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Früher haben sich die Menschen des Ortes auf dem Marktplatz ausgetauscht – heute passiert das oft online. Foto: Adobe Stock
Früher haben sich die Menschen des Ortes auf dem Marktplatz ausgetauscht – heute passiert das oft online. Foto: Adobe Stock
15.06.2019

Manchmal wird der Ton rau: Facebook-Gruppen von Enzkreis-Gemeinden und ihre Folgen

Enzkreis/Nordschwarzwald. Falsch geparkte Autos, das Konzert am Wochenende oder einfach ein schönes Sommerbild. Fast jede Gemeinde im Enzkreis hat ihre eigene private Facebook-Gruppe, in die Einwohner eifrig diskutieren und plaudern. Doch nicht immer geht es um harmlose Themen. Die lokale Online-Öffentlichkeit kann gravierende Folgen haben.

Frau P. aus Neuenbürg weiß nicht mehr weiter. Seit einem halben Jahr beobachte sie, wie der Hund des Nachbarn den ganzen Tag im Zwinger verbringt. Niemand scheint sich um den Vierbeiner zu kümmern, keiner gehe mit ihm Gassi – er jaule und heule von früh bis spät. In der Facebook-Gruppe der Stadt fragt sie die 826 anderen Neuenbürger Mitglieder: „Was würdet ihr tun?“ Wenige Stunden später hat die Gruppenleiterin das Kommentieren des Hilferufs verboten. Bei solchen Themen wird der Ton rau.

Nicht alles, was in Städten und Gemeinden online diskutiert wird, ist brisant. Oft geht es um falsch geparkte Autos, das Konzert am Wochenende oder einfach ein schönes Sommerbild. Fast jede Kommune in der Region hat eine eigene private Facebook-Gruppe, in der online auf lokaler Ebene gestritten und geplaudert werden kann.

Es gibt feste Regeln

Sie heißen „Du weißt, dass du Illinger bist, wenn…“, „Dorfkind Keltern“ oder „Engelsbrand – im Enzkreis ganz oben“. Dabei variieren Themen und Gruppengrößen stark. Der Administrator, also Gruppenleiter, entscheidet, was erlaubt ist und was nicht. Wer mitreden will, muss bestätigen, dass er aus der Stadt kommt und mit den Gruppenregeln einverstanden ist – das bedeutet meist: keine übertriebene Werbung, ein freundlicher Umgang, keine Hetze oder Diffamierung. Nicht jeder hält sich daran.

Ärztliche Befunde verbreitet

Manchmal kommt es deshalb zum Eklat, wie ein Blick in die Gruppe „Heimsheim“ zeigt. Im hitzigen Kommunalwahlkampf hat ein Mitglied die privaten ärztlichen Befunde eines Kandidaten veröffentlicht – einsehbar von über 1000 Einwohnern. „Ich habe das natürlich sofort gelöscht“, sagt Administrator Pascal Kugele.

Der 47-jährige Informatiker hat die Gruppe 2012 ins Leben gerufen. Rausgeworfen hat er den Verleumder aber nicht. „Bei mir hat jeder eine zweite Chance verdient“, erklärt Kugele, der die Diskussionen bis zu fünfmal am Tag kontrolliert. Als damals die Container für Flüchtlinge aufgestellt wurden, musste er besonders oft eingreifen. „Gemotzt“, sagt Kugele, „wird hier genauso wie früher auf dem Marktplatz.“ Und damals wie heute versuchen auch viele Unternehmer, den Treffpunkt für ihr Geschäft zu nutzen. So etwa Andreas Frank von der gleichnamigen mobilen Hundeschule aus Neuenbürg. Der 56-Jährige kümmert sich allerdings nicht um die heimische, sondern um die über 1300 Mitglieder starke Birkenfelder Gruppe, deren Leitung er 2016 übernommen hat. „Ich habe damit angefangen, um kostenlose Werbung zu schalten“, erklärt er. Zwei- bis dreimal in der Woche schaue er dort nach dem Rechten: „Es ist schon spannend, wie lange sich manche über ein falsch geparktes Auto aufregen können“, findet er.

Die Fahrzeuge sind auch in der Bad Wildbader Gruppe unter der Leitung von Petra Fischer Dauerthema. Die mehr als 1000 Mitglieder kennen oft nur ein Thema: den Tourismus auf dem Sommerberg und die dadurch verschärften Parksituationen.

Die Leute hätten oft das Gefühl, „dass auf die Wildbader keine Rücksicht genommen wird und alles auf die Besucher ausgelegt wird“, erklärt Fischer die hitzigen Gemüter, die für ihre Anliegen gerne kräftig in die Tasten hauen. Auch Bürgermeister Klaus Mack ist Mitglied in der Gruppe, die Fischer 2015 gegründet hat, um auf Veranstaltungen im Ort aufmerksam zu machen.

Infoquelle und Hilfestellung

Neben Ausgeh-Tipps werden auch Nachrichten lokaler Medien wie der PZ über die Plattform schnell verbreitet – für manche wird die Gruppe so zur Informationsquelle über ihren Heimatort. Ein so entstehender Austausch kann auch zu durchaus positiven Reaktionen führen.

Auf den Hilferuf von Frau P. in Neuenbürg antwortete etwa eine Mitarbeiterin vom Tierheim Pforzheim, die ihr eine Kontaktstelle vermittelte. Die hilfreiche Antwort unterstützen etliche Mitglieder in der Gruppe mit ihrem „Like“. Auf Nachfrage der PZ erklärt P., dass sie sich dazu entschlossen hat, ihren Verdacht der Polizei und dem Veterinäramt zu melden. Jetzt hoffe sie zumindest auf Auflagen für den Hundebesitzer: „Ich will nur, dass es dem Tier besser geht.“