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25.03.2010

Kriminalität in Calw: Erst saufen, dann prügeln und klauen

CALW. Bei der Kriminalitätsbelastung aller 44 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg rangiert der Landkreis Calw im Bereich Sicherheit hinter dem Enzkreis auf Platz zwei. Das traditionell erfreuliche Ergebnis ist unter anderem auf einen Rückgang der Straftaten auf 4821 (5331) Fälle zurückzuführen. Aber: Gerade bei jungen Menschen spielt der Alkohol eine wichtige Rolle bei ihren kriminellen Handlungen.

Dass die Aufklärungsquote bei hohen 62,2 Prozent liegt, wird auch als Ergebnis einer guten und engagierten Arbeit der Schutz- und Kriminalpolizei gesehen. Dies konnten erstmals gemeinsam Kriminaldirektor Joachim Kurz und die neue Leiterin der Calwer Kriminalpolizei, Kriminaloberrätin Elke Heilig, sowie Landrat Helmut Riegger bei der Präsentation der Kriminalstatistik 2009 erklären.

Für großes Aufsehen sorgten im vergangenen Jahr zwei Kapitalverbrechen. Am 28. Juni wurde in einem Rapsfeld bei Althengstett die Leiche einer ermordeten jungen Rumänin gefunden. Im Zuge der Fahndungsmaßnahmen wurde ein 45-jähriger türkischer Tatverdächtiger - der ehemalige Lebensgefährte des Opfers - am 14. September 2009 in Turin festgenommen. Der Tatverdächtige wird sich in naher Zukunft vor einem deutschen Gericht zu verantworten haben.

Am 19. August wurde die Bevölkerung durch einen Brand einer Wohnunterkunft der Erlacher Höhe in der Calwer Innenstadt erschüttert, bei dem vier Menschen ihr Leben verloren. Ein 22-jähriger Mitbewohner konnte schon einen Tag später unter dem dringenden Tatverdacht der vorsätzlichen Brandstiftung festgenommen werden. Bei diesem Brand mit seinen tragischen Folgen, der gegen 4.10 Uhr von einer Polizeistreife entdeckt wurde, waren alle Rettungskräfte bis zum Äußersten gefordert.

Neben den beschriebenen Kapitalverbrechen musste die Polizei in vier weniger spektakulären Fällen bei Straftaten gegen das Leben ermitteln. Die Jugendkriminalität steht traditionell in einem besonderen Fokus der Polizei. Durch gezielte Präventionsmaßnahmen wird versucht, insbesondere die Unter-21-Jährigen zu erreichen. 13 besonders geschulte Jugendsachbearbeiter der Polizeidirektion Calw kümmern sich vorwiegend um junge Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.

Bei den unter 21 Jahre alten polizeilich registrierten Jungtätern konnte ein Mut machender Rückgang auf 738 (771) Personen verzeichnet werden. Bei den 18- bis 21-Jährigen fiel der Rückgang auf 254 (285) am deutlichsten aus. Körperverletzungen, Rauschgift- und Diebstahlsdelikte sind bei dieser Altersgruppe immer wieder Kriminalitätsschwerpunkte. Von den 14- bis 18-Jährigen wurden 363 (377) Tatverdächtige ermittelt. Sie fielen wegen derselben Delikte auf, hinzu kamen - alterstypisch - die Sachbeschädigungen. Bei 121 (109) registrierten Kindern im Alter bis zum 14. Lebensjahr fiel über die Hälfte wegen Ladendiebstahl auf.

Neun (im Vorjahr zwölf) sogenannte jugendliche Intensivtäter im Alter bis 21 Jahren (davon drei Ausländer), fallen bei der Polizei immer wieder durch Straftaten auf. Dies sind junge Menschen, bei denen gesetzwidriges Verhalten an der Tagesordnung ist und keine guten Aussichten auf Besserung bestehen. Jugendgerichtshilfe, Staatsanwaltschaft und die Polizei nehmen sich gemeinsam dieser Intensivtäter an und versuchen, ein Abgleiten in die Kriminalität zu verhindern. Im vergangenen Jahr gehörten zu dieser Personengruppe als Jüngste zwei 15- und vier 16-Jährige.

Mit zunehmendem Alter spielt die Gewaltkriminalität eine immer größere Rolle. Unter den Begriff Gewaltkriminalität fallen Kapitaldelikte, Raub und schwere Körperverletzungen. Mit 113 Tatverdächtigen bis zum 21. Lebensjahr - den sogenannten Jungtätern - liegt der Landkreis knapp unterhalb des fünfjährigen Mittelwertes, der sich bei 116 Personen bewegt. Mit 47 Tatverdächtigen bis zum 21. Lebensjahr haben Ausländer einen Anteil von knappen 42 Prozent. Von den Gesamttatverdächtigen fiel die Gruppe der Heranwachsenden mit 62 am Größten aus. 45 Jugendliche und sechs Kinder vervollständigen die Zahl. Der Schwerpunkt der begangenen Straftaten liegt bei den schweren Körperverletzungen.

Im Allgemeinen stand jeder neunte Jungtäter bei Tatbegehung mehr oder weniger unter Alkoholeinwirkung. Das stellt im Vergleich zu den Vorjahren eine leichte Verbesserung dar. Jeder Elfte aller ermittelten Tatverdächtigen aus dem Landkreis (230 von 2412) stand unter Alkoholeinwirkung. Bei den Gewaltdelikten wie beispielsweise der schweren Körperverletzung ist es schon jeder Vierte (53 von 210).

Erneut mussten mehr junge Menschen aus dem Landkreis Calw im Alter von 13 bis einschließlich 19 Jahren in volltrunkenem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert werden, weil sie dringend medizinische Hilfe benötigten. Waren es im Jahr 2007 noch 50, stieg diese Zahl 2008 auf 60 junge Menschen laut Angaben des Statistischen Landesamtes an. Aktuelle Zahlen für das Jahr 2009 stehen bisher nicht zur Verfügung. Anzeichen für eine Trendwende sind derzeit nicht erkennbar.

Diebstähle fallen bei der Statistik durch 1659 (1641) Fälle mit einem Drittel aller Straftaten ins Gewicht. Auffällig ist die Zunahme bei Fahrzeugaufbrüchen um annähernd 40 Prozent von 106 auf 148 polizeilich registrierten Vorfällen. Die Zunahme lässt sich durch eine zwischenzeitlich aufgeklärte Aufbruchserie in Nagold erklären. Einem jungen Tatverdächtigen werden alleine um die 80 Fahrzeugaufbrüche zur Last gelegt.

Wohnungseinbrüche beeinträchtigen das Sicherheitsgefühl der Bürger in besonderem Maße. Es war ein Anstieg um drei Fälle auf 51 zu verzeichnen. Im Gegensatz zu benachbarten Landkreisen ist das sehr wenig, aber dem Landkreis Calw fehlt auch die Autobahnanbindung, die für überregional auftretende Täter von Bedeutung ist.

Durchschnittlich jeden Tag, in 358 Fällen, wurde ein Ladendieb auf frischer Tat ertappt und bei der Polizei angezeigt. Die Fallzahlen liegen auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr, und werden durch die Anzahl der durch den Einzelhandel eingesetzten Ladendetektive beeinflusst.

Die Internet-Kriminalität hat viele Gesichter. Von den 175 Delikten waren alleine 129 Betrugsdelikte. Dies bedeutet, dass jeder fünfte Betrugsfall zwischenzeitlich seinen Ursprung im Internet hat.

Nach 2005 hatte der Landkreis im Jahr 2009 erstmals wieder einen Rauschgifttoten zu beklagen. Der 28-jährige Mann verstarb in der Wohnung eines Angehörigen nach einer Medikamenteneinnahme. Im vergangenen Jahr wurde in 221 registrierten Rauschgiftdelikten ermittelt. Damit gingen die Fallzahlen um 46 auf 221 zurück. Eine auffällige Zunahme der Sicherstellungsmengen von mehr als 16 Kilogramm war im Bereich von Marihuana zu verzeichnen. Dieser Umstand ist im Wesentlichen auf die Entdeckung einzelner, illegaler Hanfanpflanzungen zurück zu führen.

Trotz personeller Engpässe, konnten 2009 insgesamt 152 Präventionsmaßnahmen durchgeführt werden.

Bei den nichtdeutschen Tatverdächtigen war ein Zuwachs um 45 auf 542 Personen festzustellen. Trotzdem liegt diese Zahl immer noch unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt von 557. In Calw stieg die Tatverdächtigenzahl bei Ausländern von 149 auf 207 und in Nagold von 105 auf 118 an. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Ausländeranteil in der Großen Kreisstadt Calw mit 18 Prozent annähernd doppelt so hoch ist, wie im gesamten Landkreis mit 10,6 Prozent. Der Anstieg der tatverdächtigen Ausländer in Calw ist insbesondere auf eine Schlägerei im Frühjahr 2009 und Zunahmen bei den Ladendiebstählen zurück zu führen.

Drei Schülerinnen im Alter von 13 und 15 Jahren waren sich zu Beginn 2009 wohl nicht über die Tragweite ihres Handelns im Klaren: An einer Schule wurde ein handgeschriebener Zettel gefunden, auf dem Drohungen, wie zum Beispiel „ich bring euch alle um“ gegenüber Lehrern und Schüler formuliert wurden. Die Polizei ging sofort in die Schule, im Rahmen der Ermittlungen wurden die Verfasser der Drohungen überführt. Bei polizeilichen Ermittlungen können ganz schnell Kosten in Höhe mehrerer Tausend Euro entstehen, die den Verursachern in Rechnung gestellt werden. Nachahmer müssen immer mit strafrechtlichen und schulrechtlichen Konsequenzen rechnen.