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Auf Flugblättern warnen Skeptiker immer wieder vor der Corona-Impfung.  Foto: Armer (dpa) 

Mediziner gegen Mythen: Ärzte aus der Region wehren sich gegen Flyer von Impfgegnern

Enzkreis. „Ich halte sämtliche Aussagen für nicht richtig und für gefährlich – von den Bildern gar nicht zu reden.“ Fassungslos reagiert Dr. Thilo Bode, Oberarzt auf der Intensivstation des Pforzheimer Helios-Klinikums, auf einen Flyer, den er in seinem Briefkasten gefunden hat und der mit „Nein zum Impfzwang“ überschrieben war. Dabei gebe es einen solchen Zwang gar nicht, wie Dr. Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamts, betont: „Es ist unverantwortlich, mit welchen Mitteln die Menschen verunsichert werden sollen.“

Von einer „ziemlich wilden Mixtur aus Behauptungen und Impf-Mythen, vermischt mit ein paar durchaus berechtigten Fragen“ spricht Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth. Allerdings sei das überhaupt nichts Neues: Solche Flugblätter tauchten immer wieder auf, weiß sie aus Gesprächen im Kollegenkreis. Die Hausärztin macht deutlich: „Selbstverständlich klären wir unsere Patienten auf, welche Nebenwirkungen eine Impfung haben kann.“ Nichts werde verschwiegen, auch Beipackzettel seien kein Geheimnis – die könne jeder im Internet finden und sich informieren.

„Vieles ist Unsinn“

Viele der Fragen aus dem Internet oder aus Flugblättern kennen vor allem die Kinderärzte in der Region sehr gut: „Da wird jetzt einfach einiges zusammenkopiert, was sich ursprünglich gegen die Masern-Impfung richtete“, vermutet Dr. Kai Siedler, Chefarzt der Helios-Kinderklinik. Dabei seien die derzeit verfügbaren Impfstoffe gegen das Corona-Virus gar nicht für Kinder unter zwölf Jahren freigegeben – „schon deshalb ist vieles Unsinn, zum Beispiel ein angeblicher Zusammenhang zwischen der Impfung und dem plötzlichen Kindstod.“

Besonders oft werde behauptet, die mRNA-Impfstoffe würden das menschliche Erbgut verändern. „So weit kommen diese Stoffe aber gar nicht“, sagt Joggerst. Und bei der Behauptung, die Impf-Seren machten Frauen unfruchtbar, muss der Pforzheimer Gynäkologe Markus Haist schmunzeln: „Ich werde demnächst mal ein großes Treffen veranstalten mit all meinen Patientinnen, die erst nach der Corona-Impfung schwanger geworden sind.“ Viele weitere Mythen kennen die Mediziner – zum Beispiel, dass die Vakzine angeblich Nervengifte, Antibiotika oder gar „abgetriebene Babys“ enthielten. „Völliger Quatsch“, sagt Dr. Felix Schumacher, Chefarzt für Intensiv- und Notfallmedizin am Helios. „Andere Stoffe sind dagegen völlig harmlos, klingen aber gefährlich“, erläutert Dr. Julia Gottfried), Leitende Ärztin der Klinik Öschelbronn, und nennt Aluminiumsalze als Beispiel: „Das meiste Aluminium ist in Karotten enthalten.“ Wie die anderen Fachleute in der Region unterstützt auch sie namens der anthroposophisch ausgerichteten Klinik die Impf-Aufrufe.

Krankheit ist gefährlicher

„Das Risiko bei einer Covid-19-Erkrankung ist um ein Vielfaches höher als bei der Impfung“ – davon ist Dr. Stefan Pfeiffer, Leiter der Medizinischen Klinik in Mühlacker, überzeugt: „Wer wie wir hunderte Patienten stationär betreut hat, von denen viele die Erkrankung leider nicht überlebt haben, weiß, wie gefährlich das Virus ist.“ Dagegen habe es bislang keinen einzigen Todesfall in der Region gegeben, der sich ursächlich auf die Impfung zurückführen lasse, wie Joggerst betont. „Eine wirksame Behandlung gibt es bislang nicht – aber Impfen schützt“, sagt sie. Krankenhaus-Hygieniker Hans-Jürgen Barth vom Siloah St. Trudpert Klinikum in Pforzheim kann das nur bestätigen: „Selbst in Zeiten von neuen Virusvarianten hatten wir keinen einzigen vollständig geimpften Patienten, der wegen eines schweren Covid 19-Verlaufs auf der Intensivstation hätte behandelt werden müssen.“

Dass bislang kein Impfstoff für Kinder erhältlich ist, beschäftigt Dirk Berner, Geschäftsführer des Kinderzentrums in Maulbronn. Deshalb unterstütze man von ganzem Herzen die Kampagne der Kinder- und Jugendärzte. „Schützen Sie Ihr Kind, lassen Sie sich impfen“ lautet deren Appell.

Nur bei einer weitgehenden Durchimpfung der erwachsenen Bevölkerung könnten Kinder und Jugendliche im Herbst mit einer Normalisierung auch ihres Lebens rechnen, nachdem sie in den letzten Monaten Rücksicht nehmen und auf vieles hätten verzichten müssen. „Jetzt ist es wichtig, dass wir unseren Beitrag leisten. Eine wesentliche Maßnahme ist die Impfung der Erwachsenen gegen das Corona-Virus“, sagt Wolfgang Diebold, Kinderarzt in Straubenhardt. Die Mediziner raten verunsicherten Menschen: „Wenden Sie sich, wenn Sie unsicher sind, an die Ärztin oder den Apotheker Ihres Vertrauens – denn dafür sind sie da.“ enz

Viele Fragen beantworten die Seiten des Robert-Koch-Instituts. Telefonische Auskünfte gibt es bei der Impfhotline unter 116 117. Informationen stehen zudem auf der Homepage des Enzkreises unter www.enzkreis.de/corona bereit. Wer konkrete Fragen rund um das Thema Impfen hat, kann sich außerdem per E-Mail an corona@enzkreis.de wenden.