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Links: Ein vom Regen nasser Grünfink sitzt auf einem Ast. Erfreulicherweise kann man diese Vögel nun auch wieder auf dem Pforzheimer Sonnenberg sehen, wie Gerhard Vögele berichtet. Rechts: Ein Kleiber im Garten von Bernhard Brenneis, dem Wildtierbeauftragten des Enzkreises.  Fotos: Patrick Pleul/dpa-Archiv/privat 
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Experten warnen eindringlich vor stummem Frühling: Dramatischer Rückgang an Insekten hat Folgen für Vogelwelt

Einen Kleiber beim Füttern seines Nachwuchses hat Bernhard Brenneis kürzlich in seinem Garten in Dobel fotografiert. Der aufmerksame Wildtierbeauftragte des Enzkreises war einmal mehr fasziniert, welche Nahrungsmengen im Laufe der Aufzucht verfüttert werden: Wohl bis zu 10000 Insekten, Raupen und Würmer, schätzt der Tierfreund.

Der Kleiber gehört zu den Gemischtfressern, im Volksmund auch Körnerfresser genannt. Doch hinsichtlich der Brutaufzucht ist das eher irreführend. In den ersten Wochen benötigt der Nachwuchs viele Insekten als Eiweißquelle, um durchzukommen. Und genau das kann in Zeiten, in denen es immer weniger Insekten gibt, zu einem Problem werden. Sowohl Brenneis als auch der renommierte Vogelexperte der Region, Gerhard Vögele, aus Pforzheim verweisen unisono auf die Gefahren eines künftig „stummen Frühlings“, wenn die Entwicklung nicht gestoppt, besser noch in eine positive Richtung gewendet werden kann. Die Krefelder Studie und die Auswertung von mehr als 20 wissenschaftlichen Studien aus Baden-Württemberg, Deutschland und Europa hätten eindrucksvoll nachgezeichnet, wie umfangreich der Insektenschwund in den zurückliegenden Jahrzehnten in Deutschland war. Die Biomasse habe sich um rund 75 Prozent reduziert. Mit vielfältigen Folgen. Auch für die Vogelwelt.

Steinwüsten als Gärten

Vögele verweist auf die in diesem Jahr vorgelegte Studie des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten (DDA), die die kritische Sichtweise des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) stütze. Die schlechte Nachricht der Studie sei, dass die Agrarvogelbestände „dramatisch sinken“. Die gute Nachricht allerdings sei: Mit mehr Brachflächen und mehr Grünland könnten sich die Bestände der Feldvögel wieder erholen. Freilich sei dazu politischer Mut und der Wille zu einschneidenden Maßnahmen notwendig, fordert Vögele. Durch eine deutliche Ausweitung von Brachflächen und Grünland seien erhebliche Bestandszunahmen bei den Vögeln möglich. Wichtig sei, dass die öffentliche Hand weiterhin Blühflächen ausweise und der Privatmann erkenne, dass er mit einer trostlosen Steinwüste als Garten der Natur keinen Dienst erweise. Auch Hecken, sowohl bei Gärten als auch in der Feldflur, seien wichtige Refugien für die Vogelwelt, so Vögele.

Nicht zuletzt könnten die Verbraucher durch ihr Konsumverhalten viel bewirken. Denn nur wenn Bio vermehrt zu einem fairen Preis nachgefragt werde, lohne es sich für mehr Bauern, die Ökologisierung der Landwirtschaft voranzutreiben und damit die biologische Vielfalt zu fördern. Der Verzicht auf Pestizide sei wichtig. Das EU-weite Verbot von Neonikotinoiden sei ein Schritt in die richtige Richtung. Wie ernst die Lage, so Vögele, im Enzkreis bei ausgewählten Vogelarten sei, könne man an diesen Beispielen erkennen: Feld- und Wiesenvögel wie Kiebitz und Grauammer seien in der Region fast verschwunden. Rebhuhn und Feldlerche seien nur noch als Restbestände im Biet und im Heckengäu zu verorten.

Nur Schwarzmalen ist aber nicht die Sache des Pforzheimer Vogelfreundes. Schließlich könne der Mensch ja, wie erwähnt, gegensteuern. Und bei so manchem Stücklebesitzer und Gartenfreund vermeint Vögele eine positive Einstellung zu vernehmen. Nach längerer Zeit habe er auf dem strukturreichen Sonnenberg in diesem Jahr wieder Grünfinken, Girlitze und Klappergrasmücken gesehen, was auf eine gewisse Erholung mancher Arten im Siedlungsbereich hinweise und damit die DDA-Studie in diesem Bereich bestätige.

www.wildvogelhilfe.orgwww.nabu.de