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Wie gefährlich ist die Handystrahlung? Wie gefährlich sind Mobilfunkmasten? Wissenschaftler sind sich uneins.
Wie gefährlich ist die Handystrahlung? Wie gefährlich sind Mobilfunkmasten? Wissenschaftler sind sich uneins. © dpa
22.09.2010

Beweissuche: Mobilfunkgegner sammeln Bluttests

NEULINGEN-NUSSBAUM. Den Bau eines Sendemasts im Neulinger Ortsteil Nußbaum für ein Mobilfunkunternehmen konnte die Initiative für verantwortungsbewussten Umgang mit Mobilfunk (IVUM) nicht verhindern. Ende September werden wohl die Bauarbeiten beginnen. Die Bürgeraktion gibt aber nicht auf. „Die IVUM empfiehlt den Anwohnern, bei einem Arzt ihres Vertrauens einen Bluttest zu machen, damit vor Inbetriebnahme des Senders der Gesundheitszustand verlässlich dokumentiert ist“, sagte Claudia Braun als Sprecherin der Initiative.

„Durch Abgabe einer Blutprobe können die Parameter Billirubin, Erythrozyten und Retikulozyten im Blut festgehalten werden“, so Braun. Bei Bedarf könnten diese Informationen über die roten Blutkörperchen „als Nachweis der Gesundheit und zur Sicherung späterer Schadensersatzansprüche dienen“, sagte Braun. „Viele Bürger aus Neulingen sowie dem Brettener Ortsteil Sprantal
haben von sich aus schon bei Ärzten nachgefragt, was sie nun tun können“, sagte die IVUM-Sprecherin.

Die Initiative fasse eine Sammelklage ins Auge: „Schließlich geht es um die Gesundheit der Menschen, aber auch um die Wertminderung von Wohnhäusern und Grundstücken, wenn in der Nähe Mobilfunk strahlt.“ Die IVUM habe alles versucht, den Sendemast auf größerer Distanz zu den Wohngebieten zu halten.

Auf Nachfrage der PZ beim Gesundheitsamt des Enzkreises erklärten Dr. Roswitha Kull und Biologe Arnd Göppelsröder, dass die Parameter Billirubin, Erythrozyten und Retikulozyten nicht aussagekräftig sind, was die Auswirkungen möglicher Strahlung von Mobilfunkmasten auf den menschlichen Körper anbelangt.

„Das Robert Koch Institut rät von solchen Tests ab, weil bisher kein Zusammenhang zu möglicher Strahlung hergestellt werden konnte“, erklärte Kull. Zudem bestehe die Gefahr, dass sich Leute von diesen Messungen in die Irre führen lassen.

Auch der Mediziner Dr. Joachim Leitz aus Bretten, den die IVUM als Kooperationspartner angibt, distanziert sich von der Aussagekraft dieser Parameter: „Ich Ich bin kein Mobilfunkgegner. nehme jedem Blut ab, der das möchte und lese auf Wunsch diese Werte heraus. Sie zu interpretieren bleibt aber jedem selbst überlassen. Ich kann nämlich keinen Zusammenhang zwischen einer möglichen Strahlung und den genannten Blutwerten herleiten.“

Die Blutbildung hänge von so vielen Faktoren ab, dass es schier unmöglich sei, Rückschlüsse auf einzelne Ursachen zu ziehen. Beispielsweise ändern sich Blutwerte schon, wenn man statt Fleisch vegetarisch isst, so der Mediziner. Zudem könne er auch nicht sagen, ob es gut oder schlecht ist, wenn die Werte sinken oder steigen. Damit stünden die Untersuchten ganz alleine da.

Bauantrag genehmigt

Anfang Juli hatte das Landratsamt den Bauantrag eines Mobilfunkunternehmens für einen Sendemast im Nußbaumer Gewann „Lederäcker“ genehmigt. Im November 2009 hatte der Enzkreis den Antrag noch abgelehnt. Die Firma habe nicht begründet, warum für den gewöhnlichen Handy-Empfang ein weiterer Mast notwendig sei, erklärte das Landratsamt damals. Die Kehrtwende wurde damit begründet, der Betreiber habe „nachvollziehbar und schlüssig dargelegt, dass eine Versorgung des Ortskerns von Nußbaum und des Südens von Sprantal vom bestehenden Mast nicht möglich“ sei.

Die IVUM läuft seit 2009 Sturm gegen die geplante Antenne. Die Bürgeraktion sammelte Hunderte Unterschriften und reichte beim Landtag eine Petition ein. Auch die Gemeinde Neulingen schlug sich auf die Seite der Bürgerinitiative.  Ralf Steinert/Kristin Bauer