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Tobias Seemann aus der Reha-Werkstatt der Caritas Pforzheim arbeitet in der Schlauchfabrik in Feldrennach. Foto: Fux
Tobias Seemann aus der Reha-Werkstatt der Caritas Pforzheim arbeitet in der Schlauchfabrik in Feldrennach. Foto: Fux
29.12.2016

Fabrik statt Reha-Werkstatt: „Einen Glücksfall an Land gezogen“

Straubenhardt-Feldrennach. Fabrik statt Reha-Werkstatt: Tobias Seemann arbeitet in Feldrennach. Das ist nicht selbstverständlich. Ein neues Gesetz soll das Berufsleben für Menschen mit Behinderung ändern.

Tobias Seemann ist mit Feuereifer bei der Sache. „Das Bedrucken der Schläuche macht mir großen Spaß“, sagt der 44-Jährige, der fein säuberlich darauf achtet, dass beim Aufdrucken des Schriftzugs alles seine Richtigkeit hat, zudem die Schlauchlänge stimmt und der Kunde zufrieden ist. Zug um Zug zieht der Mann, Stück für Stück des Schlauchs unter einer Apparatur durch, bevor er das bedruckte Objekt ordentlich zusammenrollt. Seemann, der aus einem Metallberuf kommt, liebt die Routine, arbeitet akribisch genau, blickt kaum auf.

Anreize zum Wechsel schaffen

Wer es nicht weiß, der merkt nicht, dass der emsige, gewissenhafte und fleißige Mitarbeiter in der Halle der Schlauchfabrik Gollmer & Hummel in Feldrennach eigentlich ein Mitarbeiter aus der Reha-Werkstatt für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung der Caritas Pforzheim ist und seit etwa zwei Jahren einen Außenarbeitsplatz in der Schlauchfabrik hat. Ab ersten Januar 2017 soll das Bundesteilhabegesetz noch stärkere Anreize zum Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt schaffen.

Tobias Seemann wurde von Caritas-Job-Coach Ulrike Walz gezielt gefördert und auf die Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarkts vorbereitet. Falls dennoch behinderungsbedingt etwas schief gehen sollte, hat der ruhige, wortkarge und schüchterne Mann das sichere Auffangnetz der Caritas unter sich, denn er bleibt weiterhin Beschäftigter der Reha-Werkstatt. Seemann, der jeweils sechs Stunden arbeitet und donnerstagnachmittags ein Psycho-Soziales-Treffen besucht, wird auch künftig von Ulrike Walz begleitet, von der Reha-Werkstatt sozial- und unfallversichert und entlohnt. Das Unternehmen bezahlt indes die tatsächliche Arbeitszeit.

Großes Lob vom Chef

Geschäftsführer Matthias Rinke ist von Seemann begeistert: „Er hatte noch keinen Krankheitstag, ist pünktlich und zuverlässig und tickt wie ein geräuschloses Uhrwerk. Wir haben mit Tobias Seemann einen echten Glücksfall an Land gezogen“, betont der Geschäftsführer von Gollmer & Hummel und lobt anerkennend: „Wenn alle so unkompliziert wären, hätten wir viele Probleme weniger.“

Auf die Idee, bei der Suche nach Arbeitskräften für das traditionelle Familienunternehmen, das 1872 gegründet wurde, einen besonderen Weg zu gehen, brachte Rinke ein Geschäftspartner und nicht zuletzt seine Zeit als Zivildienstleistender. „Für uns ist es in Pforzheim und im Enzkreis schwierig bis unmöglich, Arbeitskräfte zu finden, obwohl der Arbeitslohn über dem Mindestlohn liegt“, weiß der Geschäftsführer. Besonders für die Kupplungsmontage, die mit immer gleichen Handgriffen ausgeführt wird, ist der Familienbetrieb, der im Jahr 1,5 Millionen Meter Schlauch für Feuerwehren, Schneekanonen und landwirtschaftliche Beregnungsmaschinen herstellt, ständig auf der Suche nach zuverlässigen Leuten, die die rund 50 Beschäftigten tatkräftig unterstützen.

Pate aus der Schlauchfabrik

In Ansätzen hat Job-Coach und Arbeitserzieherin Ulrike Walz mit Tobias Seemann in der Reha-Werkstatt vorab die Kupplungsmontage geübt und dann ein zweimonatiges Praktikum in die Wege geleitet. Nicht nur Walz stand Seemann anfangs täglich zur Seite, sondern auch sein „Pate“ Hans Weiss, ein Mitarbeiter der Schlauchfabrik, hat, wie auch Walz, künftig ein offenes Ohr für ihn. „Tobias Seemann ist fleißig und gut integriert“, sagt sein beruflicher Pate.

Dass es mit der Kupplungsmontage aufgrund von Langsamkeit nichts wurde, stört Rinke nicht, denn er hat längst einen anderen Nischenarbeitsplatz für Tobias Seemann gefunden, der sich nun um Schlauchbeschriftungen und um Schlauchlängen kümmert und sich auch nicht zu schade ist, wenn Not am Mann ist, auch mal das Fabrikgelände zu fegen.