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Ihre Fragen stellen die Gymnasiasten gemeinsam mit Referendarin Lena Kühnel an den Tübinger Universitätsprofessor Michael Butter.  Foto: Zachmann 

Mit Aufklärung gegen Verschwörungstheorien: Remchinger Schüler beschäftigen sich mit gefährlichem Trend

Remchingen. Passierte die erste Mondlandung etwa nur im Filmstudio, war der Tod von Lady Diana ein Auftragsmord und wird das Coronavirus durch die neuen 5G-Sendemasten verbreitet, um den Weg für eine neue Weltregierung zu ebnen und dabei das Bargeld abzuschaffen? Der Entstehung von Verschwörungstheorien gehen zurzeit Neuntklässler des Remchinger Gymnasiums im Gemeinschaftskunde-Unterricht auf den Grund.

Zusammen mit Referendarin Lena Kühnel hatten sie Gelegenheit, ihre Fragen bei einer Videokonferenz direkt an Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen, zu stellen, der sich seit Jahren intensiv mit Verschwörungstheorien, ihren Folgen und der richtigen Prävention beschäftigt.

Während der Pandemie gebe es nicht mehr Menschen, die an solche Theorien glauben, verdeutlichte Butter im Interview mit den Schülern. Im Gegenteil, sie seien in Deutschland auf einem historischen Niedrigstand: „Aber wir nehmen sie im Moment wieder mehr wahr. Die zu Corona entstandenen Theorien sind nicht wirklich neu, sondern die Pandemie wird als letztes Klötzchen drangebaut.“ Impfen, bargeldloses Bezahlen oder die Abschaffung der Grundrechte hätten schon immer eine Rolle in unterschiedlichen Theorien gespielt: „Jetzt können sich alle auf Corona einigen.“ Denen, die daran glauben, dienten die Theorien als Stabilitätsanker, als Sündenbock oder zur Selbstentlastung: „Wenn es den Klimawandel nicht gibt, kann ich ja täglich von Stuttgart nach Frankfurt fliegen.“

Nicht alle Verschwörungen seien automatisch gefährlich, erklärte Butter. Der norwegische Bombenanschlag im Jahr 2011, der Anschlag von Halle 2019 oder die Tötung eines Tankwarts in Rheinland-Pfalz nach einem Streit über die Maskenpflicht seien jedoch Beispiele dafür, dass Verschwörungstheorien ein Katalysator für Radikalisierung sein können.

„Wenn man gesichertes medizinisches Wissen leugnet, gefährdet man sich und andere“, unterstrich Butter. Auf die Frage der Schüler, wie man jemandem begegnen sollte, der sich offensichtlich auf einer falschen Fährte befinde, empfahl er vor allem Offenheit: „Auf keinen Fall sollte man etwas ins Lächerliche ziehen, das macht es nur noch schlimmer. Bei überzeugten Verschwörungstheoretikern hat man alleine mit Fakten kaum eine Chance.“

Deutlich effektiver als die Nachsorge sei die Vorsorge: eine von vorne herein konsequente Aufklärung über wichtige Themen.