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14.03.2008

Kinder schaffen Wohnraum im Wald

NORDSCHWARZWALD. Stille und Einsamkeit herrschen am Arbeitsplatz von Förster Dominik Dast. Üblicherweise. Heute aber mischt sich das Vogelgezwitscher im Wald oberhalb von Unterreichenbach mit hellem Kinderlachen. Und der Förster redet und erklärt mit ausholenden Gesten den Flug des Spechts. Ein Gruppe rotwangiger Mädchen und Jungen steht um einen Autoanhänger voller Nistkästen und brennt trotz des kalten Nachmittags darauf, am liebsten sofort mit Hammer und Nägeln und einer der zukünftigen Vogelbehausungen loszuziehen.

Einmal pro Woche tauschen die Kinder der Wald-AG der Tannberg-Grundschule Unterreichenbach die Schulbank mit dem Wald für ein bis zwei Stunden. Dann fragen sie Dominik Dast jedes Mal beinahe ein Loch in den Bauch, lassen sich alles genau erklären, schauen sich mit glänzenden Augen die Vorgänge in der Natur an, pflanzen Bäume oder tollen nebenher mit dem zahmen Wildschweinmädchen Kruschtl herum. Mit glücklichen und zufriedenen Gesichtern und meist schmutzigen Schuhen und Hosen kommen sie nach Hause.

Bevor die Kinder diesmal losmarschieren und die Nistkästen aufhängen dürfen, bittet der Förster seine teils aufmerksamen, teils ungeduldigen kleinen Zuhörer die Nistkästen zuerst zu kontrollieren und die Hinterlassenschaften der vorherigen Bewohner zu entfernen. Hannah Katharina kniet am Rand des Weges neben dem Autoanhänger und öffnet die kleine Luke des Nistkastens. Sie bekommt große Augen und ein schwaches „Oh“, kommt ihr über die Lippen.

Ihre Schulkameradin und Namensvetterin Hannah Patricia tritt näher an sie heran, um den Grund des Erstaunens zu erfahren. „In dem Nest ist eine tote Maus“, deutet die junge Entdeckerin auf ihren Fund. Die beiden Mädchen schauen sich das Tier auf dem Nest aus Heu-und Tierhaargemisch an. Auf ihren Gesichtern sind widerstreitende Gefühle zu sehen: Ekel und Mitleid. Nach wenigen Augenblicken kippen sie das Nest mitsamt Mausleiche neben einem Baum aus. „Nicht immer nutzen nur Vögel die Nistkästen. Oft machen sich darin auch Siebenschläfer oder andere Nager breit“, erläutert der Förster die Entdeckung der beiden Mädchen.

„Und denkt daran, dass ihr euch Bäume aussucht, die weit genug vom Weg entfernt sind, damit die Nistkästen nicht gleich zu sehen sind“, schärft der Förster den Kindern ein, bevor sie mit einem Nistkästen in der Hand in Zweier- oder Dreiergruppen den Waldweg hinaufstürmen.

Anthony nimmt sich etwas mehr Zeit. Er steckt einige Nägel in seine Jackentasche, nimmt den Hammer in die eine und einen Nistkasten in die andere Hand und marschiert mit Schulleiter Siegbert Erlenmaier los. Als er einen passenden Baum für den Nistkasten entdeckt hat, und auch der Schulleiter zustimmend nickt setzt er den Nistkasten ab, fingert einen Nagel aus der Jackentasche und blickt an der Tanne nach oben. Sein Gesicht leuchtet auf, als er einen Ast in passender Höhe sieht. Allerdings hilft alles auf die Zehenspitzen-Stehen nichts. Siegbert Erlenmeier übernimmt die Anbringung des Nistkastens für den Grundschüler. Der Junge schaut zufrieden zu und erklärt, dass er sich die Stelle des Baumes gut merken werde. „Ich komme sicher mal in nächster Zeit vorbei und schau, ob ich Vögel rein- und rausfliegen sehe“, sagt er.

„Mich motiviert und freut es, wenn sich frühere Waldkinder auch als junge Erwachsene für ihre Umgebung engagieren und sich bis heute ein Gespür für Natur und Landschaft erhalten haben, zu Praktika bei mir auftauchen oder um Unterstützung bei umweltorientierten Projekten bitten“, erklärt Dast seine eigene Begeisterung für die Waldpädagogik.

Kruschtls Ecke

Da bin ich wieder. Für diejenigen, die mich noch nicht aus der PZ kennen, stell' ich mich nochmal kurz vor: Ich heiße Kruschtl und bin ein drei Monate altes Wildschweinmädchen. Zurzeit bin ich 55 Zentimeter lang, 40 Zentimeter hoch und wiege 13 Kilo. Ich gehöre zu Dominik Dast und dem Bieselsberger Forsthaus.
Oder besser: Ich gehöre zum Forstrevier, schließlich wurde ich dort im Wald geboren. Aber mittlerweile bin ich mehr oder weniger Mitglied der Familie Dast, seit mich der Förster vor ein paar Wochen als verletztes Häufchen Elend gefunden hat.

Seither hab ich allerhand erlebt und gelernt. Zum Beispiel, dass diese Krachmach-Kiste, mit der der Förster immer mal wieder verschwindet, Auto heißt. Wichtig ist, dass dieses Ding, wenn man sich außerhalb davon befindet, nicht nur stinkt, sondern auch gefährlich ist. Neben Gewehrschüssen muss sich unsereins nachts ganz besonders vor diesen Blechkisten fürchten. Wenn man aber mal drinnen sitzt, dann wirds saumäßig interessant. Eheman sich versieht, ist man schwuppdiwupp wo ganz anders. Das geht so schnell, dass ich in meinem schnellsten Schweinsgalopp nicht mithalten kann. Am Anfang wurde mir davon immer ein bisschen schwindelig. Genau so, wie wenn ich mit den Kindern meines Ziehvaters zu lang im Kreis tobe.

Apropos toben. Das mach ich wirklich gerne – mit Kindern und mit Hunden. Doch nicht jeder Hund kennt sich mit kleinen Wildschweindamen aus. Naja, damenhaft hab ich mich nicht benommen, aber es hat saumäßig Spaß gemacht. Mein Ziehvater und ich sind neulich so durch den Wald getrippelt, da sind wir einem Hund begegnet, der mit seinem Herrchen unterwegs war. Wie ich das von den Försterhunden gewöhnt bin, trab ich also zu dem Kerlchen hin, um „Hallo“ zu sagen. Der guckt mich aus großen Augen an, dreht sich um und läuft weg. Und ich hinterher. Ich hab zwar nicht verstanden warum er vor mir davonrennt, aber als er immer schneller lief, hab ich ihm wirklich einen Grund zur Flucht gegeben: Ich hab ihn ins Hinterteil gezwickt. Ich weiß, das war nicht nett.

Ansonsten benehme ich mich aber manierlich – besonders, wenn ich Besuch bekomme. So wie neulich, als der Herr Pfarrer und seine Familie mich unbedingt kennenlernen wollten.

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