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PZ-Redakteurin Sabine Simon war einen Tag lang unterwegs, um sich ein Bild vom Hochwasser und den Aktivitäten der Flutopfer zu machen. In Keltern-Ellmendingen gefiel ihr der Zusammenhalt der betroffenen Menschen, die unaufgeregt gegen die Wassermassen kämpften. © Sabine Simon/Alexander Miko
02.06.2013

Ein Flut-Tag in Gummistiefeln zwischen Sorgen und Staunen

Nach dem Dauerregen in der Nacht zu Samstag hatte ich schon Schlimmes befürchtet. Bei einem Blick vom Balkon unserer Wohnung im Ortsteil Singen fällt mir sofort der überflutete Bereich zwischen Bahnstrecke und Wohngebiet auf. Eigentlich wollte ich nur Brötchen holen, schnappe mir jetzt aber meine Kamera und die Gummistiefel und mache mich gemeinsam mit meinem Freund auf den Weg durch den Ort.

Bildergalerie: Szenen von der Flut in Singen

Schon am Ortsausgang von Singen, gleich neben dem Remchinger Gymnasium, sind Wiesen überflutet. Der Kämpfelbach ist über die Ufer getreten. Am Spazierweg hinter den Wohnhäusern, direkt am Fluss, treffen wir einige besorgte Anwohner. "Bei uns ist schon Wasser in den Keller gelaufen. Wir wollen gleich noch eine zweite Pumpe kaufen", sagt ein junger Mann, der mit Hausschuhen unterwegs ist. "Ich wohne jetzt schon 19 Jahr hier, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt." Ein anderer Singener, er wohne weiter hinten, erzählt, dass er schon seit einigen Stunden unterwegs ist, um das Hochwasser im Auge zu behalten. "So kann ich schneller reagieren", sagt er.

Bildergalerie: Szenen von der Flut in Ellmendingen

An der Nöttinger Straße, dem Bereich direkt hinter dem Remchinger Rathaus, hat die Feuerwehr die Straße gesperrt. Dort sind Pfinz und Seebach über die Ufer getreten, haben den Platz überflutet. Anwohner versuchen mit Besen und Schaufeln den Schlamm zurückzuhalten, sammeln dickere Äste aus den Gullys, die völlig verstopft sind. Im Bereich von Wiesen-, Garten- und Friedenstraße werden überall Keller ausgepumpt. Auch der Lidl-Parkplatz ist zur Hälfte überflutet.

Bildergalerie: Szenen von der Flut in Wilferdingen und Königsbach

Ein junger Mann dreht mit einem Quad seine Runden durchs Hochwasser. Auf der B10 in Richtung Kleinsteinbach hat das Hochwasser die Fahrbahn überflutet. Wasserfallartig stürzt der Regen die Hänge hinab. Geröll und Schlamm liegen auf der Fahrbahn. Genau wie am Ortseingang von Königsbach in Richtung Walzbachtal. Dort hat die Feuerwehr den Bereich kurzzeitig abgesperrt. In Richtung Stein sind die Wiesen vom vielen Regen überflutet. Anwohner fahren mit Gummi-Booten darauf herum.

Im Ortsteil Singen herrscht angespannte Stimmung. Gegen 14 Uhr sperren zwei Mitarbeiter des Bauhofs die Pfinzstraße für den Verkehr. "Wir machen hier alles dicht, damit die Feuerwehr da hinten in Ruhe arbeiten kann", erzählen sie. Denn im hinteren Bereich ist die Feuerwehr Remchingen schon seit einigen Stunden damit beschäftigt, Keller auszupumpen. "Wissen Sie, wie das mit dem Handy geht?", fragt einer der Bauhof-Mitarbeiter und bittet mich, ein Foto von der Pfinz zu machen, die schon fast den unteren Teil der Brücke erreicht hat. "Wenn das nicht bald aufhört zu regnen, tritt der Fluss bald über die Ufer", sagt er. Im Radio haben wir gerade die Hochwasser-Warnung für Pforzheim gehört. Nach einem Telefonat mit einer Kollegin weiß ich, dass es in der Goldstadt immer noch regnet.

An der Singener Mühle, dort fließen Kämpfelbach und Pfinz zusammen, ist aus dem friedlichen Fluss eine reißende Flut geworden. Zahlreiche Anwohner stehen auf den Brücken und blicken besorgt in die Flut, machen Fotos mit Kamera und Handy. Bis zum Abend werden in den an die beiden Flüsse angrenzenden Wohngebieten viele Keller vollgelaufen sein.

In den Keller der Singener Mühle, erzählt eine Passantin, sei wohl schon Wasser eingedrungen. Und in die Häuser weiter unten wohl auch. Sie habe bisher Glück gehabt. "Wenn es aber weiter regnet, wird das hier nicht gut ausgehen", befürchtet sie. Anwohner in der Eisenbahnstraße haben da weniger Glück. Auch dort bahnen sich Hochwasser und Schlamm den Weg in die Keller. Bis zum Nachmittag ist auch der Parkplatz des Penny-Markts an der Dayastraße fast vollständig überflutet, genau wie das Gebäude selbst.

In der Unterführung in Richtung Wilferdinger Freibad steht das Wasser fast 50 Zentimeter hoch. Was einige Mutige nicht davon abhält, mit dem Fahrrad durchzufahren. Ich bin froh, dass ich meine Gummistiefel dabei habe. Dann hört es endlich auf zu regnen, sogar die Sonne kommt kurz raus - doch das Hochwasser steigt weiter an.

Wir fahren weiter nach Ellmendingen. Das Hochwasser hat den Ort bereits am Samstagmorgen erreicht, der Arnbach ist weit über die Ufer getreten. Noch am Nachmittag ist das sonst eher kleine Flüsschen ein schneller Strom. Die Straßen sind voll von Schlamm und dicken Ästen, die Gullys völlig verstopft. Die Feuerwehr Keltern ist mit mehreren Fahrzeugen vor Ort, pumpt Keller aus und hilft den Anwohner beim Beseitigen der Hochwasser-Schäden.

"Die Anwohner waren ganz gut vorbereitet", sagt Horst Gegenheimer von der Feuerwehr Keltern. "Es war ja absehbar, wenn es weiter regnet, dass das leider passieren wird. Und das ist leider ja nicht das erste Hochwasser in Ellmendingen. Die älteren Anwohner kennen das ja schon."

Das Wasser sei gar nicht so sehr das Problem, eher der Schlamm. Denn muss man sofort herauskehren und mit Wasser nachreinigen. "Das verstopft sonst alles", sagt er. Gegenheimer ist gegen 11 Uhr hinzugekommen - da waren seine Kollegen schon mehrere Stunden im Einsatz. In Ellmendingen beeindruckt mich die große Solidarität der Anwohnern: Alle helfen mit, sind mit Besen und Schaufel im Einsatz. Gemeinsam wollen sie das Hochwasser zurückdrängen.

Von Ellmendingen fahren wir über Nöttingen zurück nach Wilferdingen. Am Ortseingang von Nöttingen haben Feuerwehr und Polizei einen großen Bereich abgesperrt. Der Damm der dortigen Stauschleuse droht zu brechen. Dahinter befinden sich in Tallage mehrere Bauernhöfe. "Das ist sehr gefährlich hier. Da unten sind wohl noch Tiere in Gefahr. Wir überlegen jetzt gerade, wie wir vorgehen", sagt eine Polizisten. Weiter hinten hat sich Remchingens Bürgermeister Luca Wilhelm Prayon postiert. Er lässt aber keine Fragen zur Situation zu, Fotos dürfen wir nicht machen.

Am Abend ist das Hochwasser in Singen glücklicherweise nicht weiter gestiegen. In der Pfinzstraße ist die Feuerwehr derzeit noch immer damit beschäftigt, Keller auszupumpen. Viele Anwohner stehen auf der Straße, tauschen sich über die Schäden an ihren Häusern aus. Die B10 in Richtung Kleinsteinbach ist wieder befahrbar. Der Abschnitt zwischen Kleinsteinbach und Söllingen - dort waren am vergangenen Wochenende auch Bäume auf die Fahrbahn gestürzt - bleibt weiter gesperrt. Gegen 20 Uhr fängt es wieder leicht an zu tröpfeln. Hoffentlich wird der Regen nicht wieder stärker.