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Ein Rollladen rausgedrückt, die Balkontüre dahinter beschädigt: Vermieter Erkan Altintas zeigt der PZ Schäden, die er einer dort ausgezogenen Jugendhilfeeinrichtung anlastet. Deren Träger erhebt seinerseits Kritik.  Bernhagen
Ein Rollladen rausgedrückt, die Balkontüre dahinter beschädigt: Vermieter Erkan Altintas zeigt der PZ Schäden, die er einer dort ausgezogenen Jugendhilfeeinrichtung anlastet. Deren Träger erhebt seinerseits Kritik. Bernhagen
Eine abgerissene Türklinke, Glassplitter und Müll: So präsentierte sich der Garten. Im Teich war die Folie aufgerissen, das Wasser versickert und auf dem Grund lagen die toten Fische.
Eine abgerissene Türklinke, Glassplitter und Müll: So präsentierte sich der Garten. Im Teich war die Folie aufgerissen, das Wasser versickert und auf dem Grund lagen die toten Fische.
15.05.2017

Heftiger Streit um verwüstete Unterkunft in Gräfenhausen

Fakt ist: Die Doppelhaushälfte in Gräfenhausen, in der die Kaira-Jugendhilfe GmbH knapp zwei Jahre lang unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht hatte, war nach deren Auszug Ende März teilweise verwüstet.

Wie es dazu kam, wer die Verantwortung dafür trägt und ob es Versäumnisse bei der Betreuung der jungen Flüchtlinge gab – darüber gehen die Darstellungen der Beteiligten teils weit auseinander. Vermieter und Mieter machen sich gegenseitig schwere Vorwürfe. Im Zuge der PZ-Recherchen ist Anfang April auch der aufsichtführende Kommunalverband Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) aktiv geworden und hat den Fall geprüft.

„Kindeswohl nicht gefährdet“
„Eine Kindeswohlgefährdung konnten wir nicht feststellen“, erklärte jetzt Jürgen Strohmeier, beim KVJS Leiter des Referats „Hilfen zur Erziehung und Wohnheime, Betriebserlaubnis, Beratung und Aufsicht, Jugendberufshilfe“. Das sei für ihn das wichtigste Ergebnis der Prüfung: „Sonst hätten wir eingreifen müssen.“

Die Kaira-Jugendhilfe habe derzeit eine Betriebserlaubnis für acht Plätze. Zwei Betreuer müssen rund um die Uhr vor Ort sein, so Strohmeier. Bei einer Verletzung der Aufsichtspflicht reichten die Konsequenzen bis hin zum Entzug der Betriebserlaubnis.
So habe es lediglich eine Belehrung der Kaira-Jugendhilfe als Träger der Einrichtung gegeben: „Wir haben deutlich gemacht, dass Standorte optisch so hinterlassen werden müssen, dass es keinen Anlass zu Ärger gibt.“ Außerdem müsse der Umgang mit fremdem Eigentum mit den Jugendlichen im Rahmen der Betreuung thematisiert werden.

Allerdings räumt Strohmeier ein: „Die Fakten waren nicht eindeutig.“ Kaira habe auf Fragen „reserviert reagiert“. Mit dem Vermieter habe es ein Gespräch gegeben, auf ein Treffen sei er aber „aus zeitlichen Gründen“ nicht eingegangen, so Strohmeier. Es sei für den KVJS nicht mehr zu klären gewesen, wann und durch wen die Zerstörungen im und am Haus entstanden seien. „Mitte März war ein KVJS-Mitarbeiter vor Ort, da war noch alles in Ordnung“, so Strohmeier. Sein Eindruck: „Da stehen persönliche Motive zwischen Vermieter und Mieter hinter dem Streit, der auf privatrechtlichem Weg geklärt werden muss.“

Neue Unterkunft in Birkenfeld
Die Kaira-Jugendhilfe könne die Betreuung der Jugendlichen am neuen Standort in Birkenfeld fortsetzen. „Wir werden ein Auge drauf haben und haben die neue Unterkunft auch schon besucht“, so Strohmeier. Dort sei alles okay.
Ins Rollen gekommen war der Fall, als sich Vermieter Erkan Altintas Ende März bei der PZ meldete, von einem „wirtschaftlichen Totalschaden“ an seiner Immobilie berichtete und der 2015 gegründeten, in Pforzheim ansässigen Kaira-Jugendhilfe schwere Vorwürfe machte. Er kritisiert deren Betreuungsarbeit in Gräfenhausen, bemängelt, man müsse bei Jugendlichen besser hinsehen. Altintas ist zornig wegen Schäden wie eingetretene Türen, abgebrochene Türklinken, heruntergerissene Vorhangschienen, einen herausgedrückten Rollladen oder eine demolierte Balkontüre.

Er habe von Kaira schon früh den Eindruck gehabt: „Die kümmern sich um nichts und betreiben das nur, um Geld zu machen.“ Deshalb habe er den Mietvertrag auch schon im Frühjahr 2016 gekündigt. Im September hätte die Jugendhilfe raus müssen, doch erst jetzt sei sie nach einer Räumungsklage gegangen.
„Familiensache!“

Konfrontiert mit diesen Vorwürfen erklärte Sinasi Gülec, der auf der Homepage als Initiator der Kaira-Jugendhilfe geführt wird, Anfang April: „Ich weiß gar nicht, was er will – unsere Haftpflichtversicherung begleicht die Schäden. Das ist doch schon alles in die Wege geleitet.“ Wie es zu den Zerstörungen im Haus gekommen sei, wisse er auch nicht: „Das sind halt Kinder.“
Da könne so etwas schon mal passieren. Gleichzeitig erhebt Gülec auch Vorwürfe gegen den Vermieter. Im Streit steht die Frage, wie ein Wasserschaden in der Unterkunft im vergangenen Sommer entstehen konnte. Gülec sieht die Verantwortung dafür beim Vermieter, dem man daraufhin den Zugang verwehrt habe.
Auf die Frage nach einem möglichen Motiv Altintas, einen Wasserschaden in seinem eigenen Haus herbeizuführen, sagt Gülec nur „Familiensache!“ und verweist auf verwandtschaftliche Beziehungen zwischen sich und dem Vermieter.
Wolfgang Schwaab, Jugendamtsleiter des Enzkreises, kennt den Fall ebenfalls. Er sagt: „Das Haus war von Beginn an in schlechtem Zustand. Das waren Sachen, die in Vermieterpflicht lagen.“ Auffällig geworden sei der private Träger gegenüber dem Jugendamt nicht. Zwar sei nicht alles perfekt gelaufen, aber man sei froh, dass es Kaira gebe: „Sie waren im vergangenen Jahr bei der Unterbringung unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge sehr hilfreich.“

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