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So visualisiert der Investor Wircon die Windräder vom Standort Höhenstraße 4 in Langenalb aus. DieseDarstellungen „decken sich eigentlich recht gut mit den von uns berechneten“, heißt es von der Bürgerinitiative Gegenwind, die zu den schärfsten Wircon-Kritikern zählt. Und weiter: Die Anlagen „selbst sind sehr filigran und untertrieben, aber die Größenverhältnisse entsprechen der Realität und damit exakt unseren Visualisierungen“.
So visualisiert der Investor Wircon die Windräder vom Standort Höhenstraße 4 in Langenalb aus. DieseDarstellungen „decken sich eigentlich recht gut mit den von uns berechneten“, heißt es von der Bürgerinitiative Gegenwind.
08.12.2015

Multimedia-Reportage: Wird das Windrad in Straubenhardt zum Spaltpilz?

Schon 2016 könnten in Straubenhardt Windkraftanlagen stehen. Je näher diese kommen, desto emotionaler wird über sie diskutiert – eine Entwicklung, die auch die Menschen in Büchenbronn, Engelsbrand und Schömberg kennen. Vor Ort traf die PZ im Sommer 2015 Fans und Gegner der Windkraft – und stellte fest: Die schweigende Mehrheit bildet eine andere Gruppe. PZ-news zeigt alle wichtigen Karten zum Thema und listet rund 50 Quellen auf, auf die sich die Protagonisten beziehen.

Es wäre ein Leichtes, von Straubenhardt das Bild eines zerrissenen Ortes zu zeichnen. Eine Fusionsgemeinde mit sechs Ortsteilen und 11000 Einwohnern, in der mitunter schon ein Elektrofahrrad als Provokation gesehen wird. „Ökoarsch“ ruft ein – mit Benzin fahrender – Zweiradfahrer dem PZ-Redakteur auf dem Pedelec hinterher. Es soll nicht das letzte kritische Wort der Recherchereise bleiben.

Nicht nur in Straubenhardt wird über die Windkraft gestritten, sondern fast überall, wo Windräder entstehen sollen. Den aktuellen Planungsstand zeigt diese Karte:

Und konkret in Straubenhardt? Auf der einen Seite stehen hier die Gegner der elf geplanten, insgesamt knapp 200 Meter hohen Windkraftanlagen, die bei der Infoveranstaltung schon mal „Betrug“ brüllen und Kontrahenten mit höhnischem Gelächter unterbrechen. Es sind Kritiker, die im Zwiegespräch sachlicher argumentieren, aber auch da deutliche Worte wählen: Dem Tüv Süd werfen sie ein Gefälligkeitsgutachten vor, zu den Windgeschwindigkeiten sagt Heinz Hummel: „Das ist ein Lotteriespiel mit Zahlen, die falsche Tatsachen vorgaukeln. Das ist fast schon kriminell.“

Dass sich Befürworter ähnlich in Rage reden können, beweist Michael Gruner: Der Feldrennacher, der sich wegen der Windkraft-Frage mit seinem Nachbar zerstritten hat, schimpft über „plumpe Behauptungen“, und fordert, die Gegner sollten „aufhören, Leute aufzuwiegeln“ und anfangen, „ihr Hirn einzuschalten“.

Das zeigt: Es gibt bereits erste Gräben hinter den hübsch hergerichteten Vorgärten. Doch wer durch Coschwa, Langenalb und Co. radelt, sieht an den Autos häufiger Abi-Aufkleber oder Werbung für Musik- und Straßenfeste als Gegenwind-Sticker. Er lernt in einem mit Anti-Windkraft-Banner verzierten Laden am Schwanner Kreisel eine Verkäuferin kennen, die sagt: „Wegen dem Bekenntnis bleiben hier keine Kunden weg, wir haben eher noch Zuwachs bekommen.“ Und er trifft mehrheitlich Menschen, die ebendiese kritischen Plakate achselzuckend zur Kenntnis nehmen.

Mit 50 Straubenhardtern hat die PZ im Juli gesprochen. Mehr als die Hälfte davon hatte keine eindeutige Meinung zur Windkraft – und doch gibt es einen Punkt, den fast alle ähnlich sehen: Das Thema polarisiert. „Gehen die scharfen Diskussionen so weiter“, befürchtete einer, „bricht hier vieles auseinander.“

Die Befürworter

Als auf der Terrasse von Michael Gruner ein junges Schwein auseinandergenommen wurde, war die Welt noch in Ordnung. Ein „Riesenfest“ sei es gewesen, erinnert sich der Architekt, als hier in Feldrennach der 100. Geburtstag gefeiert wurde. Getränke flossen in die Kehlen, in den Mägen landete das Spanferkel, die Stimmung unter Freunden und Nachbarn war ausgelassen. Vor einem Jahr war das, als Gruner und seine Frau jeweils 50 – und gemeinsam 100 – wurden. Dieser Tage hatte Gruner eine Neuauflage geplant. „Aber seit das Ding da hängt, ist alles anders“, sagt er. „Das Ding“ ist ein Banner seines Nachbarn, „Nein zu 12 Windkrafttürmen – XXXL – 200 m Höhe“ steht darauf. „Wir hatten die perfekte Nachbarschaft“, sagt Gruner. „Aber jetzt können wir nicht mehr an einem Tisch sitzen.“

Warum ruft die Windkraft solche Emotionen hervor? Die Suche nach einer Antwort beginnt auf Gruners Terrasse. In Straubenhardt ist der 51-Jährige eine seltene Spezies: Er ist nicht nur für diese Energieform (wie rund 70 Prozent der Deutschen), sondern steht auch mit seinem Namen dafür ein.

Er ist nicht der einzige, der die Windenergie als sinnvoll erachtet. Aber den Namen abdrucken? Oder gar ein Foto? „Gott bewahre“ entfährt es einer Dame, die gerade noch erklärt hatte, dass sie der Anblick der Anlagen nicht störe. Sie will anonym bleiben, „sonst gibt das nur Streit“. Gruner glaubt, dass viele ähnlich denken: „Die Gegner schreien so laut, als würden sie 80 Prozent abdecken. Deswegen traut sich niemand, offen Paroli zu bieten.“ Dabei habe sich die Mehrheit noch gar nicht intensiv mit dem Thema befasst. „Die 250 Leute, die zu den Demos kommen, sprechen nicht für die 11 000, die nicht kommen“, sagt Gruner.

Menschen wir er sind wichtig für den Investor Wircon und den Projektierer Altus. Denn diese halten sich in der inhaltlichen Diskussion – etwa bei der Infoveranstaltung Anfang Juli – zurück. Stattdessen verweist Wircon-Pressesprecher Marcus Gernsbeck auf das von ihnen gewählte förmliche Verfahren mit Offenlage der Genehmigungsunterlagen. Dort könnten Bedenken eingebracht werden. „Wir als Vorhabenträger nehmen dann gegenüber der Genehmigungsbehörde zu den vorgetragenen Bedenken und Einwände gerne Stellung.

Mehr in die Tiefe geht da Werner Faaß, der sich in der Langenalber Sporthalle von den buhenden Kritikern nicht unterkriegen lässt. Der von diesen gefürchtete Infraschall entstehe selbst beim Autofahren, sagt er. Und: „Was sind denn die Alternativen?“ Diese Frage stellt von Gruner. „Mit den Folgen der Atomenergie haben wir noch in 1000 Jahren zu kämpfen“, sagt er. ("Man schätzt, dass etwa 20 Halbwertszeiten vergehen müssen, bis ihre Radioaktivität (die der Spaltprodukte) auf ein Niveau absinkt, das für Lebewesen verträglich ist“, schreiben Theodore L. Brown und H. Eugene LeMay in "Chemie: Studieren kompakt". Weiter wird erklärt: „Die Halbwertszeit von Strontium-90, einem der langlebigen und gefährlichen Spaltprodukte, beträgt 28,8 Jahre; aufgrund dieser Zahl müsste man den Atommüll etwa 600 Jahre lagern.“ Beim Plutonium-239 beträgt die Halbwertszeit sogar 24.000 Jahre. Dieses werde aber in der Regel als nuklearer Brennstoff wiederverwendet.)

Und auch andere Formen der Energiegewinnung machten den Lebensraum kaputt – Fracking genauso wie Kohlekraftwerke. „Durch den CO2-Ausstoß säuft die Südsee ab, Regionen veröden, die Kraftwerke machen massenhaft Fische krank“, sagt er. „Und die machen hier ein Theater wegen ein paar Vögeln, die in die Windräder fliegen. Über sechs Tonnen Quecksilber stoßen die deutschen Kohlekraftwerke pro Jahr aus, zuletzt zitierte der Spiegel aus einer Untersuchung des Bundesumweltministeriums: Die Konzentration von Quecksilber in Fischen Kraftwerksgebieten in Elbe, Rhein und Donau sei „dauerhaft und flächendeckend überschritten“.

Zwar merkt auch Gruner kritisch an: „Natürlich werden die Erneuerbaren zu stark subventioniert.“ Dennoch seien sie der einzige Weg, um von Atom und Kohle wegzukommen. Inzwischen hat Deutschland den zweithöchsten Strompreis Europas. (Dies zeigen Daten des Europäischen Statistikamts, die hier in einer Grafik zusammengefasst wurden) 

Dennoch seien nur Wind, Sonne und Biomasse Alternativen zu Atom und Kohle. „Aber die Gegner“, kritisiert er, „denken nur bis zum eigenen Gartenzaun“. Er stört sich an „plumpen, unbewiesenen Behauptungen der Gegner“ – ein Vorwurf, den die Bürgerinitiative Gegenwind fast wortgleich vorbringt. Studien, die ihre Meinung belegen, haben beide Seiten. Das Problem: Zum Teil widersprechen sich selbst die wissenschaftlichen Erhebungen, zum Teil beruhen sie auch nur auf Schätzungen. „Die behaupten, dass ihre Häuser 30 Prozent an Wert verlieren“, sagt Gruner. (Verwiesen wird hier oft auf eine Befragung von Immobilienmaklern der Uni Frankfurt vor elf Jahren sowie Angaben von Haus und Grund zugleich gibt es aber auch Untersuchungen, die zwar kurze Delle, aber mittel- und langfristig keinen Wertverlust erkennen.  „Genauso kann ich sagen: Wenn die Gemeinde ökologisch bewusst handelt, steigt der Wert – beides ist nicht beweisbar.“

Etwa 7700 Quadratmeter – so viel wie ein Fußballfeld – werden pro Windrad benötigt, so die Betreiber. „Natürlich ist da ein kleiner Bereich zunächst einmal weg. Aber den holt sich der Wald größtenteils wieder zurück“, meint Gruner. Genau genommen geht es um 0,51 Prozent der Gesamtfläche, die zeitweise benötigt wird, rechnet Bürgermeister Helge Viehweg vor. „Der Orkan Lothar hat das Zehnfache zerstört“, erinnert er. Da ein Teil der Fläche wieder aufgeforstet werde, würde für elf Anlagen langfristig der Platz von vier bis sechs Fußballfeldern benötigt. (Diese Zahlen nannte Viehweg unter anderem bei der Informationsveranstaltung vom 7. Juli 2015. Im Genehmigungsantrag, als noch von 12 Anlagen die Rede war, sprach Wircon von 14,5 ha Eingriffsfläche – dies sind etwa 20 Fußballfelder a 68 x 105 Meter. Inzwischen geht es nur noch um 11 Windräder. Die Prozentwerte beruhen auf Berechnungen der Gemeinde: Nach deren Angaben umfasst der Staatswald 1690 Hektar.Laut Wircon werden 5,116 Hektar für die Zuwegung und 9,42 Hektar für zwölf Anlagen benötigt.)

Argumente beider Seiten finden Sie in dieser Infografik, indem Sie mit der Maus über die Symbole fahren:

Als Verteidiger der Windkraft tritt aber auch Viehweg nicht auf. Er verweist lediglich darauf, dass die Verwaltung Vorgaben der Landesregierung umsetzt. Diese hatte 2012 entschieden, dass Kommunen „der Windkraft substanziell Raum geben müssen“, wie er gebetsmühlenartig wiederholt. Wenn eine Gemeinde dies nicht macht, obwohl die Voraussetzungen für Windenergie gegeben sind,verliert sie die Planungshoheit – dann könnten die Anlagen im sogenannten Außenbereich theoretisch überall entstehen.

Seit 2011 wird in Straubenhardt über die Windenergie gesprochen. Damals wie heute ist Michael Gruner für diese Energieform. Als der Wind auf seiner Terrasse wieder auffrischt, meint er schmunzelnd: „Ich sage jetzt immer, das ist gar kein Wind, sondern der Infraschall.“ Doch Sekunden später ist er wieder ernst: „So wie sich die Gegner verhalten, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Gräben wieder zugeschüttet werden“, sagt er. „Das Thema spaltet wirklich – und das ist so schade.“ Das geplante Fest hat er inzwischen abgesagt.

 

Die Gegner

Zwei Stockwerke geht es die Treppen hoch bis zur Langenalber Wohnung des Ehepaars Olivier. Ein Blick nach links, wo im Seitenfenster Kelterns Weinberge auftauchen. Dann hinein ins Wohnzimmer, ein Blick gen Balkon, in Richtung Rotensol, Dennach und Dobel, wo Wald und Wiesen die Oberhand haben – und wo Ende 2016 elf Windräder stehen könnten. Haustür, Balkontür, Gartentür: Denken die Mitglieder der Bürgerinitiative Gegenwind nur bis hierhin, bis zu ihrem eigenen Reich? Drei Stunden pro Tag investieren die Kritiker durchschnittlich in ihren Kampf. „Wir machen das, um uns eben nicht dem Vorwurf aussetzen zu müssen, nur Angst zu schüren. Wir machen das, weil wir einen Unsinn verhindern wollen, der Natur, Gesundheit und Artenschutz in Frage stellt“, sagt Heinz Hummel, einer der BI-Köpfe.

Um welche Region es genau geht, sehen Sie hier:

Der Architekt war Ortsvorsteher in Dennach, die Oliviers sind im Ruhestand. Dass die Sorge vor der Windkraft dennoch kein Thema ist, das nur ältere Häusle- und Wohnungsbesitzer interessiert, beweist Tobias Klaus: Der 17-Jährige geht in Conweiler zur Schule, gerade wartet er in Langenalb auf den Bus: „In meiner Klasse sind viele dagegen“, berichtet er. Die Familie eines Mitschülers „hat Angst, dass der Infraschall ihre Pferde verrückt macht“. Infraschall – eines von vielen Reizthemen. Die Gegner verweisen auf eine australische Studie, bei denen Anwohner die Auswirkungen von Windturbinen gespürt haben. Dagegen hat die Landesanstalt für Umwelt ermittelt, dass der Infraschall auf 700 Metern Entfernung – so der Mindestabstand zu Häusern – vor allem vom Wind selbst erzeugt wird.

Ein anderes Problem sehen dagegen Befürworter und Gegner gleichermaßen: „Wie können die Energie bisher nicht effektiv speichern“, stellt Martin Kokott aus Conweiler fest. (Das Umweltbundesamt nennt zwar einige Techniken, die aber alle mit deutlichen Verlusten verbunden sind. Die Speicherprobleme bestätigt das Wirtschaftsministerium, das daher die Förderinitiative Energiespeicher gestartet hat) 

„Windkraft erzeugt Strom, wann sie mag“, sagt Jürgen Falkenberg von der BI – und das sei mal zu viel und mal zu wenig. „So lange es keinen Speicher gibt, müssen Sie immer zusätzliche Kraftwerke weiterlaufen lassen.“ Nicht nur weil daher Kohlekraftwerke als stille Reserve bereitstehen müssen, verbraucht die Windenergie zusätzliches Geld. „Die EEG-Umlage kostet die Verbraucher pro Jahr rund 24 Milliarden Euro“, rechnet Hummel vor. Das Geld würde die BI lieber in Maßnahmen zur Senkung des Stromverbrauchs stecken: „Energie, die ich nicht brauche, muss ich gar nicht erst produzieren“, sagt Hummel, der so zum nächsten Streitpunkt überleitet: Wie viel Energie wird durch die Windräder überhaupt produziert?

Das hängt ganz davon ab, wie oft und wie stark der Wind bläst. Planer Altus rechnet nach seinen Messungen und dem darauf basierenden Tüv-Gutachten mit 6,3 Metern pro Sekunde auf 140 Metern Höhe (Nabenhöhe der Windräder), die Gegner mit 4,5, der Windatlas gibt Werte zwischen 5,25 und 5,75 Metern an.

Durch den Windatlas können Sie sich auch hier durchklicken:

Hummel kritisiert: „Das Gutachten wurde vom Betreiber bezahlt, da ist doch klar, welches Ziel es verfolgt.“ Dagegen sagt Investor Wircon, dass der Atlas „nie eine konkrete Wirtschaftlichkeitsberechnung vor Ort ersetzen“ kann und die Messungen genauer seien. Die elf Windräder könnten im Schnitt 22 000 Drei-Personen-Haushalte mit Strom versorgen.

„Wir hätten nur Auszüge aus dem Windgutachten veröffentlichen müssen", sagt ein Sprecher von Wircon. Aus Gründen der Transparenz haben man entschieden, dieses komplett freizugeben. Und: „Wir wollen keine Investitionsruinen. Wir wollen die Anlagen dort haben, weil sie wirtschaftlich sein werden“, betont Geschäftsführer Peter Vest bei der Infoveranstaltung Anfang Juli.

Lösen könnte den Konflikt ein „neutrales Gutachten, das wäre wichtig“, sagt Tanja Pelosato aus Dennach. Die Windhöffigkeit werde im Laufe des Verfahrens ohnehin noch geprüft, heißt es dazu aus Straubenhardt. Sei das Ergebnis, dass sich der Windpark nicht rentiert, „werde ich den Vertrag nicht unterschreiben“, verspricht Bürgermeister Helge Viehweg. Das gilt freilich nur für die drei Anlagen im Gemeindewald. Für die acht im Staatswald hat das Land die Verträge bereits unterschrieben. Die BI glaubt, dass die Verwaltung ihre Eingriffsmöglichkeiten hier selbst kleinrechnet: „Die Gemeinde hat Planungshoheit über die gesamte Gemarkung Straubenhardt, unabhängig von deren Eigentümerstruktur“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Eine Folge der überall aufflammenden Konflikte um die Windkraft ist, dass der Ausbau nur langsam vorangeht. Nur 0,9 Prozent des Energieverbrauchs wurde in Baden-Württemberg im Jahr 2014 durch die Windenergie gedeckt. 395 Anlagen sind derzeit in Betrieb, 2014 kamen nur sieben neue hinzu. Zwar wurden 94 genehmigt – so viele wie nie zuvor. Doch um das Zehn-Prozent-Ziel zu erreichen, wären rund 1200 der 3-Megawatt-Anlagen nötig,

Zurück nach Straubenhardt: Wut herrscht dort auch auf den Gemeinderat. Den gewählten Vertretern wirft Jan Lauser „Ignoranz und Arroganz gegenüber den eigenen Bürgern“ vor. „Von dort kommen keine Sachargumente“, kritisiert Christel Olivier. Nur vier von 18 Ratsmitgliedern hätten sich bei den BI-Veranstaltungen sehen lassen. Diese argumentieren meist ähnlich wie Viehweg: Man halte sich nur an gesetzliche Vorgaben.

Das sieht die BI anders – und warnt: „Die Gemeinde muss sich schon fragen, ob es die 70 000 Euro Pacht wert sind, dass ich hinterher eine gespaltene Gesellschaft habe“, sagt Hummel – eine Summe, die der PZ niemand bestätigen wollte. Hummel glaubt: „Die Stadt lebt doch von seinen Menschen, seinen Vereinen und deren Struktur. Das ist am Ende alles zerstört.“

 

Die Unentschlossenen

Die, die am meisten unter Streit leiden, sind oft die, die zwischen den Stühlen sitzen – und davon gibt es in Straubenhardt eine ganze Menge. Da ist etwa die Chefin eines Lebensmittelgeschäfts, die sagt: „Ein Kunde aus Dennach hat angekündigt, die Läden hier zu boykottieren, wenn die Windräder kommen.“ Da ist Silas Härter vom Jugendgemeinderat, der kritisiert: „Das ist doch nicht mehr normal. Hier werden Leute persönlich angegriffen, da hört es irgendwann auf.“ Und da ist Gerhard Fauth, der fragt: „Ist das der Sinn der Sache, dass wir im Streit leben?“ Der Rentner erinnert sich an Diskussionen um einen Mobilfunkmasten, der in einer Nachbargemeinde gebaut wurde. „Das hat ganze Familien zerrissen. Und genau das droht uns hier jetzt auch.“

Der Feldrennacher selbst sieht sowohl das Für als auch das Wider beim Thema Windkraft: „Mir ist daran gelegen, dass die Natur erhalten bleibt“, sagt er. „Aber es gibt ja überall einen Haken, auch bei Kohlekraftwerken und der Atomkraft.“ Mit dieser Haltung steht Fauth beispielhaft für die Mehrheit in seiner Gemeinde.

Beispiel Schwann: 30 Schritte nach dem Ortseingang taucht bereits das erste Plakat gegen die „Industrie-Anlagen in unserem Wald“ auf. Genau gegenüber wohnt Fritz Kaupp, der das Thema aber gelassen sieht: „Ich muss mich erst noch richtig kundig machen, ehe ich vielleicht auf eine Seite schwenke“, sagt er. Und gut 20 Häuser weiter meint Cemal Balci, der Chef des „Bosporus“-Imbisses: „Als Energiequelle finde ich Windkraft nicht schlecht. Aber klar, optisch ist es nicht schön, daher wollen es viele nicht haben.“ Gebäck statt Döner verkauft Bettina Röder in der Langenalber Hatz-Bäckerei. „Manchen Älteren ist das Thema egal und sie wissen nicht so genau, um was es geht“, vermutet sie. Dennoch sieht die Rotensolerin noch einen Grund dafür, dass ihre Kunden kaum über Windkraft sprechen: „Nicht nur aus Desinteresse. Es ist auch so, dass man nicht anecken will – man weiß ja nicht, was der andere denkt.“

Gar nicht schweigsam geht es dagegen in der Langenalber Sporthalle zu, wo vor allem die Kritiker zur Infoveranstaltung gekommen sind. Jürgen Bechtle aus Schwann ist da schon die Ausnahme: Ihn erschrecke zwar der Gedanke an 200 Meter hohe Windräder, „doch ich bin hier um mir eine Meinung zu bilden“. Abgesehen von ihm sind die unentschiedenen Straubenhardter, die im Alltag die schweigende Mehrheit bilden, hier aber kaum vertreten.

Warum nicht? „Zu viel Aufwand“, mein ein Ottenhausener. „Hier gibt es wichtigere Themen“. In Conweiler meint eine junge Frau, ihr sei die „Zeit zu schade, um dorthin zu gehen. Denn die machen ja eh was sie wollen, ich habe da resigniert.“ Und eine Langenalber Rentnerin findet das Thema an sich zwar spannend: „Aber die ständige Propaganda auf beiden Seiten, die nervt mich.“ Nur gut, dass es da auch Straubenhardter gibt, die einen kühlen Kopf bewahren. So sieht der Schwanner Kaupp als einer der wenigen „keine Gefahr, dass die Windkraft die Gemeinde spaltet. Die Vernunft wird siegen.“

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