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Sintiza Renate Melis und Andreas Hoffmann-Richter bei ihrem Vortrag über Sinti und Roma und die Geschichte einer Ausgrenzung. Foto: Bechtle

Eine leidvolle Geschichte: Vortrag über Sinti und Roma soll Leben der Minderheit aufzeigen

Bad Wildbad. Es ist kaum bekannt, dass es in Deutschland sogenannte nationale Minderheiten gibt, die unter die „Bestimmungen des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten des Europarats“ fallen. Vom „Volk der Sorben“ in Brandenburg und Sachsen hörte man nach der Wiedervereinigung.

Weitere staatlich anerkannte Minderheiten sind die Friesische Volksgruppe (vor allem in Niedersachen), die Dänische Minderheit (in Schleswig-Holstein) und die Sinti und Roma, die vor allem in größeren Städten wohnen. Gerade die letztgenannte Minderheit wurde in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet und die Überlebenden wurden auch nach dem Krieg weiterhin ausgegrenzt.

Die Evangelische Erwachsenenbildung nördlicher Schwarzwald hatte zu einer Veranstaltung im Ludwig-Hofacker-Haus eingeladen, um die Erfahrungen und das Leben dieser Menschen nach Krieg, Vernichtung und Vertreibung aufzuzeigen.

Referent war der Kirchliche Beauftragte für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma in Baden-Württemberg, Pfarrer Andreas Hoffmann-Richter. Er arbeitet seit zwanzig Jahren in diesem Arbeitskreis, um den Sinti und Roma auf Augenhöhe zu begegnen und sie zu verstehen. Dabei sollen vor allem alte Vorurteile gegen Sinti und Roma abgebaut werden. Als Sinti bezeichnet man die Roma, welche die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, in Baden-Württemberg sind dies etwa 13.000 Menschen.

In einem einleitenden Filmstreifen, in dem Menschen auf der Straße zum Thema Sinti befragt worden waren, zeigte sich die große Unkenntnis zu dieser nationalen Minderheit, die seit dem 14. Jahrhundert in Deutschland und in Europa lebt. Die leidvolle Geschichte der Sinti zeigte Hoffmann-Richter anschließend im Wechsel mit Renate Melis auf. Da die Sinti in keine Zünfte aufgenommen wurden, blieben ihnen als berufliche Nischen Künstler, Musiker, Händler, Hausierer sowie Handwerker auf dem Land, der Reparaturen bei den Bauern durchführte, sozusagen Wandergewerbe betrieben. Deutsch, so Renate Melis, sei ihre Heimatsprache, Romanes, die Sprache der Sinti, dagegen ihre Muttersprache. Die Kultur wurde innerhalb der Familie gepflegt, deshalb bestehe auch noch heute innerhalb der Familien ein großer Zusammenhalt.

Nach 1945 erhielten die Sinti keine Entschädigung und auch keine Wohnungen, deshalb waren sie auf Wohnwagen angewiesen, die sie eigentlich nirgends über längere Zeit abstellen durften.

Die momentane Situation ist so, dass bei den Älteren ein niedriger Bildungsstand besteht, da ihnen der Schulbesuch nicht möglich war und sie in den Schulen abgelehnt wurden. So haben nur 44 Prozent der Älteren einen Schulabschluss. Da sie als Ungelernte meistens keine Arbeitsplätze bekamen, machten sie sich selbstständig, beispielsweise als Fensterputzer, Hausmeister, Gartenarbeiter, Altmetallsammler. Erst 1974, nach einem Hungerstreik der Sinti, wurden ihnen in Baden-Württemberg einzelne Rechte und 2013 in einem Staatsvertrag alle Rechte zuerkannt.

Außerdem wurde festgestellt, dass die Kriminalitätsrate nicht höher sei wie bei Deutschen. Zu erfahren war zudem, dass es den Sinti in der DDR besserging, als nach der Wende im Westen.