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Der technische Fortschritt macht’s möglich: Landrat Helmut Riegger, Johannes Enssle, Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg vom Nabu, und Landesverkehrsminister Winfried Hermann begutachten die sogenannte Kammerlösung. Durch diese werden die Bahn und Fledermäuse voneinander getrennt. Foto: Landratsamt Calw
Der technische Fortschritt macht’s möglich: Landrat Helmut Riegger, Johannes Enssle, Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg vom Nabu, und Landesverkehrsminister Winfried Hermann begutachten die sogenannte Kammerlösung. Durch diese werden die Bahn und Fledermäuse voneinander getrennt. Foto: Landratsamt Calw
03.06.2019

Grünes Licht für Hermann-Hesse-Bahn: Verantwortliche erzielen Einigung für Strecke nach Weil der Stadt

Calw. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn haben gestern den Weg zur Reaktivierung und zum Teilausbau des Schienenprojekts zwischen Weil der Stadt und Calw bei gleichzeitigem Schutz der Fledermauspopulation geebnet. Damit wird der Landkreis Calw wieder eine direkte Schienenanbindung an die Region Stuttgart erhalten. Der Zweckverband könnte nun bald die nötigen Arbeiten ausschreiben, teilt der Landkreis Calw in einer eigenen Mitteilung mit.

Die Beteiligten haben sich auf ein Stufenkonzept verständigt: Zunächst erfolgt eine Reaktivierung ohne eine Streckenelektrifizierung. Eine spätere Elektrifizierung zur Verlängerung der Stuttgarter S-Bahn-Linie 6 oder einer zusätzlichen Express-S-Bahn-Linie bis nach Calw ist vorgesehen und wird derzeit gutachterlich untersucht.

Technik macht’s möglich

„Die große Herausforderung war, den Ausbau klimafreundlicher Mobilität voranzubringen, ohne den Natur- und Artenschutz zu missachten. Es war mir wichtig, zu zeigen, dass mit Geduld und Kompromissbereitschaft eine gute Lösung gefunden werden kann“, sagte Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) gestern vor Ort in Calw. „Deshalb habe ich mich in das Verfahren eingeklinkt und einen Moderationsprozess in Gang gesetzt, der mit der Unterzeichnung eines öffentlich-rechtlichen Vertrages zwischen dem Nabu und dem Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn heute sein gutes Ende findet.“

Anfang 2017 sah sich der Landkreis Calw wegen der bestehenden artenschutzrechtlichen Konflikte im Verfahren um die Reaktivierung der Hermann-Hesse-Bahn vor große Herausforderungen und ein überlanges Genehmigungsverfahren gestellt. In zwei lange ungenutzten Bahntunneln hatten sich verschiedene streng geschützte Fledermausarten einquartiert, was die Wiederinbetriebnahme der Strecke zu verhindern schien. „Der Vertrag schützt die Fledermäuse und schafft für die Bürgerinnen und Bürger in der Region um Calw eine gute Schienenverbindung in den Raum Stuttgart“, sagte Hermann.

Ermöglicht wurde die Vereinbarung durch ein umfassendes Artenschutzkonzept, vor allem aber durch eine innovative technische Lösung. In die Tunnel werden Trennwände eingezogen, die eine Nutzung der Tunnel durch die Bahn auf der einen Seite und durch die Fledermäuse auf der anderen Seite der Trennwand ermöglichen.

„Die Konstruktion der Trennwände hat die vom Landkreis Calw beauftragten Planer vor große Herausforderungen gestellt, die sie gemeistert haben“, freut sich auch der Calwer Landrat Helmut Riegger. „Ich habe mich über viele Jahre für eine Wiederinbetriebnahme der Bahnstrecke Richtung Stuttgart eingesetzt. Die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Calw und seinem Umkreis brauchen dringend eine gute Bahnverbindung nach Stuttgart, die wir nun schaffen können. Die Hermann-Hesse-Bahn ist ein Klimaschutzprojekt, das den Menschen in der gesamten Region zu Gute kommt. Sie ist aber auch ein Artenschutzprojekt, das den Fledermäusen hilft“, so der Landrat.

„Ziel des Nabu war es nie, die Hermann-Hesse-Bahn zu verhindern, da gute öffentliche Verkehrsverbindungen ein großes Anliegen des Nabu sind“, erklärte Johannes Enssle, der Landesvorsitzende des Nabu Baden-Württemberg. „Allerdings muss auch ein wichtiges Infrastrukturprojekt die artenschutzrechtlichen Vorgaben beachten und geschützten Tieren ihren Lebensraum belassen.

Wir waren in Sorge, dass die Belange der Fledermäuse in den Hintergrund treten könnten und mussten deshalb vorsorglich Klage gegen das Vorhaben erheben“, begründete der Nabu-Landesvorsitzende das Vorgehen. „Mit der Trennwand und dem vertraglich gesicherten Artenschutzkonzept konnte jetzt ein Kompromiss für Mensch und Natur gefunden werden, den wir mittragen. Wir werden deshalb unsere Klage zurücknehmen und die Umsetzung des Artenschutzkonzeptes konstruktiv begleiten“, bestätigte Johannes Enssle.