nach oben
24.06.2009

Bürger wagen offene Worte gegenüber Oettinger

ILLINGEN/ENZKREIS. Ein gehöriges Maß an Standvermögen musste Ministerpräsident Günther Oettinger beim Bürgerempfang in Illingen beweisen. Viele Gesprächspartner wiesen auf alltägliche Mängel in der Verwaltung hin.

„Die Menschen haben berechtigte Anliegen vorgebracht“, sagte der Regierungschef am späten Abend zur PZ, als er eine halbe Stunde später als ursprünglich geplant die Stromberghalle in Richtung Stuttgart zum Kongress der Zeitschriftenverleger verließ. Mit viel Beifall wurde der Ministerpräsident von den mehr als 400 Gästen aus dem gesamten Enzkreis verabschiedet.

„Sprecherin Anita Diehl aus Dürrn wies den Ministerpräsidenten auf den Disput um die Mobilfunkantenne im historischen Kern des Dorfes hin. „Ich habe ihm gesagt, dass wir das massive Vorgehen der Mobilfunkbetreiber nicht länger akzeptieren können“, sagte die Lehrerin. Sie überreichte ihm mit Ehemann Berthold einen persönlichen Brief. Auch Claudia Braun, die Sprecherin der Mobilfunk-Initiative aus Nussbaum, fand Gehör beim Regierungschef. Sie darf wie die Gruppe aus Dürrn eine Antwort aus dem Staatsministerium erwarten.

„Günther Oettinger ist Mitglied in unserem Verein Bürgerhaus Regenbogen in Ispringen. Deshalb haben wir ein Plakat von unserer Aktion am 4. Juli überreicht“, berichtete Karl-Ulrich Bürkle nach der Begegnung. SPD-Fraktionschef Klaus Kluge aus dem Gemeinderat in Illingen wollte allein ein Autogramm vom CDU-Landesvorsitzenden erhalten. „Günther, bei ihm musst Du besonders gut schreiben“, rief zur Erklärung Landtagsabgeordneter Winfried Scheuermann über den Tisch. Schulrektorin Heidi Bopp von der Faustschule in Knittlingen wollte als Oettinger-Fan „nur mit ihrem Regierungschef einmal fotografiert werden“.

Erster Besuch seit Filbinger

In seiner Begrüßung zum Bürgerempfang als Abschluss des Enzkreis-Besuchs wies als Gastgeber Bürgermeister Harald Eiberger auf die Seltenheit der Visiten der Regierungschefs aus Stuttgart hin. „Hans Filbinger war der letzte Ministerpräsident, der in der Halle gesprochen hat“, stellte er am Rednerpult fest. Derweil hatten die 15 Landfrauen bereits die Gastgeschenke auf der Bühne postiert. Einen Schwarzriesling-Rebstock und ein knorriges Exemplar aus Schützingen nahm Oettinger zurück ins Staatsministerium. „Ich will den Rebstock in der Villa Reitzenstein in Ehren halten“, versprach der Gast den Helferinnen.

In seiner Ansprache versicherte der Ministerpräsident, der Enzkreis habe mit Mühlacker und der Großstadt Pforzheim trotz der Vernetzung mit Karlsruhe und Stuttgart „seine Eigenständigkeit bewahrt“. Es sei die Aufgabe des Landkreises mit seiner zentralen Lage in Baden-Württemberg seine „Wahrnehmbarkeit zu erhalten“. Zugleich stimmte der hohe Gast aus Stuttgart seine Zuhörer auf schwierige Zeiten ein. „Der Erhalt von Arbeitsplätzen muss unser vordringlichstes Ziel sein“, formulierte Oettinger. Viele Betriebe stellten angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten keine jungen Nachwuchskräfte mehr ein. „Auf den Arbeitsmarkt kommen im Herbst und Winter hohe Belastungen zu“, sagte der Regierungschef.