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Aggressiv traten Anrufer aus dem Call-Center auf.
Aggressiv traten Anrufer aus dem Call-Center auf.
10.10.2014

„Lotto 3000“: Anrufe kamen auch aus einem Call-Center auf Mallorca

Es war das große Aufregerthema im Herbst 2011: Die Abzock-Masche von „Lotto 3000“, die auch die Region in Atem hielt. Besonders in Niefern-Öschelbronn wurden reihenweise ältere Menschen mit einem wahren Telefonterror überzogen – allein 40 wandten sich an die Polizei. Im Minutentakt klingelte damals bei den Opfern das Telefon und eine Automatenstimme forderte sehr drastisch, Gebühren für eine angebliche Lottospielgemeinschaft endlich zu bezahlen. „Wenn ich auflege, klingelt gleich darauf wieder das Telefon“, schilderte damals eine Betroffene, die mit den Nerven am Ende war.

Fast drei Jahre haben die Ermittlungen gedauert, bis die Staatsanwaltschaft Mannheim jetzt Anklage gegen vier Personen erhoben hat (PZ hat berichtet). Im Zentrum des Abzock-Systems steht ein Heidelberger Rechtsanwalt, den die PZ schon damals als Drahtzieher der üblen Machenschaften ausmachte. Der 41 Jahre alte Mann, der seit September in Untersuchungshaft sitzt, soll die Masche aufgebaut haben. Aus vier verschiedenen Call-Centern – Ludwigshafen, Dortmund, Mazedonien und Mallorca – sollen die Anrufe gekommen sein, die die Opfer in die Falle lockten. Hinterher wurde den Menschen vorgegaukelt, sie hätten zugestimmt, der Lottospielgemeinschaft beizutreten. Wer nicht bezahlte, erhielt Mahnschreiben des Anwalts und aggressive Dauer-Anrufe. Eine scheppernde Automaten-Stimme drohte, dem Betroffenen werde der Fernseher weggenommen, wenn er nicht zahle. Dann wurden die Texte immer aggressiver.

Die Staatsanwaltschaft geht von mehr als 30000 Geschädigten aus – meist Senioren. Rund 15000 Menschen waren vom Telefonterror betroffen, so die Staatsanwaltschaft. Und der hatte teils enorme Ausmaße: Sechs Opfer mussten mehr als 1000 Anrufe ertragen, bei 100 Geschädigten waren es mehr als 500 Telefonate. Für die Anklage-Erhebung wurde das Verfahren auf rund 1000 Geschädigte beschränkt. Im Fokus der Ermittlungen steht auch ein 39-jähriger Mann aus dem hessischen Nauheim: Er und der Anwalt sollen das Abzock-System organisiert haben. Der Rechtsanwalt war für die Mahnungen zuständig, der Nauheimer für die Anruf-Technik. Die beiden kennen sich nach PZ-Recherchen schon seit Jahren – in den Firmengeflechten der Telefonabzocker tauchen ihre Namen immer wieder auf. Der Nauheimer stand wegen einer Telefon-Abzockmasche bereits vor Gericht und wurde im Mai 2013 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er wurde von dem Heidelberger Anwalt verteidigt. Aber das Duo ist nicht nur auf diesem Gebiet aktiv: Vor einigen Monaten haben die beiden eine Firma gegründet, bei der es um die Produktion und den Verkauf von E-Zigaretten geht. Die weiteren Angeklagten sind eine Frau und ein Mann, die in führender Position in den Call-Centern gearbeitet haben sollen. Das Verfahren gegen den angeblichen Geschäftsführer von „Lotto 3000“ wurde eingestellt. Es soll sich um einen Strohmann gehandelt haben, so die Staatsanwaltschaft. Auch drei weiteren Personen aus Mallorca konnte man nicht nachweisen, dass sie von den Lügengeschichten etwas wussten. Dem Heidelberger Anwalt wird übrigens nicht nur der Betrug mit „Lotto 3000“ vorgeworfen. Er ist auch wegen Geldwäsche angeklagt, die er mit einer Tätergruppe aus Frankreich verübt haben soll. Dabei soll der Schaden rund 850000 Euro betragen. Im Falle einer Verurteilung droht dem Mann eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren.