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Walter Appenzeller.  Foto: Ketterl 
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Im Rahmen einer Veranstaltung der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg erläuterte Thomas Köberle (rechts) dieser Tage, was im Bereich der Senderstädter Enzgärten an Schutzmaßnahmen für Wildbienen betrieben wird. Die Initiative „Mühlacker summt“ hatte hier Flächen entsprechend den Bedürfnissen der Insekten angelegt. Fotomoment 
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Der Sonne entgegen: Umweltverbände und Imker fordern von der Landwirtschaft ein besseres Nahrungsangebot für Bienen und den Verzicht auf bestimmte Substanzen bei der Produktion.  Foto: Frank Rumpenhorst/dpa-Archiv 

Immer noch viel Natur im Enzkreis - Artenschutz und dessen Einfluss auf die heimische Landwirtschaft

Enzkreis/Mühlacker/Keltern. Es gibt große Sorgen um die Bienen. Was macht der Artenschutz hierzulande? In Baden-Württemberg sind viele Öko-Initiativen bereits ergriffen worden.

Er gilt als angriffslustig und streitbar, in Fragen von Landwirtschaft, Weinbau und Ökologie als kompetenter Ansprechpartner, vor allen Dingen aber auch als einer, der sich ideologischen Zwängen gerne entzieht und als Pragmatiker selbst bei anderen Umweltschützern für seine bisweilen überraschenden An- und Einsichten für Erstaunen sorgt: Die Rede ist von Walter Appenzeller. Der Kelterner war lange Zeit Vorsitzender beim BUND Nordschwarzwald und tritt krankheitsbedingt mittlerweile kürzer. Der Grünen-Gemeinderat Appenzeller sorgt auch in seiner eigenen Fraktion immer wieder für eine eigene Note. Einer, den man gerne mal fragt, was er von bestimmten Dingen hält, wenn man sicher gehen will, nicht „Mainstream“ zur Antwort serviert zu bekommen.

Umweltschützer möchten mit Blick auf das erfolgreiche Referendum in Bayern ein Volksbegehren in Baden-Württemberg zur Rettung der Artenvielfalt unterstützen, das von „proBiene“ aus Stuttgart anvisiert wird. Das Motto lautet „Rettet die Bienen!“ Handelt es sich um einen sinnvollen Ansatz?

Ein Volksbegehren wie in Bayern hält Appenzeller in Baden-Württemberg zum gegenwärtigen Zeitpunkt für kontraproduktiv, „da seitens der grün-schwarzen Landesregierung bereits sehr viele Maßnahmen zur Ökologisierung der Landwirtschaft ergriffen wurden“. Beispielhaft seien die Landschaftserhaltungsverbände oder Bio-Musterregionen genannt. Der Kelterner weiter: „Auch wurden die Mittel für Verträge zur Erreichung naturschutzpolitischer Ziele massiv erhöht und ordnungspolitische Maßnahmen wie das Verbot des Ackerbaus sowie des Einsatzes von Düngern und Pflanzenschutzmitteln auf Gewässerrandstreifen ergriffen.“ Man solle sich nun ein wenig Zeit lassen und dann evaluieren, welche Effekte erreicht werden konnten. Der Enzkreis verfügt über einen Landschaftserhaltungsverband und ist Bio-Musterregion.

Die Artenvielfalt geht zurück, heißt es immer wieder.Es gibt weniger Insekten und in der Folge auch weniger Vögel.

Die Situation der Artenvielfalt im Allgemeinen und der Bienen in der Region schätzt Appenzeller als vergleichsweise gut ein. Natürlich sei der Enzkreis keine Insel und Rückgänge bei vielen Arten dürften auch in der Region zu verzeichnen sein, aber Topografie und Strukturreichtum seien hier sehr vielfältig. Der Kelterner weiter: „Da ich beruflich für Anzeigen bei Bienenschäden zuständig bin, kann ich auch sagen, dass Schäden an Bienen im Enzkreis, wenn überhaupt, sehr selten sind. Und wenn, dann seien die Schäden immer durch Varroa-Milben, Chronische Paralyse-Viren oder Nosematose verursacht worden.

Die Stadtwerke Mühlacker betreiben eine Biomethan-Anlage und befüllen diese nicht nur mit Silage aus Maiskulturen, sondern wenden sich seit geraumer Zeit zumindest in Teilen auch Alternativen wie Sudangräsern oder der durchwachsenen Silphie zu.

Dazu der Fachmann: Nicht nur die Stadtwerke Mühlacker, auch die Unomondo-Biogasanlage am Pforzheimer Hohberg greife auf Flächen mit der durchwachsenen Silphie zurück. Leider werde dies seitens einiger Naturschützer nun auch schon wieder kritisiert. Tatsächlich sei das Positive an einer Kultur wie der Silphie, dass sie mehrjährig wachse, also über mehrere Jahre keine Bodenbearbeitung und auch kein Pflanzenschutz stattfindet, was gute Voraussetzungen für Niederwild und Bodenbrüter bilde.

Analog hierzu seien auch von den Ackerbauern des Enzkreises noch nie so viele Blühflächen angelegt worden, wie in den vergangenen fünf Jahren. Appenzeller weiter: „Es ist nicht abzusehen, dass unsere Landwirte in ihrem Bemühen nachlassen, ihren Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt zu leisten. Wenn ich mir anschaue, wie vielen Menschen schon die Arbeit im kleinen Vorgarten zuviel ist und deshalb Schottergärten angelegt werden, sehe ich nicht, weshalb man von Landwirten mehr verlangen sollte, als sie jetzt schon leisten.“

Welche Auswirkungen auf die heimische Landwirtschaft sind von signifikanter Bedeutung?

Am allerwichtigsten fände der Kelterner, dass „die alljährliche Abnahme der Anzahl von Bewirtschaftern auf unseren Flächen gestoppt, am besten umgekehrt werden könnte, denn jeder Bewirtschafter in der Landschaft – übrigens unabhängig davon, ob ökologisch wirtschaftend oder nicht – trägt zum Strukturreichtum unserer Landschaft bei.

Zum Verlust an Arten trage der Umstand bei, dass die Bewirtschaftung von marginalen Flächen aufgegeben werde, so Appenzeller. Hierzu zählten beispielsweise auch die aufgegebenen Weinbergflächen zwischen Enzberg und Mühlacker. Auch müsse man überlegen, welche Auswirkungen es für das Heckengäu haben könnte, wenn Schäfer mit Betriebsaufgabe auf das Auftreten des Wolfes reagierten.