im Gepäck. Eine stattliche Summe ist so im Lauf der Zeit für die Strahlenopfer zusammengekommen. Darüber reden will Bitz nicht. „Das ist eine ganz persönliche Angelegenheit“, sagt er.

2007 besuchte er mit einer Bekannten das Grab von deren Vater in der 30-Kilometer-Sperrzone rund um Tschernobyl. Keine Schranken, keine Wachen – nur Warnschilder, man solle nichts anfassen oder essen, weisen auf die unsichtbare atomare Gefahr hin. „Ich hatte schon ein bisschen Bammel“, gesteht Bitz. Was er sah, war ein verwilderter Landstrich mit Geisterdörfern. „Nur einige Ältere sind inzwischen zurückgekehrt und ernähren sich von dem, was sie dort anbauen“, schildert er.

Der Reaktorunfall und mögliche langfristige Gesundheitsrisiken seien für sie zweitrangig: „Die nehmen das gar nicht so ernst, weil sie andere Sorgen haben. Die sind so bitterarm, die müssen erst einmal den Tag überleben.“ Aber die Strahlenschäden sind da. Bitz hat das Leid hautnah miterlebt: „Einige, denen ich geholfen habe, sind inzwischen an den Folgen der radioaktiven Verstrahlung gestorben.“ Die Tochter von einem der Opfer unterstützt er bis heute. Zum Dank bekommt er Karten und selbstgemalte Schmetterlinge. Anfang Mai will der Ittersbacher noch einmal nach Kiew aufbrechen.

Wenn Bitz heute hört, dass die Kraftwerksbetreiber in Fukushima den Menschen dort versprechen, sie könnten in sechs bis neun Monaten wieder in ihre Häuser zurück, schüttelt er den Kopf: „Die werden ihre Heimat nicht wiedersehen. In Tschernobyl hieß es damals auch, die Menschen müssten nur für drei, vier Tage weg.“ Jetzt wird die Sperrzone 25 Jahre alt. Sven Bernhagen