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Belastungen erkennen und verhindern: Janine Benson-Martin, Ärztin und Psychiaterin aus Kapstadt, hielt im Landratsamt einen Vortrag zum Thema „Die psychische Gesundheit von Geflüchteten in Pforzheim und dem Enzkreis“.  Molnar
Belastungen erkennen und verhindern: Janine Benson-Martin, Ärztin und Psychiaterin aus Kapstadt, hielt im Landratsamt einen Vortrag zum Thema „Die psychische Gesundheit von Geflüchteten in Pforzheim und dem Enzkreis“. Molnar
13.07.2017

„Die psychische Belastung ist groß“

Vor eineinhalb Jahren kamen bis zu 100 Flüchtlinge pro Woche nach Pforzheim. Inzwischen ist die Welle abgeebbt. Doch wie steht es um das Wohlbefinden und die Weiterversorgung der Geflüchteten? Welchen Belastungen sind sie ausgesetzt? Und welche Möglichkeiten gibt es, ihnen zu helfen? Um solche Fragen drehte sich die fünfte kommunale Gesundheitskonferenz der Stadt Pforzheim und des Enzkreises gestern im Landratsamt.

Aus aktuellem Anlass wurde der zweijährige Turnus der seit 2010 gemeinsam durchgeführten Veranstaltung gebrochen und die Konferenz zum Thema „Gesundheit von Geflüchteten“ eingeschoben. Weit über 100 Anmeldungen gingen ein, unter den Teilnehmern befanden sich Ärzte, Sozialarbeiter, Ehrenamtliche und Flüchtlinge. In Vorträgen und neun Workshops wurde die gesundheitliche Situation analysiert und Maßnahmen zur Verbesserung erarbeitet. Denn nur durch Prävention und eine möglichst frühe Behandlung von Erkrankungen sei eine erfolgreiche Integration gewährleistet. „Die Belastungen werden erst mit der Zeit sichtbar“, sagte Wolfgang Herz, Erster Landesbeamter des Enzkreises. Bei der Unterbringung konnten die Flüchtlinge zentral erfasst werden, nun müssten sie in das Gesundheitswesen überführt werden.

Zu wenige Ärzte

„Die psychische Belastung ist sehr groß, die Geflüchteten haben oft Traumata“, sagte Pforzheims Sozialbürgermeisterin Monika Müller, die die Gesundheit als Wirtschaftsfaktor erachtet. Besonders die Situation des Wartens, der Ungewissheit und Perspektivlosigkeit, teils auch der Ablehnung, verursachten zusätzlichen Stress. Zudem sei die Ärzteversorgung nicht überall optimal. Dies unterstrich auch Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamtes: „Die medizinische Versorgung ist selbst für die Einheimischen nicht ausreichend.“ Für die Migranten sei diese noch schwieriger. Oft hätten sie mit Abschiebungen zu tun und infolgedessen auch mit Suizidversuchen. „Da müssen wir schnell reagieren“, so Joggerst.

Die Integrationsbeauftragte des Enzkreises, Regina Ehrismann, die auch einen Vortrag zum Thema „Alltagsdiskriminierung und psychische Gesundheit“ hielt, sprach von den zu schaffenden Rahmenbedingungen wie der Verkürzung von Wartezeiten, Anerkennung von Abschlüssen oder einer angemessenen Wohnsituation. Gerade nach dem Ankommen fielen viele Geflüchtete in ein Loch. Sucht und andere psychische Erkrankungen wären jetzt erst auffällig.

Insgesamt ging es bei der Konferenz darum, das Gesundheitswesen zu vernetzen und leistungsfähig zu halten – sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Bevölkerung. Bei den Workshops am Nachmittag sollten Arbeitsgruppen entstehen, die sich weiter mit dem Thema befassen sollen.