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Seit einem unverschuldeten Autounfall leidet eine Birkenfelderin an Depressionen – wie die Frau auf diesem Symbolfoto. Bis zur Hilfe von „Menschen in Not“ hatte sie nicht einmal ein eigenes Bett.
Seit einem unverschuldeten Autounfall leidet eine Birkenfelderin an Depressionen – wie die Frau auf diesem Symbolfoto © Steffen/dpa
08.08.2014

Mit Grafiken: Wachsende Angst vor der Altersarmut

Pforzheim/Enzkreis. Immer mehr Arbeitnehmer werden von Krankheiten in die Frührente gezwungen – und stehen so vor dem Ruin. Die PZ stellt Betroffene aus der Region vor. So unterschiedlich die Protagonisten sind, haben sie doch eine Gemeinsamkeit: die Furcht davor, mittellos zu sein.

Immer leiser wird die Stimme von Erika F. (Name geändert) Die Augen, die bisher nervös von einem Gesprächspartner zum anderen sprangen, sind nun starr auf den Tisch gerichtet. „Das Bett habe ich mir vom Sperrmüll geholt“, flüstert die Frau aus dem Enzkreis – mehr zu sich selbst als zu den beiden PZ-Redakteuren neben ihr. Es ist das Bett, das sie sich mit ihrer jugendlichen Tochter teilt. Was folgt, ist eine kurze Pause. Ein Räuspern, mit dem Handrücken wischt die 57-Jährige Tränen aus ihren Augen. Dann erzählt sie sie weiter: die Geschichte, wie ihr Leben aus den Fugen geriet – und die sie in die Armut stürzte.

Er war 2012, der Tag, „ab dem bei mir gar nichts mehr ging“, wie die Alleinerziehende sagt. Jugendliche fahren ihr ins Auto, es überschlägt sich. Sie sagt: „Ich habe gedacht, das ist mein Ende.“ Doch F. überlebte – äußerlich mit wenigen Verletzungen: Die Brille war kaputt, drei Rippen gebrochen. Innerlich sah es in der Frau, die bis dahin in einer sozialen Einrichtung gearbeitet hatte, ganz anders aus: „Ich gehe zum Nervenarzt, ich schaffe es einfach nicht, das zu verarbeiten.“ Ihr Psychologe diagnostizierte eine Depression, mit Rheuma und Gicht hat sie ohnehin schon zu kämpfen.

Für 45 bis 65 Euro muss sich F. deswegen alle drei Monate Medizin kaufen. Eigentlich. „Aber ich muss dann überlegen: Kaufe ich Essen und Schulzeug oder Tropfen gegen die Schmerzen?“ Vor Gericht kämpft sie nun darum, von den Unfallverursachern zumindest das Geld für ihre Brille erstattet zu bekommen. Die Chancen stehen zwar gut. Dennoch kommen ihr wieder Tränen, unsicher greift sie an den Rand ihrer geliehenen Brille, als sie sagt: „Die Brille steht für mich nicht im Vordergrund. Ich hätte so gerne ein Bettchen für mein Kind, einen Schrank und die Bücher für ihre Prüfungen.“ Das einzige Bett in ihrer 50-Quadratmeterwohnung ist es, auf das F. immer wieder zu sprechen kommt: „Wenn ein Baby im Bett der Eltern schläft, ist das kein Problem. Aber ein Mädchen, das geht doch nicht.“ Zumal das Mädchen gerade zur Frau wird. „Ihr fehlt die Privatsphäre“, sagt die Mutter.

Nach dem Unfall war sie eine von 318 arbeitslosen über-55-Jährigen Frauen im Enzkreis. Inzwischen taucht sie in dieser Statistik nicht mehr auf: „Mein Arzt hat mir zur Frührente geraden“, sagt F. zögernd.– um dann, fast entschuldigend, nachzuschieben: „Das habe ich mir also nicht aus freien Stücken so überlegt.“ In solchen Fällen greift oft die Erwerbsminderungsrente: 2012 betrug sie 607 Euro – zwölf Jahre zuvor waren es noch 706 Euro. Immerhin: Da die Zurechnungszeit um zwei Jahre verlängert wurde, gibt es seit dem 1. Juli 2014 im Durchschnitt 40 Euro mehr.


Nach Zahlen der Deutsche Rentenversicherung war fast jeder zweite Neu-Rentner der vergangenen Jahre ein Vorruheständler. Der Hauptgrund für die frühzeitige Pensionierung: die Psyche. Hier stieg die Zahl der Betroffenen nach Angaben der Psychotherapeutenkammer innerhalb von zehn Jahren um rund 25 000 auf 75 000 im Jahr 2012. Anfang dieser Woche hat die Krankenkasse DAK bekanntgegeben, dass die Zahl dieser Erkrankungen in Pforzheim und dem Enzkreis 2013 im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel gestiegen ist.

Eine Sonderseite zum Thema Altersarmut lesen Sie am Samstag in der "Pforzheimer Zeitung".


Ingrid Benda, die Vorsitzende des VdK-Kreisverbands Pforzheim, stellte den Kontakt zwischen Erika F. (Name geändert) und der PZ her. An sie hatte sich die Birkenfelderin hilfesuchend gewandt, nachdem sie in Folge ihres Unfalls Hilfe und eine Rechtsberatung benötigte. „Ich hatte gerade meiner Tochter gesagt, wie trüb es draußen ist“, erinnert sich Erika F. an den Moment, in dem Benda anrief. „Und dann kam durch sie wortwörtlich ein ganz schön helles Licht.“ Denn Benda erzählte F. auch von der PZ-Aktion „Menschen in Not“. Diese hat nun die Kosten für Möbiliar für die Tochter übernommen.

Seit 1995 unterstützt die Hilfsaktion „Menschen in Not“ Bedürftige in der Region. Alle Spendengelder der Leser, im Jahr 2013 waren es rund 750 000 Euro, werden zu 100 Prozent weitergeleitet. Der Verlag trägt alle Verwaltungskosten. Weitere Informationen gibt es unter www.pz-news.de/menschen-in-not. 

Spendenkonto von „Menschen in Not“: Kontonummer 888 877, Sparkasse Pforzheim Calw, Bankleitzahl 666 500 85.

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