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An der Licht-/Wassersäule kann Emilia per Knopfdruck das An- und Ausschalten üben. Foto: Meyer
An der Licht-/Wassersäule kann Emilia per Knopfdruck das An- und Ausschalten üben. Foto: Meyer
24.11.2017

„Menschen in Not“ ermöglicht Träumen unterm Sternenhimmel im Kinderzentrum Maulbronn

Maulbronn/Pforzheim. Im Kinderzentrum Maulbronn werden Kinder mit Entwicklungsstörungen und Behinderungen im körperlichen, geistigen und seelischen Bereich behandelt. Die ruhige Atmosphäre eines Snoezelraums soll künftig bei der Therapie helfen. Snoezeln setzt sich aus den niederländischen Worten snuffeln (kuscheln) und doezelen (dösen) zusammen. Der Raum erzeugt durch gedämpftes Licht, bequeme Sitz- und Liegelandschaften mit Sternenhimmel Wohlbefinden und Geborgenheit und nimmt Anspannung und Druck. Die PZ-Hilfsaktion „Menschen in Not“ übernimmt die Ausstattungskosten des Therapieraums.

Die Sonne blitzt zum Fenster herein. Die Stimmung ist gelöst. Bei Physiotherapeut Karl-Josef Heinemann im Kinderzentrum Maulbronn liegt Emilia auf dem Therapietisch. Das sieben Jahre alte Mädchen ist bereits zum dritten Mal mit seiner Mutter Beatrice für zweieinhalb Wochen auf der Eltern-Kind-Station hoch über der Klosterstadt. Heinemann kennt sie gut. Während des Aufenthalts im Kinderzentrum ist Emilia eine Stunde täglich bei ihm. Heute ist der vorletzte Tag der Therapie. Dann geht es nach Hause. Noch ist Zeit, um Emilia voranzubringen.

Kommunikation über die Augen

„Ich möchte ihr ein gutes Gefühl für ihren Körper geben und ihr zeigen, wie sie ihre Schultern bewegen kann“, sagt der Therapeut. Das Mädchen macht mit. Sie ist tiefenentspannt. Im nächsten Moment passiert es. Emilia spannt sich extrem an und überstreckt sich dadurch. Und Heinemann beginnt von vorne, bis Emilia das Gesicht entspannt. Über die Augen kommuniziert sie mit ihm. Laute sind selten zu hören. Sprechen kann sie nicht. Seit 2014 ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Nach wenigen Minuten ist die Siebenjährige wieder entspannt. „Jetzt genießt sie“, erkennt der Therapeut. Und im Zimmer wird es ganz leise.

Das Mädchen leidet unter den Spätfolgen von Sauerstoffmangel bei der Geburt. „Dadurch sind große Teile des Gehirns geschädigt worden“, erzählt Beatrice Lebkücher, die Mutter von Emilia. Bereits zwei Tage nach Entbindung im Krankenhaus habe das Mädchen einen epileptischen Anfall erlebt. Schnell seien Frühfördermaßnahmen eingeleitet worden. Per Nasensonde sei Emilia als Baby ernährt worden. „Dank des Kontakts mit anderen betroffenen Eltern konnten wir uns austauschen und gegenseitig Hilfe leisten“, erinnert sich Mutter Beatrice.

Im Kinderzentrum Maulbronn wird das Mädchen immer neu auf ihre Medikamente eingestellt und mit Hilfe verschiedener Therapien wird ihr Gesamtzustand verbessert. „Die therapeutischen Möglichkeiten und ambulanten Therapien helfen uns sehr“ sagt die Mutter. „Alle medizinischen Disziplinen sind unter einem Dach.“

So hat Emilia auch täglich Termine bei Ergotherapeut Armin Kurz. „Mit verschiedenen Eindrücken möchte ich die Wahrnehmung schulen“, erklärt dieser. Als Beispiel wählt Kurz eine Kette, die er Emilia in die Hand gibt. Nach und nach erhält sie auch noch ein Ball mit Kügelchen und eine Rassel. „Sie mag Bälle“, weiß der Therapeut. Als er Emilia von der Rückenlage auf den Bauch dreht, sind viele Griffe notwendig. „Ich möchte eine gute Position für sie finden“, sagt er. Das gelingt ihm. Emilia macht mit. Sie lässt zu, dass man sie dirigiert. „Ihre Wahrnehmung will gefüttert werden.“ Allerdings ist klar: „Um ihre Reaktionen deuten zu können, muss man Emilia kennen“, erklärt Kurz.

Nach dem gleichen Prinzip arbeitet der Therapeut mit der Siebenjährigen an der Licht-Wassersäule. Dieses Therapiegerät fasziniert das Mädchen. Und bereitwillig lässt sie sich auf dem Schoß ihrer Mutter fallen. „Die Positionierung ist entscheidend. Nur, wenn sie gut liegt, kann sie die Möglichkeit des An- und Ausschaltens nutzen.“

Zur Ruhe kommen

Bei der Ergotherapie kommt auch die Resonanzplatte zum Einsatz. Sie misst 1,5 Meter auf 1,5 Meter und ist drei Millimeter dick. Der zwei Zentimeter dicke Rand begrenzt das Therapiegerät. Sie wird – ähnlich wie ein Trampolin oder eine Nestschaukel – in der Therapie eingesetzt. „Mit Vibration und Akustik können Kinder total zur Ruhe kommen“, erklärt Professor Rainer Blank, ärztlicher Leiter und Geschäftsführer am Kinderzentrum Maulbronn. „Schmerzen lassen nach und die Kinder zeigen uns, dass sie sich wohlfühlen. Der Puls geht schließlich runter und die Durchblutung verbessert sich“, berichtet der Arzt.

„Ich freue mich sehr, wenn der Wellnessraum für Schwerbehinderte Wirklichkeit wird“, sagt Blank. Damit meint der Geschäftsführer den Snoezelraum. Die PZ-Hilfsaktion „Menschen in Not“ übernimmt für diesen die Ausstattungskosten in Höhe von 12 500 Euro. Damit sollen Wasserbett, Wassersäule, Musik- und Lichtanlage, Spiegelelemente und verschiedene Polster gekauft und eingebaut werden. Im Kinderzentrum Maulbronn ist seit dem Bezug des Neubaus im Jahr 2016 Raum für Neues. Der Snoezelraum wird im Altbau, nahe den Stationen und zentral gelegen, entstehen. „Jeder wird ihn nutzen können“, sagt Blank. „Eltern, Therapeuten und die Kinder.“ Er soll so schön werden, dass das Betreten dem Eintauchen in eine andere Welt gleichkomme. Und dabei wichtige Ziele verfolgen: „Zum einen, dass Kinder, die durch ihre motorischen Einschränkungen wie Emilia verkrampfen, einfach wieder locker lassen können. Zum anderen, dass Therapeuten oder Heilpädagogen die Reize und Angebote im Snoezelraum nutzen können, um Wahrnehmung und Sinne der Kinder zu schulen.“

Limit der Kräfte erreicht

Emilias Mama freut sich auf die Fertigstellung: „Als Mama kann ich entspannen, wenn es meinem Kind gut geht.“ Es sei wie ein Atemholen für die Angehörigen. „Ich bin 24 Stunden für Emilia im Einsatz. Und oft am Limit meiner Kräfte.“ Sie sehne eine solche Entspannung mit froher Erwartung herbei. „Vielleicht ist der Snoezelraum fertig, wenn wir das nächste Mal in Maulbronn zur stationären Therapie sind.“