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Blitzeis hat die Menschen in der Region am Sonntagmorgen ins Rutschen gebracht. © Bechtle
In Niefern waren selbst die Räumdienste mit Schneeketten unterwegs. © Keller
Blitzeis in Ottenhausen: Bis der Räumdienst kam, ging hier nichts mehr. © Gegenheimer
20.01.2013

Blitzeis: Eine Region gerät ins Rutschen

Erfahrene Polizisten und Notfallärzte greifen nicht so schnell zu drastischen Worten. Am Sonntag hat es sich nicht mehr vermeiden lassen.

Bildergalerie: Blitzeis legt Baden-Württemberg lahm

„Dramatisch“ nennen Sprecher der Polizei und diensthabende Ärzte in der Notaufnahme des Klinikums Pforzheim die Lage, die sich durch Eisregen und Blitzeis in und um Pforzheim genauso wie in weiten Teilen Baden-Württembergs ergeben hat.

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„Wir haben hier das vier- bis fünffache an Knochenbrüchen wie sonst“, berichtet einer der Mediziner. Bis zum Abend seien es 17 Fälle gewesen, meist Brüche der Hand oder eines Sprunggelenks, alles Folge von Stürzen beim Betreten spiegelglatter Gehwege, sagt Dr. Rolf Beier, Chef der Notaufnahme. Auch die Polizei beschreibt die Situation mit drastischen Worten. Bis zum Abend, für den erneut etwas Regen angekündigt ist und sich Straßen wie Wege mancherorts erneut in Rutschbahnen zu verwandeln drohen, zählen die Beamten in und um Pforzheim 55 Unfälle mit einem Gesamtschaden von etwa 150 000 Euro, meist Blechschäden mit leichten oder mittleren Verletzungen, aber in der Summe eben: „dramatisch“.

Selbst Polizisten und andere Einsatzkräfte bleiben nicht verschont. In Büchenbronn kommen Polizeifahrzeuge nur mit Mühe die Steigungsstrecken hinauf. Im Bereich Neuenbürg müssen zwei Streifenwagen von Streufahrzeugen befreit werden, weil sie nicht mehr weiter kommen. Bei Darmsbach rutscht ein Räumfahrzeug von der Fahrbahn. In Niefern-Öschelbronn legen die Mitarbeiter der Winterdienste ihren Fahrzeugen Schneeketten an, um auf glatten Straßen eine Chance zu haben. Und in Pforzheim hat das Blitzeis 125 Mitarbeitern der Technischen Dienste eine kurze Nacht beschert. „Um zwei Uhr ist es losgegangen“, berichtet Hans Fischer, der den Einsatz der Räum- und Streudienste im Stadtgebiet geleitet hat. „Dann gab es eine kurze Pause, und um drei fing der Regen wieder an.“ Seit 4.15 Uhr waren 22 Großfahrzeuge unterwegs, um sechs Uhr seien noch Handstreuer und kleinere Fahrzeuge eingesetzt worden. Über Mittag haben Fischer und seine Kollegen eine einstündige Pause eingelegt. Am Nachmittag, als wieder Regen einsetzte, hat die Arbeit für die zunächst 40 Mann starke zweite Schicht begonnen.

Betroffen ist auch der öffentliche Personennahverkehr. In Pforzheim sind am Sonntagmorgen etliche Busfahrten ausgefallen, in Mühlacker ist zeitweise der gesamte Linienbusverkehr zum Erliegen gekommen. Die Stadtbahnen dagegen sind überwiegend verschont geblieben, nur vereinzelt wird von kleineren Verspätungen berichtet. „Unterwegs zu unserem Neujahrsempfang in Pforzheim. Die S-Bahn ist pünktlich“, meldet der grüne Bundestagsabgeordnete Memet Kilic per Facebook. Andere Veranstalter kommen weniger glimpflich davon. Der Neujahrsempfang der CDU Mühlacker und ein Gottesdienst in Großglattbach fallen aus. Das Handballspiel der TGS Pforzheim in Schmieden und das Eishockeyspiel der CfR Pforzheim Blue Gold Stars zuhause gegen Zweibrücken werden abgesagt.

Nicht nur Veranstalter nutzen das Internet, um auf Absagen und die gefährliche Lage hinzuweisen. Auch viele Privatleute warnen per Facebook davor, bei dieser Glätte ins Freie zu gehen. In Mehrfamilienhäusern hängen fürsorgliche Mitbewohner Schilder an die Eingangstür: „Vorsicht! Glatt!“ In Pforzheim und zahlreichen Umland-Orten wie Wilferdingen-Singen geht auf vielen Gehwegen gar nichts mehr. Passanten rutschen und schlingern, balancieren, halten sich auf ihrem mühsamen Weg an Zäunen fest, stützen sich an Hauswände. Viele Fußgänger ziehen es vor, auf den mit Salz gestreuten und einigermaßen rutschfreien Fahrbahnen anstatt auf den Gehwegen zu laufen. In Königsbach hilft gegen 9 Uhr auch kein Streuen, kurz danach ist der Gehweg an mancher Stelle wieder glatt, weil die Temperaturen wieder unter 0 Grad gesunken sind. In Ottenhausen kommen die Fahrzeuge am Sonntagmorgen gar nicht mehr vorwärts. Am Ortsausgang in Richtung Arnbach rutschen die Fahrzeuge nach Aussage von Augenzeugen regelrecht herum und schließlich quer wieder die ansteigende Straße hinunter. Um 9 Uhr macht der Streudienst diesem Spuk ein Ende. Die Autos von den teils zentimeterdicken Eisschichten freizukratzen dauert bis zu einer halben Stunde. Und wer kann, lässt nicht nur das Auto stehen, sondern bleibt gleich ganz zuhause.

Sogar auf der Autobahn, sonst stets am besten von allen Straßen betreut, kommen die Räum- und Streudienste zeitweise nicht mehr nach. Zwischen dem Karlsruher Dreieck und Karlsbad wird die A 8 vorübergehend gleich ganz gesperrt, im weiteren Verlauf ereignen sich immer wieder Unfälle, und auch zwischen Heimsheim und Leonberg ist die A 8 am Vormittag vorübergehend gesperrt. Die Autobahn im Bereich der Polizeidirektion Pforzheim immerhin ist zur Mittagszeit wieder freigegeben. „Der grobkörnige Asphalt hatte das Salz aufgenommen, und darüber bildete sich neues Eis“, erklärt ein Polizeisprecher, warum sie gesperrt worden war. Auch im Kreis Calw gibt es am Sonntag erhebliche Beeinträchtigungen im Verkehr. Die Polizei verzeichnet eine Vielzahl von kleineren Unfällen. Soweit bislang bekannt entsteht aber nur Sachschäden.

Unabsehbar sind bis Redaktionsschluss die Folgen des am Abend erneut befürchteten Regens, auf den der Deutsche Wetterdienst am Nachmittag mit einer Unwetterwarnung für Pforzheim und den Enzkreis hinweist. Der Zugverkehr ist bereits betroffen: Die S 5 in Richtung Karlsruhe fällt nach 19 Uhr witterungsbedingt aus.

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