nach oben
19.08.2009

Calwer stehen unter Schock

CALW. Nach einem verheerenden Feuer in einem Obdachlosenheim in Calw sind vier der zwölf Bewohner tot, einer ist schwer verletzt. Ein weiterer rettete sich mit einem Sprung. Die Polizei sucht nach den Gründen für das Unglück.

Andreas Reichstein, Geschäftsführer des diakonischen Sozialunternehmens Erlacher Höhe in Calw, übt sich nach der Pressekonferenz zum Brand in Stärke und unterdrückt die ihn aufwühlenden Emotionen. Doch es ist nicht zu übersehen: Der Leiter der Einrichtung ist mitgenommen, steht unter dem tiefen Eindruck des schrecklichen Erlebnisses am frühen gestrigen Mittwochmorgen.

Gegen vier Uhr war in dem 1978 als Neubau in historischem Umfeld fertiggestellten Stahlbetonbau mit hölzernem Dachgeschoss ein Feuer ausgebrochen. Das einst von der Familie Karl Weiß gebaute Haus ist seit wenigen Jahren das Domizil der Erlacher Höhe. Im Dachgeschoss befand sich eine Wohngruppe für Obdachlose, die zuletzt von zwölf Personen genutzt wurde. Ein Stock tiefer war eine Holzwerkstatt für Arbeitsprojekte untergebracht.

Zwei 31- und 44-jährige Bewohner des Erlacher-Höhe-Hauses retteten sich mit einem Sprung aus dem Dachgeschoss und zogen sich dabei schwere Verletzungen zu. Für vier der Bewohner kam jede Hilfe zu spät. Eine junger Mann war zunächst für längere Zeit vermisst worden, hatte sich dann aber bei der Polizei unversehrt gemeldet.

Die übrigen Bewohner hatten sich selbst aus dem brennenden Gebäude retten können. „Als wir ankamen, standen viele Bewohner vor dem Gebäude“, so Rainer Stotz, Einsatzleiter der Calwer Feuerwehr. Lebend habe die Feuerwehr niemanden mehr aus dem Gebäude retten können und müssen. Stattdessen musste sie vier teilweise bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichen von Männern im Alter zwischen 36 und 59 Jahren bergen.

Und es war den Wehrleuten, Polizisten und Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes nach diesem Einsatz anzusehen: Die Aufgabe war alles andere als leicht, wird so schnell nicht aus ihrer Erinnerung weichen.
Andreas Reichstein selbst war bereits kurze Zeit, nachdem er über das Feuer informiert worden war, vor Ort und versuchte zu helfen wo es ging. Insbesondere die Betreuung jener Menschen, die es geschafft hatten, sich aus dem brennenden Gebäude zu retten, stand in seinem Fokus. Unterstützt wurde er dabei unter anderem vom Calwer Dekan Erich Hartmann. Da er selbst in unmittelbare Nähe wohnt, war er ebenfalls schnell vor Ort, ebenso wie der evangelische Calwer Stadtpfarrer Christoph Stein. Die beiden Geistlichen werden in den nächsten Tagen auch die Trauerarbeit von Angehörigen und Freunden unterstützen, stehen bei Bedarf für Gespräche zur Verfügung. Ab heute wird in der Stadtkirche ein Kondolenzbuch ausliegen. Kommenden Montag, um 17 Uhr, findet ein Trauergottesdienst im selben Gotteshaus im Zentrum der Hesse-Geburtsstadt statt.

Der Schock über das Feuer und den tödlichen Ausgang für vier ehemals Obdachlose, die in der Einrichtung Halt gefunden hatten, steht nicht nur den Einsatzkräften ins Gesicht geschrieben. Auch Nachbarn und Freunde der Opfer sind mitgenommen, wissen nicht, wie sie auf das Ereignis reagierten sollen.

In Calw indes verbreitet sich die Nachricht von dem nächtlichen Brand und dessen Folgen sprichwörtlich wie ein Lauffeuer. Immer wieder streben Schaulustige in die Vorstadt oberhalb des malerischen Calwer Marktplatzes und versuchen sich selbst ein Bild von dem Ereignis zu machen. Die Polizei aber schirmt das Umfeld des Gebäudes zunächst großräumig ab.

Einsturzgefährdet ist der komplett ausgebrannte Betonbau nach Meinung der Einsatzkräfte aber trotz des Feuers nicht: Die Ermittler des Landeskriminalamtes können sich denn auch bereits wenige Stunden nach dem Brand mit gebotener Vorsicht auf die Suche nach der Ursache machen, die zu der Katastrophe geführt hat.

In der Gerichtsmedizin wird indes versucht, die Todesursache der Opfer zu ermitteln und ihnen ihre Identität wiederzugeben. „Eine schwierige und vermutlich auch zeitintensive Arbeit“, so der leitende Tübinger Staatsanwalt Walter Vollmer. Niemand weiß zunächst, wie es zu dem Brand gekommen ist. Erst die Untersuchungen werden an den Tag bringen, ob es ein Unfall war oder ob der Brand möglicherweise gar vorsätzlich gelegt wurde.

Weder Angehörige der Feuerwehr noch der Polizei geben sich Spekulationen zu dieser Frage hin. „Das müssen die Ermittlungen zeigen“, so Polizeichef Joachim Kurz. Er betont auch, dass es keinerlei Probleme mit den Bewohnern der Wohngruppe gegeben hat. Behauptungen von Nachbarn, es habe am Vorabend Streit in dem Gebäude gegeben und sei laut zugegangen, will er nicht als Indiz dafür werten, dass dies etwas mit dem tödlichen Feuer zu tun hat.
Feuerwehrmann leicht verletzt

Fast 70 Feuerwehrleute sind mit den Löscharbeiten, den Aufräumarbeiten und der Sicherung des Gebäudes beschäftigt. Ein Feuerwehrmann wird dabei verletzt. Weitere Personenschäden bei den Hilfskräften gibt es nicht zu beklagen. Dem beherzten Einsatz der Wehrleute ist es zu verdanken, dass Calw einer größeren Katastrophe entgangen ist: In der eng bebauten Burgsteige hätte das Feuer leicht auf benachbarte Gebäude übergreifen können. Die Feuerwehr hat dies erfolgreich verhindert. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei ist an den Nachbargebäuden kein Schaden entstanden. Der Schaden am Obdachlosenheim liegt nach ersten Schätzungen bei 800 000 Euro.
Zurück auf die Straße müssen die ehemaligen Obdachlosen, nachdem sie ihr Zuhause verloren haben, nicht. Oberbürgermeister Manfred Dunst steht Andreas Reichstein zur Seite. Ministerpräsident Günther Oettinger versprach unbürokratische Hilfe.

Die Arbeit der Erlacher Höhe, so unterstreicht auch Dunst, sei wichtig und wertvoll. Er hofft darauf, dass das Wirken des diakonischen Sozialunternehmens trotz der Katastrophe und den noch nicht absehbaren Folgen weitergehen wird. Auch wenn es bis zur Rückkehr in die Normalität für alle Betroffenen wohl ein schwieriger und langer Weg sein wird.