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Ermittlungsfehler  im Fall Wörz räumte die Spitze der Polizeidirektion Pforzheim nach einem Freispruch für Wörz in einer Pressekonferenz im Oktober 2005 ein. Im aktuellen Verfahren kritisiert das Gericht, die Ermittler hätten sich viel zu früh auf Harry Wörz als Täter festgelegt.
Ermittlungsfehler im Fall Wörz räumte die Spitze der Polizeidirektion Pforzheim nach einem Freispruch für Wörz in einer Pressekonferenz im Oktober 2005 ein. Im aktuellen Verfahren kritisiert das Gericht, die Ermittler hätten sich viel zu früh auf Harry Wörz als Täter festgelegt. © PZ-Archiv
02.07.2009

Fehler im Wörz-Fall: "Da hätte man nachhaken müssen"

MANNHEIM/BIRKENFELD. Unverblümt haben die Richter im Wörz-Prozess der Pforzheimer Polizei einseitige Ermittlungen vorgeworfen. Die Kripo habe sich zu früh darauf festgelegt, dass der Angeklagte seine Ex-Frau töten wollte.

Der Kripo-Sachbearbeiter, der im Fall Harry Wörz die Akten führte und fast wie kein anderer der Kriminalpolizei die Übersicht über alle Spuren hatte, geriet am Donnerstag im Landgericht Mannheim schwer in Bedrängnis. Unverhohlen hielten der Vorsitzende Richter Rolf Glenz und Richterin Beck dem 48-jährigen Ermittler mehrmals vor, er habe Angaben von Wörz sowie des am 29. April 1997 ebenfalls festgenommenen Polizisten Thomas H. mit unterschiedlichem Maß gemessen.

„Falsch bewertet“

Dass die Beamten damals vor allem am Tatort fehlerhaft ans Werk gingen, hat die Polizei schon 2005 eingeräumt. Erstmals musste der führende Ermittler der Kripo am Donnerstag aber auch einräumen, dass er die Darstellungen des tatverdächtigen Polizisten „falsch bewertet“ hat. Der Ermittler sagte, für ihn sei der Verdacht gegen Wörz stärker gewesen: „Wörz hatte kein Alibi, bei Thomas H. dagegen gab dessen Ehefrau an, dass ihr Mann neben ihr im Bett lag.“ „Aber was ist denn das für ein Alibi?“, platzte es aus Richterin Beck heraus, die Ehefrau von Thomas H. habe doch geschlafen, als ein Täter gegen 2.30 Uhr in Birkenfeld versuchte, die Polizistin Andrea Z. umzubringen.

Die Richter wiesen den Ermittler auf das „hohe Konfliktpotenzial“ hin, das den Polizisten umtrieb, weil er sich nicht zwischen der Ehefrau und der Geliebten entscheiden konnte. „Da hätte man nachhaken müssen“, sagte Richter Glenz. Der tatverdächtige Polizist habe ein harmonisches Bild gezeichnet: „Er ließ alles weg, was auf Konflikte hindeutete.“

Doch in den Beziehungen habe es in den Tagen vor der Tat „Zorn und Wut“ gegeben. Einmal verschloss ein Kind von Thomas H. die Wohnung, um zu verhindern, dass der Vater zu seiner Kollegin nach Birkenfeld fährt. Der Polizist trat die Tür ein, sagte der Polizei jedoch später nur, der Sohn pubertiere gerade, so Glenz. Einmal brach die Ehefrau zusammen, aber ihr Mann sei „einfach über sie hinweg gestiegen“. Am Abend vor der Tat, um 23 Uhr, habe er noch zu Andrea Z. fahren wollen.

Akte lag Gericht nicht vor

„Warum haben Sie das alles nicht hinterfragt“, sagte Glenz. Der Ermittler sagte, eine Flut von Informationen sei über die Kripo hereingebrochen.

„Aber dann hätten Sie doch später sehen müssen, dass es wesentlich ist, wie unterschiedlich die Erklärungen waren“, sagte Glenz. Dass der Tatverdächtige um die Tatzeit zum Tatort wollte, sei zudem nur im Spurenband festgehalten worden. Diese Spurenakte habe dem Landgericht Karlsruhe, das 1998 Wörz zu elf Jahren Haft verurteilte, „gar nicht vorgelegen“, sagte der Richter.

Auch Richterkollegin Beck machte kein Hehl aus ihrer Kritik an den Pforzheimer Ermittlern: „Da heißt es, man habe etwas gefunden, aber es wird nicht dokumentiert, wann, wo und von wem das sichergestellt worden ist.“ Zwar räumte der Ermittler ein, mit den Leistungen des Leiters der Spurensicherung sei die Polizei „nicht zufrieden“ gewesen. „Wenn schon schlecht gearbeitet wird, wäre eine gute Dokumentation umso wichtiger“, konterte die Richterin.

„Dann fehlen Informationen, die nur einen der beiden Tatverdächtigen betreffen“, so Beck, nämlich die über Thomas H. Der Tatort sei nicht versiegelt worden. So habe die Polizei zwar nach einem weinroten Pullover gesucht, den der Polizist oft trug, ihn auch in der Tatwohnung gefunden, aber „ein Täter könnte ihn später dort deponiert haben“, sagte die Richterin.

„Wenn es Fehler gab, dann waren sie nicht einseitig und nicht beabsichtigt“, verteidigte sich der Ermittler. Es sei auf der „Kippe gewesen, ob wir Wörz freilassen“. Die Kripo habe bereits Telefonüberwachung bei Thomas H. und Harry Wörz beantragt, als man noch nicht wusste, wer in Haft kommen sollte und wer freikommen sollte.

Das Verfahren wird am heutigen Freitag um 9 Uhr im Landgericht Mannheim fortgesetzt.