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Die Neujahrsgaben des Handwerks bestaunen Pforzheims OB Peter Boch, Metzger Jürgen Ast, Kreishandwerksmeister Rolf Nagel, Fleischer-Obermeister Andreas Beier, Landrat Bastian Rosenau, Bäcker-Obermeister Martin Reinhardt sowie die Konditoren Jürgen und Anne-Katrin Faulhaber (von links). Sie werden später vom Kreis ans Wichernhaus Pforzheim gespendet.  Foto: Moritz 
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Gepflegte Tradition: Der gemeinsame Chor der Metzger- und Bäckerinnung sorgt unter der Leitung von Wilfried Hoffmann am Klavier für den musikalischen Rahmen beim Neujahrsempfang im Landratsamt.  Foto: Moritz 
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Bundessieger Niclas Arres und Jule Janson freuen sich über Präsente, auch aus Händen von Frank Herrmann (rechts).  Foto: Moritz 

Handwerk im Wandel: Wenn der Meister nur noch am Schreibtisch sitzen muss

Enzkreis/Pforzheim. Der Neujahrsempfang der Kreishandwerkerschaft Pforzheim-Enzkreis markierte am Mittwoch zugleich einen Schlusspunkt und den Beginn einer neuen Tradition am Rednerpult. Während es der nun wohl tatsächlich letzte Empfang von Rolf Nagel in seiner Funktion als Kreishandwerksmeister gewesen ist, war es der erste für Landrat Bastian Rosenau als Gastgeber im Landratsamt.

Und so bildeten die beiden die Klammer um den Festabend: Nagel begrüßte die zahlreichen Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Handwerk, Rosenau leitete am Ende zum geselligen Teil über. Dazwischen fand Nagels Stellvertreter Frank Herrmann klare Worte für die Situation des Mittelstands, verschwieg nicht, wo der Schuh drückt und welche Herausforderungen vor dem Handwerk liegen.

Die Weltwirtschaft sei Turbulenzen ausgesetzt, die bis in die Region spürbar seien, stellte Herrmann voraus: In dieser Zeit gelte es, Besonnenheit zu wahren und sich auf die eigenen Kompetenzen und das, was jeder für sich beeinflussen könne, zu konzentrieren. Dabei sieht er auch Lichtblicke und Chancen, etwa durch die Entscheidung des Bundestags, für zwölf Gewerke die Meisterpflicht wieder einzuführen.

Dies sei von großer Bedeutung für die Ausbildung von Lehrlingen, den Qualitätsstandard und den Wettbewerb. Oft seien Betriebsinhaber in meisterfreien Gewerken Einzelkämpfer. „Natürlich kann derjenige anders kalkulieren und Niedrig-, oft sogar Tiefstpreise anbieten. Das aber geht zu Lasten der Betriebe, die Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen und zur Sicherung des Wohlstands unserer Gesellschaft beitragen“, stellte Herrmann klar. Lob ging an die Landesregierung für die Meisterprämie und eine Förderung von Betriebsgründungen. Dadurch sei man einen „großen Schritt weiter auf dem Weg zur Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung“.

Die neuen Bezeichnungen Bachelor Professional (für Handwerksmeister) und Master Professional (für Betriebswirte des Handwerks) seien zudem ein wichtiges Signal an junge Menschen und deren Eltern. Für Herrmann ist das Handwerk der „Fels in der Brandung der Veränderung“, wenn die künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt revolutionieren wird: „Alexa kann vielleicht einen Handwerker bestellen, aber ein kaputtes Fenster oder eine Waschmaschine kann Alexa nicht reparieren.“

Dass es aber einiges gibt, was junge Handwerksmeister davon abhält, sich selbstständig zu machen, wurde im dringenden Wunsch nach Bürokratieabbau deutlich: „Ein Meister gehört in die Werkstatt, Backstube oder auf die Baustelle, nicht an den Schreibtisch. Aber genau hier verbringen immer mehr Handwerksmeister ihre Zeit“, verdeutlichte Herrmann. Für ihn ist die neu eingeführte Bon-Pflicht das Symbol übertriebener Bürokratie. Diese sei „Ausdruck eines gestörten Verhältnisses des Staates zu seinen Gewerbetreibenden, die hier unter den Generalverdacht der Steuerhinterziehung gestellt werden.“ Auch die Umweltbelastung hat er im Blick.

Dabei begreift Herrmann das Handwerk als Motor im Umdenken zugunsten der Energiewende, etwa durch die Information zur energetischen Gebäudesanierung. Da ist thematisch der Sprung nicht weit zum Energie- und Bauberatungszentrum (ebz), das der Enzkreis mit der Handwerkerschaft zu einer regionalen Energieagentur weiterentwickeln will. Nun, da sich die Stadtwerke Pforzheim aus dem Projekt finanziell zurückziehen, sind erwartungsvolle Blicke auf die Stadt Pforzheim gerichtet: Es wäre wünschenswert, wenn diese sich als weiterer Gesellschafter ins ebz mit einbringen könnte, so Herrmann.

Nachwuchs im Fokus

Ganz im Zeichen des Klimaschutzes stand auch die Spende, die Herrmann an Forstamtsleiter Frieder Kurtz übergab. Diese soll in Bäume investiert werden, die im Enzkreis gepflanzt werden. Auch die traditionellen Neujahrsgaben hatten die Handwerker dabei, die der Obermeister der Fleischer-Innung, Andreas Beier, übergab – nicht ohne den einen oder anderen Wunsch an die politischen Vertreter zu richten. Rosenau hatte in seinem Schlusswort Lob für die Handwerker parat: „Sie sind Rückgrat unseres starken Wirtschaftsstandortes, Sie schaffen zahllose Arbeits- und Ausbildungsplätze, Sie liefern Nahrungsmittel und viele andere Produkte, die wir für unseren Alltag brauchen – kurz: Sie machen einfach.“

Stimmkräftig zeigte sich der Chor der Metzger- und Bäckerinnung unter der Leitung von Wilfried Hoffmann, der den Abend musikalisch umrahmte – eine lang gepflegte Tradition. Aber auch ein neuer Programmpunkt wurde aufgenommen: Die Auszeichnung von Beton- und Stahlbetonbauerin Jule Janson sowie Sattler Niclas Arres, die Bundessieger im Leistungswettbewerb der Handwerksjugend wurden. Rosenau setzte darauf, dass beide auch bei der Europa- und Weltmeisterschaft eine gute Figur machen und für die Region werben werden: „In jedem Fall sind Sie tolle Vorbilder.“ Und die kann das Handwerk gut gebrauchen in Zeiten, in denen absehbar bis zu 20 000 Betriebe im Land bald Nachfolger suchen sollen und fast ebensoviele Ausbildungsplätze jährlich unbesetzt bleiben.