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Die Herausforderungen für Erzieherinnen an den Kindergärten werden immer größer.
Die Herausforderungen für Erzieherinnen an den Kindergärten werden immer größer.
03.04.2011

Immer mehr auffällige Kinder

PFORZHEIM/ENZKREIS. Der Anteil auffälliger Kinder im Kindergarten ist hoch. Jedes fünfte Kind ist betroffen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Zusammenarbeit mit Krankenkassen in Bayern.

Und wie sieht die Situation in Pforzheim und im Enzkreis aus? Auch wenn dem Berufsverband hierzu nach Angaben des baden-württembergischen BVKJ-Pressesprechers Michael Mühlschlegel keine gesonderten Studien vorliegen, gehe man davon aus, dass die Situation ähnlich sei. Von der PZ befragte Kindergartenleitungen in Pforzheim und dem Enzkreis schätzen den Anteil auffälliger Kinder auf um die 20 Prozent. „Auffällig“: Zu dieser Charakterisierung zählt ein ganzes Bündel von Merkmalen. Defizite gibt es etwa bei der sozialen und sprachlichen Kompetenz, bei Feinmotorik, Bewegungsablauf, Körperkoordination und Konzentrationsfähigkeit.

Oftmals seien Eltern überfordert, Alleinerziehende hätten es besonders schwer. Was seit einigen Jahren ins Gewicht fällt: Nicht nur Familien mit Migrations-Hintergrund sind betroffen, sprachliche Defizite treten vermehrt auch bei Kindern von Familien mit ausschließlich deutschem Hintergrund zu Tage (siehe „Sprachförderung flächendeckend“).

Martin Daub, Leiter des städtischen Kindergartens Belfortstraße (41 Kinder) in der Pforzheimer Weststadt, sagt: „Viele Voraussetzungen fehlen den Kindern heutzutage.“ Zu beobachten sei, dass es immer mehr psychisch kranke Eltern gebe. Problematisch an den Vorsorgeuntersuchungen sei, dass sich manche Ärzte auf die Aussagen von Eltern verlassen würden.

Esther Selbonne, Leiterin des Wimsheimer Kindergartens (95 Kinder) ist der Meinung: Neben sprachlichen Gesichtspunkten müsse ein Schwerpunkt bei den motorischen Fähigkeiten gesetzt werden. Kritik äußerte Selbonne an den SETK-Tests, in denen Kinder ein Sprachscreening bestehen müssen, wenn Defizite bei der Einschulungsuntersuchung festgestellt worden sind. Die Standards seien zu hoch.

Susanne Schneider, Leiterin des Gemeindekindergartens im Speiterling Dietlingen (32 Kinder) weiß: „Manche Eltern sind überfordert.“ In den zurückliegenden Jahren habe es einen Wandel gegeben. Im sprachlichen Bereich seien auch bei Kindern deutscher Eltern immer mehr Defizite vorhanden.

Die Ergebnisse der vertiefenden Sprachstandsdiagnose führten zu der Erkenntnis, dass immer mehr Kinder von Eltern ohne Migrations-Hintergrund zurückblieben, berichtet Richard Cassutti, Leiter des Amts für Bildung und Kultur Mühlacker. Aufschlussreich sind auch die Ergebnisse der neuen Einschulungsuntersuchung. Seit zwei Jahren werden die Kinder in Baden-Württemberg nicht erst zur Schulanmeldung, sondern schon ein Jahr früher im Kindergarten untersucht. „Durch die Vorverlegung in das vorletzte Kindergartenjahr bleibt somit mehr Zeit für Förderung und Unterstützung“, wie Pressesprecherin Marion Deiß vom Sozialministerium mitteilt.