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Akribisch und betont sachlich:  Der Vorsitzende Richter Rolf Glenz ließ sich im Prozess nie das Heft aus der Hand nehmen.
Akribisch und betont sachlich: Der Vorsitzende Richter Rolf Glenz ließ sich im Prozess nie das Heft aus der Hand nehmen.
16.10.2009

Lob für die Richter - Hoffnung für Wörz

Ein halbes Jahr lang beherrschte trockene Sachlichkeit die Verhandlungstage im Strafprozess gegen Harry Wörz aus Gräfenhausen. Für die fast schon betont nüchterne Atmosphäre im Landgericht Mannheim zeichneten vor allem der Vorsitzende Richter Rolf Glenz und seine Kollegin Petra Beck verantwortlich – an keinem der fast 30 Prozesstage ließ sich die Kammer das Heft aus der Hand nehmen. Nächsten Donnerstag gibt Glenz die Entscheidung des Richtergremiums bekannt.

Am Ende des nunmehr dritten Strafverfahrens gegen Wörz, als mit den Plädoyers die Stunde der Ankläger und der Verteidiger schlug und Rolf Glenz sowie Petra Beck zum Zuhören verpflichtet waren, zog freilich die große Literatur mit ihren Gefühlen und bewegenden Dramen in den Gerichtssaal ein.

Vom Freilegen des Kerns

Vom „Häuten einer Zwiebel“ sprach Staatsanwalt Philipp Zinkgräf und bemühte den Romantitel des Schriftstellers Günther Grass. Wie in dem Buch beschrieben, so wolle nun auch er den „Kern des Wörz-Prozesses freilegen“, kündigte Zinkgräf an. Das sei nach über zwölf Jahren, die seit der versuchten Tötung von Wörz’ Ex-Frau Andrea Z. ins Land zogen, aber gar nicht so einfach, schränkte Zinkgräf gleich wieder ein.

Hatte der 43-jährige Angeklagte noch einen Zweitschlüssel, mit dem er nachts in die Wohnung seiner früheren Ehefrau eindringen konnte? „Wohl nicht“, sagte Zinkgräf, „wahrscheinlich ließ das Opfer den Täter rein.“ Eine Beziehungstat also – doch welches Motiv hatte Wörz? „Sicher kein echtes, nachvollziehbares Motiv, obwohl das Verhältnis der Eheleute nach der Trennung nicht problemlos war.“ Was ist mit der Plastiktüte, von den Ermittlern seit jeher als Mitbringsel des Angeklagten eingestuft? „Die Tüte ist nicht sinnvoll ins Tatgeschehen einzuordnen“, sagte Zinkgräf.

„Mit Sicherheit der Täter“

Zuhörer des Freundeskreises um Wörz begannen zu staunen. Fehlte nur noch, dass der Staatsanwalt auf Freispruch aus Mangel von Beweisen plädiert. Doch Philipp Zinkgräf überschritt natürlich nicht die Grenze. „Wörz ist mit Sicherheit nachzuweisen, dass er der Täter war“, sagte er, und forderte neuneinhalb Jahre. Sechs Monate solle das Gericht erlassen, weil der Birkenfelder drei Jahre auf das vom Bundesgerichtshof erneut angesetzte Verfahren warten musste. Die Verhandlungstage seien „angenehm sachlich“ gewesen, sagte Zinkgräf – und das war keine Floskel, denn der Staatsanwalt pflegte die ruhige, nüchterne Darstellung.

„Kein Alibi, nur ein B-libi“

Große Literatur rückte auch Ralf Neuhaus, Wörz’ zweiter Verteidiger neben Hubert Gorka, ins Zentrum seines Plädoyers. Neuhaus bemühte die Geschichte von William Shakespeare über den Feldherrn Othello, der falschen Indizien vertraut, seine angeblich untreue Frau Desdemona umbringt und sich ersticht, als er seinen Irrtum begreift. Der Verteidiger reihte dann Kritik an Kritik an die Adresse der Polizei, die einseitig Indizien gegen Wörz gewertet, nicht aber gegen den ebenfalls verdächtigen Liebhaber von Andrea Z., den Polizeikollegen Thomas H., ermittelt habe. Dem habe seine Ehefrau für die Tatnacht „kein Alibi, sondern höchstens ein B-libi gegeben“, wetterte Neuhaus. Die Beamten hätten Wörz in den Vernehmungen „beleidigt und belogen“, so Neuhaus. Und die Kripo hätte Wörz „bestohlen, als sie in der Gefängniszelle ein Schriftstück beschlagnahmte“. Das Blatt, das die Ermittler als Geständnis ansahen, sei für den Verteidiger bestimmt und damit tabu gewesen.

Die Richter lobte Neuhaus über den Schellenkönig: „Sie waren im besten Sinne unparteiischer Dritter.“ Auch der Pforzheimer Rechtsanwalt Michael Schilpp, Vertreter der Familie des Opfers, dankte der Kammer: „Respekt für die akribische Befragung und die hervorragende Aktenkenntnis.“ Schon früh sei „allerdings erkennbar geworden, dass die Richter den Verdacht eher bei dem Polizisten Thomas H. sehen.“ „Damit hat die Kammer das getan, was sie der Polizei vorgeworfen hat, sie hat sich zu schnell festgelegt“, sagte Schilpp.

Die Zeichen für Harry Wörz stehen denn auch auf Freispruch. Schilpps Beweisanträge für weitere DNA-Untersuchungen hat die Strafkammer samt und sonders abgelehnt, wenn auch detailliert begründet. „Harry Wörz braucht Recht“, forderte Ralf Neuhaus. In vier Tagen ist es so weit – nächsten Donnerstag hat nur noch Richter Rolf Glenz das Wort. Ralf Steinert