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Bei Kerstin Kartschall (zweite von links) lernen Anastasia, Olena und Ivan Semko (von links) einmal in der Woche Deutsch. Bei Malgorzata Hausding (rechts) ist die aus der Ukraine geflüchtete Familie in Wiernsheim untergekommen.  Foto: Prokoph 

Mit Händen und Füßen Deutsch lernen - Geflüchtete erhalten in Wiernsheim privaten Deutschunterricht

Wiernsheim. Deutsch ist eine schwierige Sprache, Ukrainisch auch. Aber wenn jemand polnisch kann, wird es etwas leichter. Und wenn dann noch jede Menge Herzblut, Mitgefühl und Nächstenliebe für die vor dem Krieg in der Ukraine Geflüchteten dazu kommen, verstehen sich Fremde auch mit Händen und Füßen.

Und das passiert gerade in Wiernsheim. Dort gibt Kerstin Kartschall den Geflüchteten Olena Semko und ihren Kindern Ivan (zehn Jahre) und Anastasia (13) seit kurzem kostenlos immer einmal in der Woche privaten Deutschunterricht. Dazu kam sie über die mit ihrer Familie befreundete Malgorzata Hausding, einer gebürtigen Polin, die mit ihrem Mann Norbert und den zwei Söhnen seit acht Jahren in Wiernsheim lebt. „Wir haben schon im Februar beschlossen, Geflüchtete bei uns aufzunehmen“, sagt Hausding, die bei dem Gespräch über den privaten Deutschunterricht mit den Geflüchteten und Kerstin und Alexander Kartschall dolmetscht. „Polnisch und Ukrainisch sind beide slawische Sprachen“, erklärt Hausding. Das sei in etwa so, wie wenn ein Deutscher und ein Niederländer sich unterhalten würden. Deshalb kann sie sich mit Olena Semko verständigen. Manche Begriffe seien intuitiv erfassbar, manche allerdings nicht, dann müsse man vieles umschreiben, weiß Hausding. Über ein großes Netzwerk an Helfern im Sozialen Netzwerk Facebook ist Hausding auf die Mutter und ihre beiden Kinder gestoßen, die zu jener Zeit schon in Sindelfingen weilten. Nun wohnen sie bei der Familie Hausding im Hobbyraum. „Nach acht Wochen versteht man sich immer besser“, verrät die Gastgeberin.

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Als die Bomben in der unmittelbaren Nachbarschaft ihres Hauses fielen und vor allem zu hören waren und die Familie im Schutzkeller ausharrte, hat sich die 40 Jahre alte Olena Semko mit ihren beiden Kindern aus Kiew auf die Flucht begeben und kam über Rumänien nach Deutschland. Semko ist ausgebildete Pädagogin und Psychologin und arbeitete zuletzt als Krankenschwester. „Wir mussten da raus und fort“, sagt sie. „Wir haben in der Familie beschlossen, dass wir helfen“, berichtet auch Kerstin Kartschall. Die 46-Jährige besorgte sich im Internet entsprechendes Schulungsmaterial, das mit Bildern und Symbolen arbeitet. Und wenn gar nichts vorangehe, helfe man sich eben mit Händen und Füßen, berichtet Kartschall. Anastasia kann außerdem ein wenig Englisch. „Dobre Den“ – guten Tag, kennt jeder, der einmal in Kroatien oder Ungarn war. Und so hangeln sich die beiden Familien über Begriffe, wie Essen, Tage, Monate und Zahlen zu ganzen Sätzen.

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Überdies findet dreimal die Woche ein Deutschkurs für Ukrainer in Pforzheim statt. „Ich heiße Ivan, bin zehn Jahre alt und komme aus der Ukraine“, kann Ivan bereits auf Deutsch sagen. In Wiernsheim fühlt sich die Familie sehr wohl. Am drängendsten sind jedoch die Fragen nach der Zukunft und wie es weiter geht mit Schule, Beruf und Arbeit. Olena Semko und ihre Kinder verfolgen den Wunsch, gut Deutsch zu lernen und hoffen auf ein Ende des Krieges und einen schnellen Wiederaufbau der Ukraine.