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Im Blickpunkt des Ärzte-Prozesses stand die Verlegung einer operierten Frau nach Karlsruhe. Symbolbild: Anspach/dpa-Archiv
Im Blickpunkt des Ärzte-Prozesses stand die Verlegung einer operierten Frau nach Karlsruhe. Symbolbild: Anspach/dpa-Archiv
08.08.2018

Erschütternder Tod einer Patientin erneut vor Gericht verhandelt

Ärztliche Fehler bei einer Operation in der Neuenbürger Klinik oder tragischer Krankheitsverlauf? Der Tod einer 71-jährigen Patientin, die Ende 2010 durch einen Verblutungsschock starb, hat fast acht Jahre lang die Justiz beschäftigt. Zwei Chefärzte des Neuenbürger Krankenhauses wehrten sich gegen die Strafe, die ein Pforzheimer Richter vor rund vier Jahren gegen sie verhängt hatte. Die Patientin sei zu spät in ein Karlsruher Spezialkrankenhaus verlegt worden, warf das Amtsgericht 2014 den beiden Ärzten vor.

Für diese medizinische Panne erhielten sie damals – ungewöhnlich in der Justiz – eine Art gelbe Karte. Ein Schuldspruch unter Vorbehalt: Der Richter verwarnte sie mit einer zweijährigen Bewährungsfrist. Außerdem sollten sie 15 000 Euro an einen sozialen Verein zahlen. Das Urteil nahmen sie jedoch nicht hin – beide gingen in Berufung. Doch vor einem Jahr starb der Chirurg. Sein Kollege kämpfte aber weiter um seinen Ruf. Erfolgreich: Gestern Abend sprach ihn das Landgericht Karlsruhe in Pforzheim frei.

Aber von vorne: Ende 2010 wird morgens in Neuenbürg der 71-jährigen Patientin unter schwierigen Bedingungen ein Herzschrittmacher eingesetzt. Für die Chirurgie ist die Operation eigentlich Routine. Doch dann häufen sich die Komplikationen. Erst im vierten Anlauf gelingt es, die Elektrode einzusetzen. Doch es gibt Blutverluste im Schulter- und Halsbereich. Und dann verschärft sich die Situation durch einen lebensbedrohlichen Lungenriss. Die Patientin erleidet einen Herzstillstand, kann aber reanimiert werden. Die Ärzte versuchen, den Druck durch das zusammengefallene Atmungsorgan zu entlasten. Zunächst scheint sich der Zustand der älteren Frau zu stabilisieren.

Das wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, sie in eine Fachklinik zu überweisen, sagte gestern Gutachter Gerd Juchem. Doch die Vorsitzende Richterin Diana Schick gab dem Arzt recht. Es sei vertretbar gewesen, den Transport nach Karlsruhe mit all seinen Risiken aufzuschieben.

Drei Ärzte als sachverständige Zeugen sprangen dem Neuenbürger Arzt nun zur Seite. Sie sahen eher den verstorbenen Kollegen in der Pflicht, die weitere Behandlung in die Hand zu nehmen. Das Schöffengericht wollte nicht die Schuld auf diesen Operateur abladen. Richterin Schick folgte aber dem Hinweis, der abends doch noch eingeleitete Transport nach Karlsruhe habe die Situation der Patientin verschärft. Die 71-Jährige starb kurz nach der Einlieferung in die Lungenklinik. Auch die Staatsanwältin Christine Roschinski war ebenfalls dafür, den angeklagten Arzt freizusprechen.