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Er zieht aus, um die Japaner das Akkordeonspiel zu lehren. Als erster Professor in Japan für dieses Instrument wird der Calwer Akkordeonvirtuose Denis Patkovic nach Tokio gehen.
calwer © dpa
25.03.2014

Calwer wird erster Akkordeon-Professor in Japan

Calw/Tokio (dpa/lsw) - «Es war klein und rot und verrostet.» Der Akkordeonvirtuose Denis Patkovic erinnert sich noch ganz genau an sein erstes Instrument. Seine aus Kroatien stammenden Eltern, die sich damals in Calw niedergelassen hatten, kauften es ihm auf sein hartnäckiges Drängen hin, als er etwa sechs Jahre alt war. Jetzt ist Patkovic 33 und wird ab April in Tokio Professor für Akkordeon - der erste überhaupt in Japan.

Dort gibt es erstmal gar nichts. Keine Akkordeonstudenten, keine Akkordeonschüler. Zwar ist das relativ junge Instrument auch in Japan ganz gut bekannt und vor allem als Begleitinstrument beliebt. «Im Vergleich zu China oder Europa aber hat es als Instrument dort eigentlich keine Tradition», sagt Patkovics langjähriger Lehrer, der Würzburger Akkordeon-Professor Stefan Hussong.

Bislang kann man es in Japan auch nicht studieren - obwohl es in Tokio seit 20 Jahren eine «Japan Accordion Association» gibt. Patkovic will das ändern. «Ich werde dort bei null anfangen; muss Studenten akquirieren, werde versuchen, Komponisten für das Instrument zu finden und Veranstalter, die erste Konzerte ausrichten.» Er will «die ganze Akkordeonkultur nach Japan bringen».

Patkovic ist ein Virtuose auf diesem Instrument. Von ihm erschien die von der Kritik hochgelobte CD «Gold Mine Variations». Auf ihr stellt Patkovic den berühmten Klaviervariationen Johann Sebastian Bachs die zeitgenössische Komposition «Erz» gegenüber, die der Finne Jukka Tiensuu extra für die CD geschrieben hat.

Immerhin 3000 Mal verkaufte sich die Platte - «eine stolze Zahl für mein Instrument», sagt Patkovic. Jüngste Veröffentlichung ist die CD «Keyboard Concertos», in der er als erster Akkordeonist überhaupt Bachs Klavier-Konzerte BWV 1052, BWV 1056 und BWV 1055 eingespielt hat.

Er selbst fand Akkordeon schon immer klasse. Zuhause hörte er Balkanmusik rauf und runter, nichts anderes wollte er von klein auf werden als - Akkordeonspieler. «Das Instrument war für mich Magie.» Aber wo lernen? Im Städtchen Calw konnte er an der Musikschule immerhin Gruppenunterricht nehmen - und hatte nach einigen Wochen schon den halben Übungsband durchgeübt, während die anderen Kinder noch am ersten Stück werkelten. «Ich bekam Einzelunterricht.»

Mit zwölf dann kam er ans Badische Konservatorium in Karlsruhe, wo sein Lehrer so begeistert von ihm war, dass er ihn jeden Dienstag aus Calw abholte, nach Karlsruhe fuhr und dort unterrichtete. Mit 16 wurde Patkovic an der Hochschule für Musik in Würzburg aufgenommen und studierte ab 2005 in der Meisterklasse von Hussong.

Als einer von sieben Doktoranden weltweit promoviert er gerade an der Sibelius-Akademie in Helsinki; diesen September wird er fertig sein. «Akkordeon ist keineswegs nur ein Volksmusikinstrument», betont Patkovic. Exotisch ist es dennoch, erst recht klassisches Akkordeon, wie der 33-Jährige es spielt. «Wer hat denn schon mal einen Akkordeon-Solisten mit Orchester gesehen?»

Klassisches Akkordeon kann nach Hussongs Worten inzwischen an zehn deutschen Hochschulen studiert werden - etwa 150 Musiker sind derzeit für dieses Instrument eingeschrieben. Literatur gibt es nicht viel: Außer zeitgenössischen Kompositionen eignet sich Barockmusik gut, da sie nicht umgearbeitet werden muss.

Patkovic schaut zuversichtlich in Richtung Japan und sein Mentor Hussong auch. «Die Japaner sind neugierige Menschen und sehr interessiert, wenn etwas Neues kommt», sagt Hussong, der seit 20 Jahren zweimal im Jahr Konzerte in Japan gibt. «Wenn Denis acht Jahre durchhält, hat er seine erste Klasse zusammen.»

Er habe immer neue Wege gehen wollen, sagt Patkovic. In Japan studierte er Sho, wie das Akkordeon ein sogenanntes Durchschlagzungeninstrument. Jetzt kommt er zurück, im Gepäck längst kein rostiges, rotes Akkordeon mehr, sondern eine schwarze «Giovanni Gola» von 1966 - die 'Stradivari' unter den Akkordeons. «Mein Ziel ist, das Akkordeon als Soloinstrument so in Japan zu etablieren, dass es nicht mehr wegzudenken ist.»