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Die Lichterkette verbindet an Weihnachten eine Gemeinschaft aus jungen Menschen im Dietlinger „Rößle“. Als unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge kamen sie nach Deutschland (vorne von links): Osumanu Batture, Aref Samiei, Ramesh Rahimi und Mohamad Hussaini sowie (hinten von links) Abdiaziz Ali-Sanay und Amadou Traole. Foto: Marx
Die Lichterkette verbindet an Weihnachten eine Gemeinschaft aus jungen Menschen im Dietlinger „Rößle“. Als unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge kamen sie nach Deutschland (vorne von links): Osumanu Batture, Aref Samiei, Ramesh Rahimi und Mohamad Hussaini sowie (hinten von links) Abdiaziz Ali-Sanay und Amadou Traole. Foto: Marx
23.12.2016

Innehalten nach schlimmen Erlebnissen: Junge Flüchtlinge feiern Weihnachten in Dietlingen

Keltern-Dietlingen. Das Attentat auf den Weihnachtsmarkt in Berlin und der tödliche Schusswechsel des mutmaßlichen Täters Anis Amri mit Polizisten in Mailand werden selbstverständlich auch im Dietlinger Rößle diskutiert: In der Wohngruppe für unbegleitete, minderjährige Ausländer, die vom Remchinger Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfezentrum Sperlingshof betreut wird, zähle es ganz grundsätzlich mit zu den Aufgaben der Pädagogen, aktuelle Nachrichten zu reflektieren. Beate Deidesheimer von der Geschäftsführung, die auch für die fachliche Leitung zuständig ist, unterstreicht, dass sie erwarte, dass aktuelle Nachrichten besprochen würden. Das gelte übrigens nicht nur für die jungen Flüchtlinge, sondern auch für die Betreuer selbst. „Die Jungs“, wie sie die Pädagogen nennen, müssten vor falschen Reizen geschützt werden.

Nicht vergessen werden darf: Die erwähnten Jungs haben in der Regel selbst schlimme Erfahrungen zu verarbeiten, viele unangenehme Dinge nagen in ihrem Innersten. Wer als Flüchtling aus Bürgerkriegsgebieten in Afghanistan, Syrien und Somalia auf abenteuerlich-gefährlichen Pfaden in Deutschland angekommen ist, empfindet die neue Heimat weniger als Land, das Terroristen als Anschlagsziel dient, denn – vergleichsweise – als Hort des Friedens. Die sieben jungen Menschen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, die in der seit April eingerichteten Wohngruppe im Dietlinger „Rößle“ eingezogen sind, haben ihre Flucht hinter sich, aber ihre teilweise traumatischen Erlebnisse bleiben und müssen verarbeitet werden.

Was die Heranwachsenden, die aus Afghanistan, Syrien, Somalia, Mali und Ghana stammen, verbindet, ist der Wille, in Deutschland ihr Leben neu zu organisieren. Dabei unterstützt sie maßgeblich das Heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfezentrum Sperlingshof aus Remchingen, das die Außenstelle in Dietlingen aufgebaut hat. Sieben Betreuer gibt es für die sieben Jugendlichen, die rund um die Uhr beaufsichtigt werden. Hinzu kommt eine Hauswirtschaftskraft. Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Heranwachsenden müssen Verantwortung übernehmen und viele Tätigkeiten im Haushalt selbst übernehmen. Dazu gehört es, die Hausregeln strikt einzuhalten. So gibt es ein striktes Alkoholverbot. Das mag den sieben Jugendlichen womöglich sogar leichtfallen, denn es handelt sich um Muslime. Die jungen Menschen sind gleichwohl offen für eine neue Lebenskultur in Deutschland, die von christlichen Traditionen und Werten geprägt ist. Hierzu zählt natürlich auch das Weihnachtsfest. Beim PZ-Besuch machte es den Jugendlichen viel Freude, den Christbaum mit Sternen, Kugeln und Glitzerketten zu schmücken. Weihnachten, so der fünfzehnjährige Aref Samiei aus Afghanistan, sei für ihn ein klein wenig, wie das zweitägige islamische Neujahrsfest. Auch da feiere man im Kreis der Familie.

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