nach oben
Liebevoll kümmern sich die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Heimsheim um die Senioren. So schenkt der Gefangene Maxhun K. einer Pflegeheimbewohnerin Apfelschorle nach. Foto: Späth
Liebevoll kümmern sich die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Heimsheim um die Senioren. So schenkt der Gefangene Maxhun K. einer Pflegeheimbewohnerin Apfelschorle nach. Foto: Späth
13.12.2015

Häftlinge in Heimsheim bescheren Senioren Besinnlichkeit

Es duftet nach Keksen und Tee, die Tische sind festlich geschmückt. Auf der Bühne singt ein Chor „Macht hoch die Tür“, die 40 Senioren applaudieren begeistert. Auf den ersten Blick wirkt die Weihnachtsfeier normal. Dass der Kuchen von Häftlingen verteilt wird und die Feier hinter hohen Mauern und vergitterten Fenstern in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim stattfindet, macht sie allerdings zu etwas ganz Besonderem.

Weihnachtszeit ist Familienzeit – doch was, wenn die Familie in dieser Zeit unerreichbar ist? Strafgefangene und Senioren in Pflegeheimen teilen oftmals das gleiche Schicksal. Aus diesem Grund findet im Kirchensaal der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heimsheim bereits zum neunten Mal die Seniorenweihnachtsfeier statt, bei der Häftlinge Pflegheimbewohner aus umliegenden Pflegeeinrichtungen in die JVA einladen. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern und Mitarbeitern des Freizeitdienstes haben die Insassen ein buntes Programm entwickelt und zahlreiche Plätzchen und Kuchen gebacken. Janine Zelba, die für den Freizeitbereich zuständig ist, sieht die Weihnachtsfeier als Anstoß, bewusster zu leben und das Miteinander zu genießen.

Ohne Vorbehalte

Mehrere Monate lang probten die 20 Gefangenen, um den Bewohnern der Pflegeheime mit Gesang, Gedichten und Instrumenten einen besinnlichen Nachmittag zu bescheren. Mit sechs Bussen reisen die Senioren aus Dillweißen-stein, Tiefenbronn, Heimsheim und Flacht an, und werden von den Straftätern freundlich in Empfang genommen. Ernst Weigandt, Amtsinspektor und Leiter des Freizeitdienstes, freut sich über den vorbehaltlosen Umgang zwischen Häftlingen und Senioren. Beide seien in gewisser Weise Gefangene – die Straftäter in der Anstalt, die Senioren in ihrem Körper. Er legt großen Wert darauf, den Häftlingen eine sinnvolle Beschäftigung zu geben, um die innere Sicherheit im Gefängnis zu bewahren. „Viele Menschen verstehen nicht, warum Gefangene an Freizeitangeboten teilnehmen oder eben eine Weihnachtsfeier veranstalten sollten“, bedauert er. Die Sicherheit im Gefängnis und der Gesellschaft sei allerdings nicht nur durch hohe Mauern und verschlossene Türen zu gewährleisten. „Wir möchten, dass die Häftlinge resozialisiert werden und sich später in die Gesellschaft integrieren können.“

Die Häftlinge, die sich an der Weihnachtsfeier beteiligen dürfen, haben sich davor durch besonders gutes Verhalten hervorgetan. Weigandt betont, dass hinter jedem der Gefangenen eine Straftat steht, die nicht vergessen werden sollte. „Viele der Häftlinge verändern sich jedoch während ihrer Haftzeit, und sollten von der Gesellschaft eine Chance bekommen.“

Vor über neun Jahren besuchte Weigandt mit einigen Häftlingen das Otto-Mörike-Stift in Flacht. Hausmeistertätigkeiten wie Gärtnern oder kleine Reparaturen übernahmen die Häftlinge dort regelmäßig. Einige Heimbewohner äußerten darauf den Wunsch, die Häftlinge besuchen zu dürfen. Daraus entwickelte Weigandt die Idee der Seniorenweihnacht hinter Gittern, die großen Zuspruch findet. Zwischen Häftlingen und Senioren haben sich teilweise enge Beziehungen entwickelt, und im Heim in Flacht gilt die Feier längst als einer der Höhepunkte des Jahres. „Eine unserer Bewohnerinnen hat sich geweigert ins Krankenhaus zu gehen, um an der Weihnachtsfeier teilnehmen zu können“, erzählt die Heimleiterin des Otto-Mörike-Stifts, Angelika Wenning. „Unter den Bewohnern spricht sich herum, dass diese Feier etwas ganz Besonderes ist.“

Und auch für die Häftlinge bedeutet die Weihnachtsfeier eine willkommene Ablenkung vom tristen Knastalltag. Sie kümmern sich liebevoll um die Senioren, die Stimmung ist friedlich und hoffnungsvoll. „Die Weihnachtsfeier ist klasse, es fühlt sich an, als ob meine Familie da wäre“, sagt Maxhun K., einer der Häftlinge.

Stärkt die soziale Kompetenz

Vertrauen stärken – auf beiden Seiten der Mauer. Dies ist das Ziel der vielen Resozialisierungsmaßnahmen, die die JVA Heimsheim bietet. Auch beim alljährlichen Fußballturnier in der JVA wird die soziale Kompetenz der Häftlinge gestärkt. Die Gesangseinlagen der Häftlinge zeigen, dass diese Bemühungen keinesfalls umsonst sind. Rund 60 Ehrenamtliche helfen im Freizeitbereich der JVA bei der Wiedereingliederung der Häftlinge. Die sieben Mitglieder des Gefangenenchors werden an Heiligabend die Möglichkeit haben, gemeinsam mit Angehörigen einige Stunden im Kirchensaal des Gefängnisses zu verbringen. Die anderen Häftlinge müssen sich an die fünf Besuchsstunden im Monat halten.

Obwohl das Aufsichtspersonal der Aufforderung des Chors „Macht hoch die Tür, das Tor macht weit“ nicht nachkommt, ist die Weihnachtsfeier für alle Beteiligten ein Erfolg, der sowohl den Senioren, als auch den Insassen Trost und Hoffnung spendet.