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Heimat kurios: Die teuflische Buslinie 666 © Türschmann
30.03.2012

Heimat kurios: Die teuflische Buslinie 666

Tiefenbronn. So sieht er also aus: Der Teufel. Ein pinkes Poloshirt spannt sich über seine Brust, die Sonnenbrille hat er lässig über die hohe Stirn geschoben. Er grinst – mehr spitzbübisch als dämonisch. Da sitzt er, auf seinem von der Frühlingssonne bestrahlten Plätzchen in der Buslinie 666, und sagt: „Der Teufel, das bin ich selbst!“

Bildergalerie: Heimat kurios: Auf den Spuren der dämonischen Buslinie 666

Mit der Linie, deren teuflische Zahl und ihr teuflisches Rot gleichermaßen aus dem Einheitslook vieler Busse im Enzkreis herausstechen, fährt Jörg Wolf zum ersten Mal – gezwungenermaßen, da ihn sein Auto im Stich gelassen hat. Aber wer wird denn deswegen gleich zum Satan werden?

Auf jeden Fall nicht der selbsternannte Dämon namens Wolf, ist sich Emma Schauer, ein weiterer Fahrgast, sicher: „Denn den Teufel kann man nicht sehen, sondern allenfalls spüren“, so die Seniorin. Und der regelmäßige Mitfahrer Sinan Gökceli mutmaßt mit einem Augenzwinkern: „Vielleicht wohne ich ja in der Hölle.“ Sollte der junge Mann recht haben, ist seine Heimat eine ganz besondere Hölle – eine, mit evangelischer Kirche: Denn wer die Tiefenbronner Friedenskirche mit einem öffentlichen Verkehrsmittel erreichen will, istgezwungen, die Linie 666 zu nehmen. So ist es eine bunte Mischung aus Schülern, Pendlern und Gläubigen, die in dem Bus zwischen Pforzheim und Weil der Stadt aufeinandertreffen. Theologisch tiefsinnig die einen, amüsiert abwinkend die anderen. Sie alle eint zumindest eines: Das Wissen, nicht zu wissen, was es mir der teuflischen Buslinie auf sich hat.

Der evangelische Pfarrer der Friedenskirche in Tiefenbronn, Julian Albrecht, möchte von einem bösen Omen nichts wissen: „Es ist doch ein gutes Zeichen, wenn am Rande der Buslinie etwas Gutes, wie die Kirche steht.“ Dass es „finstere Mächte gibt, die wir rational nicht erklären können“, glaubt zwar auch er. „Aber bei der Linie 666 braucht man da keine Angst zu haben“, ist sich Albrecht sicher: „Da sitzen bestimmt nur nette Menschen und ein gut gelaunter Busfahrer drin.“

Eine Erklärung dafür, weshalb die LED-Leuchten seines Busses die Zahl 666 anzeigen, hat auch Busfahrer Klaus Wiedemann nicht. Denn in Pforzheim dominieren zwei andere Nummerierungen: Einerseits ein- und zweistellige Linien, die die Innenstadt durchqueren. Andererseits Busse mit dreistelligen Nummern, die mit einer 7 beginnen. Doch eine 600er-Linie, noch dazu mit drei Sechsern? Das ist einmalig. Aber auch teuflisch?

An dämonische Fahrgäste kann sich Klaus Wiedemann nicht erinnern. „Bezahlen müsste aber auch der Teufel“, sagt der Busfahrer der Klingel GmbH. Dieses Unternehmen betreibt die Linie 666 gemeinsam mit der Südwestbus GmbH. Seit 16 Jahren ist der „Würmtalbus“, wie Geschäftsführer Andreas Klingel die Linie des Teufels nennt, auf Tour. 1996 wurde die Weiler Linie 663 mit der Pforzheimer Linie 7741 zusammengelegt, um den Fahrgästen das Umsteigen in Hausen zu ersparen, so Klingel: „Und da es in Weil der Stadt schon die Nummern 664 und 665 gab, war die 666 nur der nächste logische Schritt“ – und keineswegs der nächste teuflische. Wie beruhigend für die Fahrgäste: Denn Angst vor dem netten Mann im pinken Poloshirt muss niemand mehr haben.

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