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25.06.2009

Gericht moniert weitere Ermittlungsfehler im Wörz-Fall

BIRKENFELD/MANNHEIM. Als hätte es nie eine Pause im Harry-Wörz-Prozess gegeben: Das Landgericht Mannheim hält die Spannung hoch – am Donnerstag entdeckte die Strafkammer weitere Ermittlungsfehler der Polizei.

Das Gericht unter dem Vorsitz von Rolf Glenz befragte zwei Zeugen, die noch nie ausgesagt haben, um herauszufinden, warum die Karlsruher Beamten 1997 in Pfinztal stundenlang untätig vor dem Haus des Polizisten Thomas H. standen. Thomas H. stand neben dem Angeklagten Harry Wörz unter Verdacht, der Täter zu sein, der die Birkenfelder Polizistin Andrea Z. erdrosseln wollte.

Schon eine halbe Stunde nach der Tat vor zwölf Jahren begannen Karlsruher Polizeibeamte, das Haus in Pfinztal zu observieren. „Das hat mich schon gewundert, warum bisher niemand etwas wissen wollte“, sagte der Polizist, der in Pfinztal damals den Zugriffstrupp anführte und der mehrmals drauf und dran war, den tatverdächtigen Kollegen festzunehmen.

An Vorgaben gestört

„Ich wollte sofort reingehen“, sagte der 51-Jährige, zumal die Karlsruher Führung ihm mitgeteilt hatte, dass der Informationsfluss mit Pforzheim stocke. „Mich störte es auch, dass wir nicht einmal das Fahrzeug untersuchen sollten“, so der Verantwortliche der Gruppe für die Festnahme. „Ohne zwingenden Grund ist auf eine Beweissicherung verzichtet worden.“

Weil die Beamten damals noch keine Handys hatten, ging der Polizist in eine nahegelegene Tankstelle. In den nächsten Stunden telefonierte er dreimal mit der Pforzheimer Leitstelle, die weisungsbefugt war. „Immer hieß es, wir dürften nichts unternehmen, weil die schwerverletzte Polizistin gleich aufwachen und den Täter nennen werde.“ Er habe aber darauf gedrängt, „zumindest ans Auto des Kollegen zu gehen“. Der zuständige Beamte in Pforzheim habe die Zurückhaltung damit begründet, bei einer Verhaftungsaktion „könnten die Kinder des Kollegen traumatisiert werden“. „Bei anderen macht man aber nicht so ein Geschiss“, wunderte sich der Karlsruher.

Das Vorgehen der Polizei schien auch Richterin Beck unverständlich. „Wie können denn Kinder traumatisiert werden, wenn die Polizisten ein Auto auf Restwärme untersuchen“, fragte sie.

Zusätzliche Fotos übergeben

Auch bei den Pforzheimer Ermittlern monierte das Gericht Ungereimtheiten. Die Kripo hatte der Strafkammer vor Kurzem zusätzliche Fotos vom Tatort übergeben. „Das erstaunt uns schon, warum damals keine Bilder von den Negativen gemacht wurden“, klagte Richterin Beck. „Dann sind auf den Fotos Gegenstände zu erkennen, aber nie ergibt sich aus den Berichten, ob die Polizei sie auch gesichert hat“, so Beck.

Da am Tatort eine Plastiktüte mit einer markierten Zigarettenschachtel und Aufputschmitteln gefunden worden war, versuchte das Gericht von Wörz-Freunden zu erfahren, bis wann Andrea Z. Drogen genommen hat. Die Plastiktüte ordneten die Pforzheimer Ermittler dem Angeklagten zu. Später stellte sich heraus, dass die junge Polizistin Joints rauchte. „Als wir unmittelbar nach der Tat zahlreiche Mitglieder des Gräfenhäusener Motorradclubs, in dem Wörz war, danach fragten, hat aber niemand erwähnt, dass Andrea Drogen nahm“, sagte gestern ein Polizist.

Der Prozess wird am Mittwoch, 1. Juli, fortgesetzt.