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Plädieren für ein gesundes Leistungsbewusstsein: Dr. Günther Limberg (links) und Harald Brandl bauen mit der Initiative Burnout an einem Informationsnetzwerk über psychische Belastungssyndrome.  Foto: Ketterl
Plädieren für ein gesundes Leistungsbewusstsein: Dr. Günther Limberg (links) und Harald Brandl bauen mit der Initiative Burnout an einem Informationsnetzwerk über psychische Belastungssyndrome. Foto: Ketterl
16.10.2015

Initiative Burnout will mit mangelndem Wissen über das Phänomen aufräumen

Der Wildbader Internist Dr. Günther Limberg ist ein Experte, wenn Organe im menschlichen Körper Sorgen machen. „Ich habe aber immer öfter Patienten, die sich elend fühlen, bei denen die Untersuchungen zeigen, dass Herz, Magen oder andere Organe in Ordnung sind“, sagt der Arzt: „Klar ist nur, da ist was.“ Limberg ist überzeugt, dass die Leiden solcher Patienten einen anderen Hintergrund haben: „Die Seele spricht durch die Organe.“ Das Phänomen lässt sich auch den Zahlen der Krankenkassen ablesen. Harald Brandl von der AOK Nordschwarzwald registriert, dass bei Krankschreibungen von Arbeitnehmern psychische Ursachen eine immer wichtigere Rolle spielen.

Mittlerweile sei fast jede zehnte Erkrankung eines Arbeitnehmers psychisch bedingt. Und das hat längerwierige Folgen. Die Betroffenen seien nicht wie bei einer Grippe nach wenigen Tagen zurück am Arbeitsplatz, sondern fehlen durchschnittlich 30 Tage. Noch stärker schlagen psychische Belastungen bei einem vorzeitigen Ende beruflicher Laufbahnen ins Gewicht. 41 Prozent der Frühverrentungen im Nordschwarzwald hätten diesen Hintergrund.

Burnout, das Ausgebranntsein von Menschen, sehen der Arzt wie der AOK-Sprecher als wichtiges Thema, zu dem großer Informationsbedarf herrsche. Gerade weil es dabei nicht um eine medizinische Diagnose geht, sondern um ein Syndrom, das sich in andauernden Erschöpfungszuständen äußern kann, Tinnitus, Schwindel, Panikattacken oder Schlafstörungen. Die Krankheiten dahinter können Suchterkrankungen sein, aber auch beginnende Depressionen. Aufklärung tut Not, meinen Limberg und Brandl. Beide engagieren sich in einer „Initiative Burnout“, kurz IBO, die im Nordschwarzwald möglichst viele Ärzte, Therapeuten, Psychologen, Psychiater, Kliniken aber auch Arbeitgeber und andere vernetzen soll.

Calws Kreishandwerksmeisterin Roswitha Keppler hat den stellvertretenden Vorsitz der IBO übernommen. An der Spitze steht Dr. Günther Limberg. Und der Facharzt betont, wie oft Warnsignale übersehen würden. Von Betroffenen, von Angehörigen oder von Arbeitgebern. Das Netzwerk soll die Menschen aufmerksamer machen und das Wissen verbreiten, wo Betroffene im Ernstfall Hilfe erhalten.

Limberg plädiert grundsätzlich für ein „gesundes Leistungsbewusstsein“. „Meine eigene Berufsgruppe ist da durchaus eine, die sich angesprochen fühlen sollte“, sagt der Wildbader. Auswirkungen hätte ein Burnout aber oft gerade auch im Privaten. Ein Psychotherapeut berichte ihm, dass sich bei ihm Fälle häuften, in denen Familien zerbrechen.

Das Netzwerk will vermitteln, dass man etwas tun kann. Je früher, desto besser. Deshalb sind beispielsweise auch Achtsamkeitstrainer unter den derzeit 40 bis 50 IBO-Aktiven. Bei ihnen lerne man, dass man in der Alltagshektik das Körpergefühl nicht verliere, Präventionsmöglichkeiten, deren Bedeutung die AOK etwa mit ihrem Programm „Lebe Balance“ anerkenne, so Harald Brandl. Auf sich zu achten, anstatt alles nebeneinanderher erledigen zu wollen, auch mal abschalten. Das sei nicht immer einfach, sagt Dr. Limberg. Er habe sich selbst dabei ertappt, wie er mit Freunden in 2300 Metern Höhe auf der Wormser Hütte in den Alpen den Wirt nach einem WLAN-Anschluss gefragt habe. Doch der hatte für Ruhe vor der Technik auf den Bergen gesorgt. „Zum Glück“, grinst Limberg.