nach oben
Engländer erforscht Geschichte der Ölbronner Emigranten.
Engländer erforscht Geschichte der Ölbronner Emigranten © Enzkreis
05.08.2011

Engländer erforscht Geschichte der Ölbronner Emigranten

ENZKREIS/ÖLBRONN-DÜRRN. Der Britische Doktorand James Boyd hat sich im Rahmen seiner Dissertation acht Tage lang intensiv mit der Geschichte der Ölbronner Auswanderer, die im 19 Jahrhundert nach Amerika emigrierten, beschäftigt.

Mit Webstühlen, Spinnrädern und regionaler Auswanderungsgeschichte zur Doktorarbeit, das ist das Ziel des britischen Wissenschaftlers James Boyd. Gut eine Woche lang erforschte der 27-Jährige im Kreisarchiv des Landratsamts Pforzheim speziell die Ursachen der Ölbronner Amerika-Auswanderung.

Dabei musste sich Boyd für seine Dissertation durch mehrere laufende Regalmeter alter Akten aus Ölbronn wühlen. Der Engländer, der an der walisischen Universität Cardiff Geschichte studierte, erforscht, warum im 18. und 19. Jahrhundert so viele Menschen aus dem Gebiet des heutigen Enzkreises nach Amerika auswanderten.

Boyds Nachforschungen ergaben, dass die Hauptursache der Auswanderung die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse der Dorfbewohner waren. Vor der um 1850 einsetzenden Industrialisierung war es für sie schwierig, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Fast alle Menschen lebten zu jener Zeit von der Landwirtschaft. Durch das Bevölkerungswachstum und die hier vorherrschende Erbform der Realteilung, bei der alle Kinder gleichermaßen erbten, waren die Bauernhöfe und das zu bewirtschaftende Land immer weiter geteilt worden und der „Pro-Kopf-Besitz“ hatte sich folglich stetig verringert.

Dadurch konnten die vielen Familien mit Klein- und Kleinstbesitz kaum mehr von der Landwirtschaft leben und mussten im Nebenerwerb Geld durch Textilarbeit dazuverdienen. „Nach den Napoleonischen Kriegen versiegte diese Einnahmequelle zusehends durch die übermächtig werdende Konkurrenz aus England“, weiß Boyd zu berichten. Für viele Familien war dies sozusagen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und zum Entschluss führte, ihr Glück in der „Neuen Welt“ zu suchen.

Forschungen aus Amerika haben gezeigt, dass Kleinbauern aus Deutschland, die in der Textilproduktion beschäftigt waren, die größte Zahl der Auswanderer stellten. Boyds eigene Forschung konzentriert sich nun auf zwei Dörfer im Enzkreis mit besonders hohen Auswanderquoten: Ölbronn und Diefenbach. Allein für das 19. Jahrhundert listet das Ölbronner Heimatbuch 923 Namen von Auswanderern auf. 1871, als die Emigrationszahlen bereits deutlich zurück gingen, lebten gerade noch 770 Menschen in Ölbronn. Seine Ergebnisse vergleicht Boyd mit eigenen Erhebungen in anderen Teilen Württembergs und stellt diese in einen gesamtdeutschen Zusammenhang.

Die spannende Frage hierbei ist, inwieweit sich zwischen häuslicher Textilproduktion und Auswanderung Verbindungen herstellen lassen. Doch woher weiß man heute noch, welche der damaligen Kleinbauern überhaupt Textilwaren produzierten? Diese Frage zu beantworten helfen die sogenannten „Inventuren und Teilungen“, die sich in beinahe jedem württembergischen Gemeindearchiv finden lassen. Es sind detaillierte Vermögensbeschreibungen, die neben Grundbesitz, Geld und Hausrat auch die Werkzeuge überliefern, welche die Bauern besaßen. Darin findet man unter anderem Webstühle, Spul- und Spinnräder, mit denen die Kleinbauern Textilwaren herstellten. Ihre Frauen und Kinder leisteten dabei wesentliche Anteile an der Arbeit.

Im Falle Ölbronns umfassen diese Inventuren und Teilungen mehrere Laufmeter an Regalen im Dürrner Rathaus. Mit Einverständnis von Bürgermeister Norbert Holme brachte Archivleiter Konstantin Huber diese Unterlagen vorübergehend ins Kreisarchiv, wo sie von Boyd Blatt für Blatt akribisch ausgewertet worden sind. Archivar Huber freut sich, dass Boyd sich dieser Kärrnerarbeit unterzog: „Ich kann für unseren Bereich bestätigen, dass die Doktorarbeit sicher plagiatfrei erstellt wird“, sagt Huber und schmunzelt.

Inzwischen ist James Boyd wieder in seine Heimat zurückgekehrt und stellt seine Forschungsergebnisse zusammen. Im Kreisarchiv ist man bereits gespannt auf die Ergebnisse in Druckform, die in einiger Zeit veröffentlicht werden sollen. Über das Entgegenkommen und die reiche Quellenüberlieferung der hiesigen Archive äußerte sich Boyd ausgesprochen erfreut und schrieb dem Kreisarchiv daher ein großes Lob ins Gästebuch. enz