nach oben
31.03.2008

Landrat: Mittagsschlaf wird Pflicht

ENZKREIS. „Wir brauchen aufgeweckte Mitarbeiter,“ sagt Enzkreis-Landrat Karl Röckinger – und will dafür einen ungewöhnlichen Weg gehen: Im Rahmen des „Betrieblichen Gesundheits-Managements“ soll das tägliche Nickerchen im Büro zur Pflicht werden.

Wissenschaftler in Harvard haben festgestellt, dass ein kurzer Büroschlaf die Gedächtnisleistung signifikant erhöht,“ erläutert Iris Augenstein von Netzwerk looping, die sich mit dem Thema intensiv befasst hat. Auch zahlreiche weitere Studien von renommierten Institutionen wie der NASA oder dem Fraunhofer-Institut weisen nach, dass der Beamtenschlaf (Fachwort: „Power-Napping") effektiv ist: Er fördert Reaktionsfähigkeit und Aufmerksamkeit.

Augenstein sieht in einer verpflichtenden Regelung zum Mittagsschlaf deshalb Vorteile sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber: „Die Beschäftigten leben einfach gesünder – und sie bringen bessere Leistungen.“

Der Kreischef geht selbst mit gutem Beispiel voran: Seit kurzem steht in seinem Büro eine Liege für die kleine Pause zwischendurch – allerdings nur die Basis-Ausführung und nicht das Luxus-Sofa „Napshell“ mit Klimaanlage, Massagefunktion und eingebauter Audioanlage. Dabei ist sich Röckinger durchaus bewusst, dass in der Öffentlichkeit noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten sein wird: „Uns Beamten sagt man ja durchaus nach, dass wir unser Geld im Schlaf verdienen.“ Keinesfalls sei aber vorgesehen, die Schlafpausen zur Arbeitszeit zu zählen; vielmehr sollen für die Kreisbeamten passende Schlafstellen oder Zonen eingerichtet werden – beispielsweise durch Klappbetten in den Einbauschränken oder durch die Abtrennung eines Teils der Bürofläche.

Wer lieber öfter mal kurze Schläfchen halten möchte, kann sich hausintern in der Technik des „Inemuri“ schulen lassen: Das japanische Wort setzt sich zusammen aus den Silben „i“, was soviel bedeutet wie „anwesend sein“, und „nemuri“ für „schlafen“. Damit wird die Fähigkeit der Asiaten bezeichnet, in aller Öffentlichkeit für ein paar Minuten einzunicken.

Eine der Grundlagen dieses „Sozialschlafs“ sei die hohe Wertschätzung des persönlichen Einsatzes, wie die Japanologin Brigitte Steger herausgefunden hat: „Wer als Erster am Arbeitsplatz erscheint und dort lange aushält, dessen Ansehen steigt. Entscheidend ist nicht, was hinten rauskommt – Dabeisein ist alles!“

Auch wenn im Fernen Osten bei den Topmanagern der Sitzungsschlaf zum Kalkül gehört und nicht nur in Bussen, Bahnen und Flugzeugen geschlafen wird, sondern auch bei Vorträgen oder im Parlament – im Enzkreis will man sich dem Thema zunächst vorsichtig nähern. Der Landrat mag sich nämlich lieber nicht vorstellen, welche Reaktionen er im Kreistag zu erwarten hätte, wenn einer seiner Dezernenten – oder gar er selbst – in den Sitzungen Fünfminuten-Auszeiten nähme. Röckinger: „Unsere Kreisräte sind immer hellwach – da können wir uns nicht einmal einen Sekundenschlaf leisten.“

Noch nicht. Denn über kurz oder lang, da ist Japanologin Steger sicher, wird sich der Tagesschlaf weltweit durchsetzen. Nicht einmal in Deutschland sind die Landratsamts-Bediensteten Pioniere: In den Rathäusern im niedersächsischen Vechta oder in den Berliner Bezirken Charlottenburg und Wilmersdorf wurden bereits Ruheräume samt Liegen errichtet. Der dortige Bezirksparlamentarier Holger Wuttig sagte dazu: „Natürlich wollen wir keine schlafende Verwaltung. Aber ein Kurzschlaf kann die Leistungsfähigkeit erhöhen und dem Burn-out-Syndrom vorbeugen.“

Und irgendwann könnte dann ein steinalter, schon in babylonischen Keilschriften entzifferter Witz zur Realität werden: Treffen sich zwei Beamten um 11 Uhr auf dem Gang der Behörde; fragt der eine den anderen: „Kannst Du auch nicht schlafen?"